Terrorangst: Gymnasium streicht Fahrten in europäische Metropolen

Frank Jasper

Gestrichen: Ein Erinnerungsfoto mit Big Ben im Hintergrund wird es für die Englischschüler des Gymnasiums nicht mehr geben. Aber auch die Großstädte Prag, Wien und Paris steuert die Schule vorerst nicht mehr an. Foto: Melinda Nagy/www.fotolia.com - ©Melinda Nagy - stock.adobe.com
Gestrichen: Ein Erinnerungsfoto mit Big Ben im Hintergrund wird es für die Englischschüler des Gymnasiums nicht mehr geben. Aber auch die Großstädte Prag, Wien und Paris steuert die Schule vorerst nicht mehr an. Foto: Melinda Nagy/www.fotolia.com (©Melinda Nagy - stock.adobe.com)

Steinhagen. Auf der Lehrerkonferenz in der vergangenen Woche wurde unter anderem das Fahrtenprogramm für das kommende Jahr beschlossen. Die sonst am Steinhagener Gymnasium üblichen Ziele London, Paris, Prag und Wien tauchen darin nicht mehr auf. Stattdessen sollen kleinere Städte bereist werden. Als Alternative zu London geht es künftig nach Oxford. Schulleiter Josef Scheele-von Alven bedauert diese Entscheidung im Gespräch mit dem Haller Kreisblatt ausdrücklich, hält sie aber zumindest zum jetzigen Zeitpunkt für unvermeidbar.

„Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren bereits angebahnt", berichtet der Schulleiter mit Blick auf zurückliegende Terrorereignisse. Auf diese habe eine kleine Gruppe Eltern und Lehrer hysterisch reagiert. Scheele-von Alven ließ durchblicken, dass es in der Vergangenheit teils hochemotionale Auseinandersetzungen über die Sicherheit der Studienfahrten an der Schule gegeben haben muss. „Wir kriegen in der Schulgemeinschaft inzwischen keinen Konsens mehr in dieser Frage hin", teilt er mit.

»Haben uns vom Terror längst einschränken lassen«

Im vergangenen Jahr hatte das Gymnasium während der Studienfahrt mit dem Englisch-Leistungskurs nach London auf Sicherheitsbedenken bereits mit Programmänderungen reagiert. Statt die britische Hauptstadt unsicher zu machen, ging es raus ins Umland. „Dann können wir uns eine Londonfahrt aber auch gleich sparen", so Josef Scheele-von Alven.

Josef Scheele-von Alven, Schulleiter am Steinhagener Gymnasium - © Frank Jasper
Josef Scheele-von Alven, Schulleiter am Steinhagener Gymnasium (© Frank Jasper)

Die Entscheidung gegen die Fahrten in die Metropolen ist dem Schulleiter nicht leicht gefallen. „Die Gefahr, dass einer unserer Schüler durch einen Autounfall ums Leben kommt, ist ungleich größer, als die durch einen Terroranschlag", so Scheele-von Alven und weiter: „Immer ist die Rede davon, wir dürften uns von den Terroristen in unserem Leben nicht einschränken lassen, aber genau das ist längst passiert." Als Schulleiter stehe er jedoch in der Verantwortung und müsse jede Fahrt genehmigen. Dies sei momentan nicht möglich. Selbst Wien, das bislang vor Anschlägen verschont blieb, sei laut einigen Eltern nicht mehr zumutbar, weil sich dort die UNO-City befände.

Einzelne Schüler zuhause zu lassen, ist nach Ansicht von Josef Scheele-von Alven keine Lösung. Immerhin handele es sich bei den Studienfahrten um schulpflichtige Veranstaltungen. Durchgeführt werden die Studienfahren in der Regel für den Zeitraum von einer Woche am Ende des elften Jahrgangs.

Schüler kamen zufrieden aus dem kleinen Krakau zurück

Das Steinhagener Gymnasium steht mit der Problematik nicht alleine da, auch an anderen weiterführenden Schulen wird über die Sicherheitslage bei Klassenfahrten in Großstädten diskutiert. Nach dem U-Bahn-Anschlag in London am 15. September hatte die Realschule in Halle in Absprache mit dem Kollegium und Eltern kurzfristig ihre Klassenfahrt der 10?d in die Metropole abgesagt. Weil dadurch Stornierungskosten entstanden sind, hat die Absage für die Schule auch finanzielle Folgen. Die Fahrt soll an einem anderen Ort nachgeholt werden.

Das Steinhagener Gymnasium will die Enttäuschung über die Neuausrichtung – denn auch die gebe es – mit einem guten Programm in den kleineren Städten wettmachen. „Wir waren jetzt bereits mit zwei Gruppen in Krakau, und die sind zufrieden zurückgekommen", berichtet Josef Scheele-von Alven. Für ihn selbst geht es in Kürze privat nach London. „Dort werde ich sicherlich auch öffentliche Plätze besuchen und die U-Bahn benutzen", teilt der Schulleiter noch mit.

Kommentar

Nicht einschüchtern lassen

Als am 14. Juli 2016 ein Lkw auf der Promenade in Nizza in eine Menschenmenge rast und 86 Menschen tötet, sterben auch zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus Deutschland. Die gegenseitige Selbstvergewisserung nach solchen Ereignissen, sich von den Terroristen jetzt bloß nicht einschüchtern zu lassen, ist inzwischen eine zur traurigen Routine gewordene Bewältigungsstrategie. Sie ist und bleibt genau richtig. Sie ist alternativlos.

Dass ihr nicht jeder trotzig folgen mag oder kann, ist menschlich und gehört zur perfiden Strategie der Terroristen. Vermutlich beschleicht die meisten ein mulmiges Gefühl, wenn sie heute auf irgendeinem Bahnsteig neben einem herrenlosen Koffer stehen. Doch wie groß ist die Gefahr, bei einem Terroranschlag sein Leben zu verlieren?

In einer klarsichtigen Risikobewertung kann die Antwort nur lauten: extrem gering. Teil so einer Analyse könnte die Feststellung sein, dass das vergleichsweise überschaubare Nizza vor dem Anschlag 2016 ebenso wenig als typisches Anschlagsziel galt wie derzeit noch Krakau oder Oxford.

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