Am Kraalbusch war weniger mehr

Jonas Damme

Morgendliche Idylle: Der See im Zentrum des Kraalbuschs ist noch immer wunderschön. Sein schutzwürdiges Potenzial hingegen soll gering sein. - © Foto: Jonas Damme
Morgendliche Idylle: Der See im Zentrum des Kraalbuschs ist noch immer wunderschön. Sein schutzwürdiges Potenzial hingegen soll gering sein. (© Foto: Jonas Damme)

Steinhagen. Der Status "Naturschutzgebiet" ist nicht in Stein gemeißelt. Flora und Fauna verändern sich auch in unter Schutz gestellten Gebieten stetig. Im Extremfall kann dass dazu führen, dass der Bereich aus Sicht der Biologen nicht mehr schützenswert ist. So geschehen im ehemaligen NSG Kraalbusch.

Das nur etwa 4,2 Hektar große sumpfige Waldgelände liegt westlich der Isselhorster Straße, südlich vom Gestüt Westfalenhof. Das Gebiet war bereits 1939 unter Naturschutz gestellt worden. Das unter dem NS-Regime entstandene Reichsnaturschutzgesetz wies in OWL bis 1945 ganze 17 NSGs aus.

Schon in den 1980ern ist dem Kraalbusch dieser besondere Status wieder aberkannt worden. „Im Rahmen des Landschaftsplanverfahrens Halle-Steinhagen wurde damals geprüft, ob es noch sinnvoll ist“, erläutert Wilhelm Gröver, Leiter der Umweltabteilung des Kreises Gütersloh das Verfahren. „Damals sah man nur noch ein geringes Potenzial.“ Aufgrund der mehr als 30 Jahre zurückliegenden Geschichte ist es nicht einfach, das NSG zu rekonstruieren. Glücklicherweise haben sich aber einige lokale Biologen mit dem Gebiet beschäftigt, darunter auch Heinz Lienenbecker.

Das Kernstück des Areals bildet ein größerer, von einem Graben durchflossener, Teich – so hat es Lienenbecker in seinem Buch »Naturschutzgebiet und Naturdenkmäler in Steinhagen« festgehalten. Früher wuchsen am Gewässer Teichbinse, Schilf, Wasser-Schwertlilie und mehr. In der unmittelbaren Umgebung fanden sich ausgeprägte Weiden-Faulbaum-Gebüsche, sowie Erlen- und Birkenbruchwälder. Weitere dort verbreitete seltene Pflanzenarten waren Flutender Sellerie (der heute stark gefährdet ist), Gagel (mittlerweile ebenfalls auf der Roten Liste), Glockenheide (fast nur noch in NSGs zu finden) und viele weitere seltene Arten.

Wie in vielen anderen NSG sorgte die Nährstoffknappheit dafür, dass viele Arten vorkamen, die anderenorts im Laufe der Jahrzehnte immer seltener geworden waren. Nährstoffe, die insbesondere durch Dünger aus der Landwirtschaft eingetragen wurden, wurden dem Kraalbusch schließlich zum Verhängnis. Schon in den 1950er Jahren stellten Biologen fest, dass sich nährstoffliebende Pflanzensorten im Moorgebiet ausbreiteten, die dort nichts zu suchen hatten.

Mit der zunehmenden »Eutrophierung« – so der Fachbegriff für die schädliche Nährstoffanreicherung – des Gewässers, die von dem durchlaufenden Graben ausging, starben die auf nährstoffärmere Verhältnisse angewiesenen Arten im Lauf der Zeit aus. Strandling und Gagel konnten beispielsweise zuletzt zu Anfang der 1970er Jahre beobachtet werden.

Wie Lienebecker beobachtete, sollen dann Entenfütterungen und das Aussetzen von Fischen der bedrohten Flora, die auf die Nährstoffknappheit angewiesen war, den Rest gegeben haben. Aufgrund der starken biologischen Veränderung und des weitgehenden Verlustes schützenswerter Pflanzenarten wurde die Schutzverordnung schließlich aufgehoben. Später wurde der Teich dann als Angelgewässer genutzt. Heute besuchen ihn noch Wanderer, Reiter und Spaziergänger.

Am Kraalbusch lässt sich damit ein Aspekt bei der Ausweisung von Naturschutzgebieten darlegen, den Gröver und Kollegen heute besonders im Blick behalten. „Umwelteinflüsse müssen immer stärker berücksichtigt werden“, so Gröver, „Naturschutzgebiete sind weder statisch, noch stehen sie für sich alleine.“ Einerseits wird mittlerweile grundsätzlich in großen Maßstäben gedacht: Verbundsysteme sollen stärker als einzelne Biotope bedeutsame Arten schützen.

Außerdem müssen die Umweltschützer fortlaufend kontrollieren, wie sich der Eintrag von Pestiziden, Dünger und anderen Stoffen auf Tier- und Pflanzenwelt auswirkt. „Aber auch die Grundwasserstände werden noch ein Problem“, blickt der Experte voraus.

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