Der Streit um das Dach

Blendende Dachziegel müssen entfernt werden

Jonas Damme

Wider das blendende Dach: Der ehemalige Osterfeldstraßen-Anwohner Andreas Born (links) und Hausverwalter Ralf Köpp haben gegen den Kreis Gütersloh geklagt – mit Erfolg. - © Archivfoto: Jonas Damme
Wider das blendende Dach: Der ehemalige Osterfeldstraßen-Anwohner Andreas Born (links) und Hausverwalter Ralf Köpp haben gegen den Kreis Gütersloh geklagt – mit Erfolg. (© Archivfoto: Jonas Damme)

Steinhagen. An einem strahlenden Sommertag im Juli 2014 berichtete das Haller Kreisblatt über einen Nachbarschaftsstreit: Andreas und Ingrid Born aus der Osterfeldstraße ärgerten sich darüber, dass das frisch gedeckte Dach des Hauses im benachbarten Neubaugebiet an der Brandenburger Straße in ihr Wohnzimmer reflektierte.

Blick aus dem Wohnzimmer: Je nach Sonnenstand blendet das gegenüberliegende Hausdach. Nur bei geschlossenen Jalousien können es die Bewohner aushalten. Archivfoto: Andreas BORN - © Foto: Andreas Born
Blick aus dem Wohnzimmer: Je nach Sonnenstand blendet das gegenüberliegende Hausdach. Nur bei geschlossenen Jalousien können es die Bewohner aushalten. Archivfoto: Andreas BORN (© Foto: Andreas Born)

Tatsächlich schien der Streitfall besonders. Es waren nicht nur leichte Sonnenstrahlen, die durch die Glastüren fielen. Helles, blendendes Licht füllte im Sommer je nach Sonnenstand täglich mehrere Stunden den Wohnbereich. Die besondere Intensität hat zwei Gründe. Erstens liegt das nebenan gebaute Haus etwa zweieinhalb Meter niedriger als die Wohnung der Borns, das Dach also etwa auf Augenhöhe. Zweitens ist es mit glasierten Tonziegeln gedeckt, die stark reflektieren.

Familie Born und einige weitere Bewohner des Hauses an der Osterfeldstraße wendeten sich an die Gemeinde und den Kreis, mit der Aufforderung, gegen das blendende Dach vorzugehen. Dort sah man allerdings keinen akuten Handlungsbedarf. So der Stand des Artikels von 2014.

Zwei Jahre später haben die geblendeten Bewohner nun Recht bekommen. Im Juni 2016 entschied nach einem langen Marsch durch die Behörden das Verwaltungsgericht Minden zu ihren Gunsten. Vor kurzem endete auch die Einspruchsfrist, so dass nun klar ist: Das blendende Dach muss beseitigt werden.

Ehepaar stellte Lebensqualität vor Recht

Für die Bewohner und den Hausverwalter natürlich eine große Bestätigung. Wenn auch eine späte. Andreas und Ingrid Born sind mittlerweile nach Süddeutschland gezogen. Ingrid Born leidet unter einer Augenkrankheit und war deshalb von der Situation besonders stark betroffen. Da lange nicht klar war, ob es eine Lösung geben würde, entschied sich das Paar, Lebensqualität vor Recht zu stellen.

Zuvor hatten sie mit den anderen Hausbewohnern den Kontakt zu mehreren Behörden gesucht. Schon bevor das Dach fertig gedeckt war, waren sie an den Kreis Gütersloh herangetreten. Der hatte damals einen Mitarbeiter geschickt, der sich die Situation ansah und entschied, nicht einzugreifen. Die Argumentation war damals: Obwohl der gültige Bebauungsplan „glasierte Dachsteine/-ziegel“ explizit für unzulässig erklärt, sei kein Handeln erforderlich. Das liege daran, dass diese Regelung keine „nachbarschaftsschützende Funktion“ habe, sondern nur die „optische Einheitlichkeit des Baugebietes“ waren solle. Die Dachziegel wieder abzunehmen, sei deshalb „unverhältnismäßig“.

„Dacheindeckung materiell rechtswidrig“

Die Osterfeldstraßen-Bewohner aber blieben beharrlich. Im Frühling 2015 schalteten sie schließlich einen Anwalt ein, der vor Gericht zog. Er argumentierte sehr detailliert, dass mehrere Wohnungen im Erdgeschoss und im ersten Stock vom Mai bis August bei gutem Wetter täglich von 11 bis 15 Uhr unter „unzumutbarer Blendeinwirkung“ litten. Nur 15 Monate später erging dann auch das eindeutige Urteil, ohne, dass eine mündliche Verhandlung überhaupt nötig gewesen wäre.

Auf 14 Seiten erläutert das Verwaltungsgericht, dass die „Dacheindeckung materiell rechtswidrig“ ist. Noch einmal ging die beklagte Kreisverwaltung in Berufung, zog aber zurück, nachdem ihr Sachverständige ein Scheitern prognostiziert hatten. Nun ist das Urteil also rechtskräftig. Der Beklagte, also der Kreis, ist jetzt aufgefordert, den Eigentümern des Nachbarhauses „aufzugeben“, das blendende Dach zu beheben – noch strahlt das allerdings im alten Glanz.

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