Von derbe bis gefühlvoll

Belcanto-Chöre präsentierten Polyphonie vom Renaissance-Schreittanz bis zum Filmhit

Edwin Rekate

Union der Stimmen: Der Belcanto-Kammer- und der Männerchor fusionieren beim Frühjahrskonzert im Historischen Museum. - © Foto: Edwin Rekate
Union der Stimmen: Der Belcanto-Kammer- und der Männerchor fusionieren beim Frühjahrskonzert im Historischen Museum. (© Foto: Edwin Rekate)

Steinhagen. Zum Aufmuntern startete der Belcanto-Kammerchor keck mit »Kikeriki, Kakakanei« vom Barockkomponisten Johann Hermann Schein. „Da der Hahn bekanntlich morgens kräht sind wir schon mitten drin, im Programm", sagte Chorleiter und Conférencier Michael Lehmann.

Flinke Finger: Janine Dahlmann interpretiert »Tears in Heaven« und schafft dem Belcanto Kammerchor damit die Basis, das Lied mehrstimmig aufzubauen. (Foto: Edwin Rekate) - © Foto: Edwin Rekate
Flinke Finger: Janine Dahlmann interpretiert »Tears in Heaven« und schafft dem Belcanto Kammerchor damit die Basis, das Lied mehrstimmig aufzubauen. (Foto: Edwin Rekate) (© Foto: Edwin Rekate)

Er sagte alle Titel persönlich an und eröffnete im Anschluss an das humoristische Lied die traditionelle, gesangliche Frühjahrsdarbietung im Historischen Museum.

Das einstudierte Programm ist darauf abgestimmt, den Tageszyklus mit Songs zur Morgen- und Abendstunde zu besingen, doch bevor die Belcanto-Sängerinnen Mozarts »Bald prangt, den Morgen zu verkünden« mit ihrem glasklaren Timbre ertönen ließen, stimmte der Männerchor zwei herrliche Reiselieder mit integriertem Fernweh an. Die bereits angekündigte »Abendruhe«, ebenfalls aus der Feder Wolfgang Amadeus Mozarts, bot stilistisch eine schöpferische Zäsur.

Noch vor der Pause destillierten der Männer- sowie der Kammerchor derbe Trinklieder, zunächst erschallte »Freunde, lasst uns trinken« von dem populären Über-den-Wolken-Liedermacher Reinhard Mey, dann das mittelalterliche »Tourdion« von Pierre Attaingnant. Diese hochprozentigen Gesangsinszenierungen fügten sich wie eingegossen in das Ambiente des Historischen Museums.

Schicker höfischer Renaissance-Schreittanz

Schöne Stimmen: Chorleiter Michael Lehmann dirigiert beim Frühjahrskonzert im Historischen Museum den Kammerchor. - © Foto: Edwin Rekate
Schöne Stimmen: Chorleiter Michael Lehmann dirigiert beim Frühjahrskonzert im Historischen Museum den Kammerchor. (© Foto: Edwin Rekate)

Nach einer kleinen Ruhezeit mit Imbiss und Erfrischungen durchflutete ein schicker höfischer Renaissance-Schreittanz, die »Pavane« von Thoinot Arbeau, die Räumlichkeiten, rhythmisch dezent begleitet von Myriam Kramer am Tamburin. Anknüpfend an die Fusion folgten vorausdeutende Abschiedslieder des Belcanto-Männerchors. »Innsbruck, ich muss dich lassen« von Heinrich Isaac (1450-1517) ging dem »Lebewohl« von Friedrich Silcher voraus, dessen kämmende »Loreley« ebenfalls die Gunst der Ausführenden und des Auditoriums erlangte. Mit dem Beatles-Megahit »Yesterday« erfolgte die Überleitung zur Moderne.

Perfekte Polyphonie baute der Kammerchor im zweiten Programmabschnitt beim Bette-Midler-Song »The Rose« auf. Der Kunstgriff der Belcanto-Sängerinnen ist hier die sich über mehrere Strophen entfaltende Mehrstimmigkeit, bei der der Reihe nach Sopran, Alt und Tenor einsetzen. Eine sehr gefühlvolle Steigerung entsteht, wenn Larissa Kern, Katrin Redecker, Anja Büscher und Susanne Lehmann phonisch mit ihren Stimmen hervortreten und die Leidenschaft im Liedgut in einem cantus firmus offenbaren.

Umgehend schloss sich die melancholische Softrock-Ballade »Tears in Heaven«, für die Eric Clapton und Will Jennings 1993 mit dem Grammy ausgezeichnet wurden. Der Soundtrack ist das neuste Stück im aktuellen Belcanto-Repertoire. Die Musikpädagogin Janine Dahlmann greift dabei zur Gitarre und bereitet mit zart gezupften Saiten und fingerfertigen Trillern die akustische Fläche, auf die der Kammerchor den Soundtrack dreistimmig aufbauen kann.

Nach dem irischen Segensgesang »Irish Blessing« wiederholten die vereinigten Belcanto-Chöre als Zugabe nochmals den lebhaften Springtanz »Tourdion«. Ihre finale Dynamik, von mezzoforte bis fortissimo, vollendet durch den Dirigenten ausgepegelt, garantierte einen kräftigen Hörgenuss und ließ ein begeistertes Publikum am frühen Sonntagabend den Heimweg aufnehmen.

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