Fußball-WM in KatarZwischen Sehnsucht und schlechtem Gewissen - die Leiden eines Fußball-Fans

Ja, ich gebe es zu: Ich habe schon WM geschaut. Das schlechte Gewissen folgt dann verlässlich im zweiten Schritt. Doch was macht dieses seltsame Turnier mit jungen Fußball-Fans?

Marc Uthmann

Eine Szene der WM 1986: Der große Socrates (l.) von Brasilien liefert sich im Viertelfinale einen Zweikampf mit Frankreichs Jean Tigana. Teams wie diese haben die Leidenschaft vieler junger Fans geweckt. - © Witters
Eine Szene der WM 1986: Der große Socrates (l.) von Brasilien liefert sich im Viertelfinale einen Zweikampf mit Frankreichs Jean Tigana. Teams wie diese haben die Leidenschaft vieler junger Fans geweckt. © Witters

Donnerstags beharke ich mich immer mit fünf bis neun anderen Männern - alle mehr oder minder begabt in Sachen Fußball. Wir kicken in einer kleinen Sporthalle, liefern uns leidenschaftliche Zweikämpfe - anschließend wird beim ein oder anderen Bier gefachsimpelt.

So auch dieses Mal. Und dabei konnten wir es uns dann doch nicht verkneifen, die Handys zu zücken. Wie steht es bei Brasilien? Jenem Team im legendären gelb-blauen Dress, das in diesem Jahr wieder heißer Aspirant auf den WM-Titel ist. 2:0 gegen Serbien. Was? Ein Traumtor von Stürmer Richarlison? Sofort waren wir irgendwie elektrisiert. Aber darf man das überhaupt sein: bei dieser Weltmeisterschaft mit all ihren Abgründen, mit ihrer moralischen Bankrotterklärung, mit dem Verkauf der vermeintlichen letzten Ideale des Sports?

Ich weiß noch genau, wie ich meine erste Weltmeisterschaft bewusst erlebte: Das war das Turnier 1986 in Mexiko, und hier bot Brasilien wirklich eine legendäre Mannschaft auf. Mit Künstlern wie dem politischen Rebell und Arzt Socrates oder Ballzauberer Zico. Mein Vater war glühender Anhänger dieses Teams, und so musste ich als Siebenjähriger eher mit meiner Mutter darum feilschen, möglichst viel von den Partien mitzubekommen - etwa vom 4:0 gegen Polen im Achtelfinale. Keine Frage, dass wir zudem auch die tapfere Kämpfertruppe der Deutschen damals anfeuerten.

Feilschen um Zeit vor dem WM-Bildschirm

Das war sozusagen eine meiner ersten Sozialisationen, die Begeisterung für das Spiel, für diesen Mannschaftssport war geweckt. Auf eine faszinierende Weise, wie es wohl nur ein solches Großereignis wie die Fußball-WM tun kann. Und so läuft auch heute bei der Arbeit mitunter der zweite Bildschirm, schaue ich zumindest mit einem Auge bei den Partien zu. Weil ich ein Fan bin.

Fühle ich mich deshalb wohl mit einer WM im Winter? Geholt in ein fußballfremdes Land, gebaut wohl auf menschenverachtendem Fundament? Es geht mir derzeit wohl wie vielen: Ich verspürte keine Vorfreude, und wenn ich jetzt etwas schaue, tue ich das zumindest mit fadem Beigeschmack. Diese WM ist politisch, keine Frage. Im besten Falle wird durch die Debatten rund um das Turnier ein Veränderungsprozess in Gang gesetzt. Doch wie in so vielen Lebensbereichen dominiert bei mir aktuell eher der Zweifel. Gut möglich, dass der Fußball, der die Menschen begeistert, sich gerade selbst abschafft, indem er an Gier und faulen Kompromissen erstickt.

Was aber bedeutet das alles für die Siebenjährigen, die doch gerade jetzt ihre erste, unverfälschte Begeisterung für das Spiel erleben sollten? Um dann auf den Platz zu gehen, um ihren Idolen nachzueifern. Was wird aus unseren zahlreichen Fußballklubs, die so tolle Nachwuchs-Arbeit leisten? Sie leiden ohnehin schon unter den Folgen der Corona-Pandemie und den Auswirkungen des demografischen Wandels. Wenn die Mädchen und Jungen jetzt also nicht mitgerissen werden, während sie mit ihren Eltern die Spiele schauen - geht den Vereinen dann in ein paar Jahren der Nachwuchs aus?

Was bedeutet es, in einer Mannschaft zu spielen?

Und: Verlernt in der Folge eine Generation, was es heißt, in einer Mannschaft zu spielen? Sich für ein Team zu engagieren, bei Bedarf unterzuordnen, aber wenn nötig auch Verantwortung zu übernehmen? Das ist sie nämlich, die gesellschaftliche Funktion des Fußballs, die wir nicht vergessen sollten.

Manchmal geraten all diese Fragen und Sorgen in Vergessenheit, zählt nur noch das Spiel. Es bleibt zumindest den kleinen Fans zu wünschen, dass sie das Spiel ohne Sorgen genießen können. Für die Zukunft des Fußballs sind dann die Großen zuständig. Damit auch meine Kumpels und ich wieder mit gutem Gewissen auf Brasilien schielen können.

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