Eine mögliche Impfpflicht sorgt für Diskussionen im Altkreis

Heiko Kaiser,Rolf Uhlemeier

Braucht es in Deutschland eine Pflicht zur Masernimpfung? Die Meinungen gehen auseinander. - © Henrik Dolle - fotolia
Braucht es in Deutschland eine Pflicht zur Masernimpfung? Die Meinungen gehen auseinander. (© Henrik Dolle - fotolia)

Altkreis Halle. Freiwillig impfen, nicht impfen, Pflichtimpfung. Sehr emotional ist in den vergangenen Wochen die von Bundesminister Jens Spahn angestoßene Diskussion um eine Masernimpfpflicht für Kinder geführt worden. Spahn reagierte damit auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das UN-Kinderhilfswerk Unicef, die wegen der Ausbreitung der Masern Alarm geschlagen haben. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der gemeldeten Infektionen laut WHO im Vergleich zu 2017 um 50 Prozent. Weltweit starben 136.000 Menschen an den Masern.

In Deutschland wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) im ersten Quartal des laufenden Jahres 368 Masernfälle gemeldet. Das ist ein Anstieg von 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (204 Fälle), allerdings auch ein Rückgang von knapp 40 Prozent zum Jahr 2017. Beim Blick auf den größeren Maßstab – die Entwicklung der Masernzahlen insgesamt in Deutschland pro Jahr – zeigt sich kein Trend zu einer Zunahme.

Info
Krankheitsfälle: 35 Masernfälle gab es seit 2001 im Kreis Gütersloh. 13 davon im Jahr 2008, als an der Waldorfschule ein Kind erkrankte. 24 der Infizierten waren jünger als 18 Jahre, ein Kind erkrankte im ersten Lebensjahr.

Todesfälle: 76 Menschen sind von 2001 bis 2018 in Deutschland an Masern oder der gefürchteten Spätkomplikation einer Gehirnentzündung (SSPE) gestorben. 59 SSPE-Fälle zählte das Robert-Koch-Institut in den vergangenen 18 Jahren.

Die Quote der Impfversager liegt bei 5 bis 10 Prozent

Heute haben nach Daten des RKI bei der Einschulung 97 Prozent der Kinder die erste Impfung gegen Masern erhalten, gut 93 Prozent auch die zweite. Bei beiden Impfungen wird statistisch eine Quote von etwa fünf bis zehn Prozent an sogenannten Impfversagern beobachtet, also Kindern, die trotz Impfung keine ausreichende Immunität erlangen.

Damit verfehlt Deutschland knapp das Ziel einer Durchimpfungsrate von 95 Prozent. Erst diese Quote garantiert den sogenannten Herdenschutz, macht also eine Infektion von Menschen unwahrscheinlich, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können wie Säuglinge, Leukämie-Patienten oder Transplantationsempfänger.

„Aus diesem Grund befürworten wir eine Impfpflicht", sagen die beiden Haller Kinderärztinnen Dr. Dagmar Müller und Dr. Undine Thelemann. „Je mehr Kinder geimpft werden, umso mehr sind beispielsweise Säuglinge geschützt, bei denen noch keine Masernimpfung möglich ist", sagt Undine Thelemann. Es komme selten vor, dass Eltern nicht impfen wollen. „Die schicken wir nicht weg, machen ihnen aber klar, dass für sie im Falle einer fieberhafter Erkrankung oder eines Hautausschlages ihres Kindes für sie besondere Vorsichtsmaßnahmen gelten. Unter anderem müssen sie einen separaten Praxiseingang nutzen", so Undine Thelemann.

Impfpflicht ist die "letzte Möglichkeit"

Dr. Anne Bunte, Abteilungsleiterin im Gesundheitsamt Gütersloh, bezeichnet eine Impfpflicht „als letzte Möglichkeit" und sieht vor allem die Bußgeldbewehrung „sehr skeptisch". „Wir müssen vielmehr ein niederschwelliges Impfangebot schaffen, um alle Menschen, vor allem auch junge Männer, die nicht so häufig zum Arzt gehen wie Frauen, zu erreichen", sagt sie. Anne Bunte erlebte in Köln als Leiterin des dortigen Gesundheitsamtes 2018 einen Masernausbruch mit knapp 140 Erkrankungen mit. Dabei sei noch einmal deutlich geworden, dass Masern keineswegs eine harmlose Kinderkrankheit sei, sondern zu erheblichen Komplikationen führen könne. Ein davon ist die Subakute sklerotisierende Panenzephalitis (SSPE), eine Gehirnentzündung, die in der Regel vier bis zehn Jahre nach einer Maserninfektion auftritt. Gefährdet sind vor allem Kinder, die sich im Säuglingsalter angesteckt haben. „Wenn ich eine Entscheidung treffe, mein Kind nicht impfen zu lassen, entscheide ich immer auch über andere Kinder mit", sagt Dr. Bunte. Sie erklärt, in 23 Jahren Arbeit im Gesundheitsamt habe sie noch nie einen Fall von Impfschäden nach Masernimpfung erlebt.

