Interview mit Kreisheimatpfleger Martin Maschke: "Heimat ist wieder gefragt"

Anja Hustert

Heimatverbunden: Kreisheimatpfleger Martin Maschke vor einem Ölgemälde, das eine alte Ansicht des Steinhagener Ortskerns zeigt. Am Revers steckt immer die Nadel vom Westfälischen Heimatbund. - © Anja Hustert
Heimatverbunden: Kreisheimatpfleger Martin Maschke vor einem Ölgemälde, das eine alte Ansicht des Steinhagener Ortskerns zeigt. Am Revers steckt immer die Nadel vom Westfälischen Heimatbund. (© Anja Hustert)

Steinhagen/Kreis Gütersloh. Der Begriff Heimat ist in aller Munde. Heimat prägt Menschen, sie ist der Aufhänger für viele Geschichten. Sie gibt Anlass für Diskussionen – gesellschaftlich wie politisch. Für Martin Maschke ist das Thema Heimat ein Herzensanliegen – der Steinhagener ist seit 1994 Kreisheimatpfleger des Kreises Gütersloh und Vorsitzender des Heimatgebietes Minden-Ravensberg.

Herr Maschke, ist unsere Heimat ein Pflegefall?

Martin Maschke: Keineswegs. Ich bin sehr froh, wie sich der Begriff Heimat gewandelt hat – von einem Schimpfwort der 70er Jahre, wo das Fach Heimatkunde ja aus dem Schulplan verschwunden ist und die Kinder über den Regenwald in Brasilien mehr wussten als über die Ravensburg. Momentan ist Heimat wieder gefragt.

Der Begriff Heimat wird sogar inflationär gebraucht, finden Sie nicht?

Maschke: Ja, ich habe ein wenig Sorge, dass der Begriff Heimat zu einem Modebegriff zu verschleißen droht. Wenn der Käse im Laden nun schon Heimat hat, schmeckt mir das nur sehr begrenzt.

Nicht nur im Supermarkt wird der Heimatbegriff bemüht, auch in der Politik.

Maschke: Da müssen Sie nur in Ihre Zeitung schauen: Da sehe ich, dass es in NRW auf einmal Heimatbotschafter und sogar eine Heimatministerin gibt. Und auch Sigmar Gabriel von der SPD möchte den Begriff Heimat nicht nur den Konservativen überlassen.

Ist der Begriff denn nicht per se konservativ?

Maschke: Ich sage durchaus, dass Heimatfreunde eher konservativ sind – im positiven Sinne, wenn es darum geht, das Gute zu bewahren.

Gerade mit Blick auf die vielen Flüchtlinge wird viel über Heimat diskutiert – zu Recht?

Maschke: Betrachten Sie die Weltsituation: Da sind Menschen, die ihre Heimat aufgeben und flüchten. Wo stehen wir da als Heimatfreunde? In meinen Augen nicht dort, wo die Grenzen dichtgemacht werden. Wir können zwar nicht die ganze Welt hier aufnehmen, aber wir können uns auch nicht einfach abschotten und sagen, das interessiert uns alles
nicht.

Das Heimatgefühl verbinden viele auch mit ihrer Sprache.

Maschke: Ja, die Sprache ist wichtig. Interessant finde ich den Ansatz der Norweger, die sagen, wer es in drei Jahren bei uns nicht schafft, unsere Sprache so zu erlernen, dass er sich – wenn auch etwas holperig – in der Landessprache mit anderen unterhalten kann, der bekommt bei uns kein Asyl.

Mal abgesehen von der deutschen Sprache – wie definieren Sie denn Heimat?

Maschke: Man kann nicht einfach sagen "ubi bene, ibi patria" – wo es gut ist, ist Heimat. Es ist mehr. Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle, wo meine Freunde sind, meine Familie. Es ist diese Verflochtenheit. Vielleicht kann man nach drei Jahren an einem Ort noch keine Heimatgefühle haben – aber man kann sich wohlfühlen, wenn man beispielsweise in den Kreis Gütersloh gezogen ist und dort Anschluss gefunden hat. Die Westfalen sind ja dafür bekannt, dass man mit ihnen erst einen Sack Salz verzehrt haben muss.

Muss es denn immer der Sack Salz sein?

Maschke: Vielleicht reicht ein Kilo – nach fünf Jahren kann man dann vielleicht von einem Heimatgefühl sprechen. Dazu gehört einfach auch Vieles an Kenntnissen von der lokalen Entwicklung und Geschichte. Nicht umsonst ist es so, dass Heimatvereine sich sehr um Geschichte bemühen. Wobei kein Heimatverein nur ein Geschichtsverein ist, das sage ich ausdrücklich. Denn – da sind wir wieder beim Konservativismus – es ist nur sinnvoll, nach hinten zu gucken, wenn man auch in die Zukunft schaut. Deswegen bringen sich die Heimatvereine beispielsweise auch beim Naturschutz und bei der Bauleitplanung von Gemeinden ein.

Und welche Aufgaben hat ein Kreisheimatpfleger?

Maschke: Ich betreue die 32 Heimatvereine, die wir im Kreis haben. Wobei ich es in meiner Zeit auch nicht verhindern konnte, dass sich der Heimatverein Avenwedde aufgelöst hat, weil sich keine Leute mehr für die Vorstandsarbeit fanden. Ich berate die Heimatvereine bei Fragen, bin neutraler Vermittler, wenn es Probleme zwischen Heimatvereinen und Kommunen gibt. Laut Satzung des Westfälischen Heimatbundes bestelle ich auch die Ortsheimatpfleger – zuletzt in Greffen und Harsewinkel. Als Nächstes wird in Matthias Holzmeier in Verl ein neuer Ortsheimatpfleger ernannt.

Wie viele Ortsheimatpfleger gibt es denn im Kreis?

Maschke: Wir haben 650 Ortsheimatpfleger in Westfalen. Im Kreis Minden-Lübbecke gibt es 95 Ortsheimatpfleger bei elf Kommunen mit nur wenigen Heimatvereinen. Im Kreis Gütersloh haben wir nur etwa ein Dutzend Ortsheimatpfleger. Häufig sind die Vorstände der Heimatvereine dann die Ansprechpartner vor Ort – und da sind wir mit 32 Heimatvereinen gut bestückt.

Heimatvereine gelten ja nicht gerade als Vereine mit vielen jungen Menschen. Wie können Sie das ändern?

Maschke: Ich kann jedenfalls nicht die Situation verändern, dass junge Menschen in der Mitte ihres Lebens durch Beruf und Familie stark eingespannt sind – da bleibt kaum Luft, sich für mehr als eine Sache zu engagieren.

Gibt es Ausnahmen?

Maschke: Wir machen den nächsten Kreisheimattag voraussichtlich im Mai in Bockhorst – da ist eine ganz neue junge Mannschaft am Werke.

Wie alt waren Sie?

Maschke: Ich habe mich mit 38 Jahren – noch vor meiner Verheiratung – vom neu gegründeten Heimatverein Steinhagen 1970 in die Pflicht nehmen lassen.

Also war früher alles besser?

Maschke: Nein. So ein Satz macht mich eher wütend. Ich pflege durchaus die Erinnerung, weil man aus guten Sachen lernen sollte – was gar nicht so leicht ist. Aber der Blick in die Zukunft ist etwas ganz Wichtiges, und da haben heimatbegeisterte Leute mit ihren Erfahrungen durchaus etwas zu sagen. Heute ist eine andere Zeit, und sie erfordert andere Lösungen als noch vor Jahrzehnten.

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