Trumpisierung der Impfdiskussion

Dr. Steffen Rabe, Kinderarzt in München und Mitbegründer des Vereins »Ärzte für individuelle Impfentscheidung«, vertritt eine andere Auffassung. Er spricht auf der Internetseite impf-info.de von einer Trumpisierung der Impfdiskussion und unterzieht sie einem Faktencheck. Hierin erklärt er unter anderem: „Auch ohne jede Zwangsmaßnahme sind seit mehr als zehn Jahren 97 Prozent der Eltern in Deutschland bereit, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen." Schon deshalb lehnt er eine Impfpflicht ab.

Anthroposophische Ärzte sind gegen Impfpflicht

Der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMID) erklärt, die Masern seien keine Bagatellerkrankung – auch weil sich ihr Auftreten in problematischere Altersgruppen (Säuglinge, Jugendliche und Erwachsene) verschoben habe. „So entscheiden sich die allermeisten Eltern, die von anthroposophischen Ärztinnen und Ärzten betreut werden, für die Masernimpfung, nachdem sie ergebnisoffen aufgeklärt worden sind. Die sächsische Impfempfehlung, nach der die erste Masernimpfung nach dem 13. und die zweite Masernimpfung ab dem 46. Lebensmonat erfolgen soll, halten wir für sinnvoll, weil sie einen nachhaltigeren Impfschutz verspricht." Der DAMID stellt jedoch auch klar: „Eine Impfpflicht gegen Masern ist nicht die Lösung. Das zeigen auch mehrere Nachbarländer Deutschlands mit Impfpflicht und höheren Masernfallzahlen. Angesichts der breiten Akzeptanz der Masernimpfung in Deutschland mit einer Quote von 97,1 Prozent (erste Impfung), erscheint ein solch drastischer Eingriff in verfassungsmäßig garantierte Grundrechte der Eltern nicht angemessen."

Es ist nur ein kleiner Piks - und kann doch so wichtig sein. - © Oksana Kuzmina - fotolia
Es ist nur ein kleiner Piks - und kann doch so wichtig sein. (© Oksana Kuzmina - fotolia)


Am Ende entscheiden die Gerichte

„Man wird abwarten müssen, ob es dann Betroffene gibt, die gegen eine gesetzliche Impfpflicht klagen." Heike Eimertenbrink-Langer, Bielefelder Fachanwältin für Medizinrecht, hält es für wahrscheinlich, dass in letzter Instanz das Bundesverfassungsgericht oder der Europäische Gerichtshof über die von Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigte Gesetzesinitiative zur Einführung einer Masernimpfpflicht für Kinder im Kita- und Schulalter entscheiden. „Natürlich hat der Gesetzgeber die Möglichkeit, so etwas zu beschließen", erklärt die Fachanwältin, schränkt aber ein: „Ob das vor den entsprechenden Gerichten Bestand haben wird, erscheint mir allerdings offen."
Die rechtlichen Hürden für eine gesetzliche Impfpflicht sind hoch. Der wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung (WD) hat bereits 2016 darauf verwiesen, dass es rechtlich nicht leicht sei, einen Zwang zur Masern-Impfung durchzusetzen. Grundsätzlich habe der Bund bei seiner Gesetzgebung die Grundrechte der Bürger zu wahren. Dabei gelte zu prüfen, ob eine Impfpflicht gegen Masern mit dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit vereinbar ist.
In einem 76 Seiten umfassenden Gutachten kommt Verfassungsrechtler Professor Dr. Rüdiger Zuck zu folgendem Ergebnis: „Die mit der Anordnung einer Zwangsimpfung verbundenen Eingriffe in das Grundrecht aus Artikel 2 II 1 Grundgesetz des von der Zwangsimpfung Betroffenen verstößt gegen das Prinzip der Verhältnismäßigkeit."

Innerhalb der Europäischen Union schreiben aktuell zehn Länder nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR-Impfung) verpflichtend vor: Frankreich, Italien, Polen, Ungarn, Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Lettland, Slowenien sowie die Slowakische Republik.

Masernausbruch in Hörste

2008 erkrankten in Hörste insgesamt sieben Personen im Alter von eineinhalb bis 22 Jahren an Masern. Dabei war auffällig, dass die Schwere der Erkrankung mit dem Erkrankungsalter korrelierte. Während das jüngste Kind die Infektion nach kurzer, hoch fieberhafter Zeit überstand, entwickelte sich bei der 22-jährigen Frau ein schleppender Verlauf und schließlich eine Lungenentzündung.
Fünf Kinder waren zwischen neun und 13 Jahren. Besonders die älteren Kinder durchlebten die Erkrankung mit längerer Fieberdauer, starkem Husten und Kreislaufsymptomen.
Eines dieser Kinder hatte sich in den Ferien angesteckt und schließlich das Virus an Geschwister und Nachbarskinder weitergegeben.

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