Der WochenkommentarGegen die lähmende Angst: "Jeder braucht einen Sparplan"

Mitten in der schönsten Sommerfreude schleichen sich bei unserem stellvertretenden Redaktionsleiter Marc Uthmann zunehmend ernste Gedanken ein.

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Das Vergnügen dieser Gartendusche ist durch Sorgen ein wenig getrübt. Marc Uthmann schildert, welche Gedanken ihn bewegen. - © Marc Uthmann
Das Vergnügen dieser Gartendusche ist durch Sorgen ein wenig getrübt. Marc Uthmann schildert, welche Gedanken ihn bewegen. © Marc Uthmann

Der Sommer könnte so schön sein – wenn man die Angst vor Dürre und Klimawandel mal auslässt. Doch von unbeschwerter Lebensfreude keine Spur – die nächste Herbstkrise wartet schon.

Und dabei ist noch nicht einmal von Corona die Rede. Fest steht schon jetzt: Die massiv gestiegenen Energiepreise werden viele Menschen in existenzielle Nöte stürzen.

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Im Sommer entwickele ich eine schon fast kindliche Freude an meiner Gartendusche. Sobald die Temperaturen es zulassen, wird sie aufgebaut. Und sobald ich es auch aushalten kann, dusche ich dann draußen.

Zugegeben: Morgens kostet es mich schon einige Überwindung, den Kopf unter den eiskalten Strahl zu halten – da muss ich mir in den ersten Sekunden immer wieder aufs Neues einreden, dass ich mich ja schließlich „abhärte". So hieß das jedenfalls früher ... Fest steht aber: Am nächsten Morgen ist es wieder genauso frisch und das irgendwie auch schöne Spiel beginnt von vorn.

Klingt nach Sommerspaß, oder? Aber seit einigen Tagen schleichen sich bei mir zunehmend ernste Gedanken ein, wenn ich unter die Gartendusche hüpfe. Denn ich fange an zu rechnen. Wie lange werde ich die Duschsaison in diesem Jahr wohl aushalten? Schaffe ich es bis Oktober? Oder ist diesmal sogar November drin? So könnte ich warmes Wasser und damit Erdgas sparen. Wozu braucht es da die Gartendusche, könnten Sie mir nun entgegnen. Stell dich doch einfach ins Badezimmer und dreh den Hahn auf ganz kalt. Aber diese Willenskraft könnte ich an einem ungemütlichen Tag im Frühherbst sicher nicht aufbringen, wenn die wohlige Wärme nur einen Handgriff entfernt wäre ...

Das ist beileibe keine Panikmache

Allein schon, dass ich mich bei solchen Gedanken ertappe, beweist, in welch seltsamen Zeiten wir gerade leben. Wenn Stadtwerke-Chefs wie Jörg Kogelheide aus Versmold oder Johannes Wiese von den TWO in Halle Szenarien für die kommenden Monate skizzieren, die wir uns vor gar nicht allzu langer Zeit nicht hätten ausmalen können. Vor „sozialem Sprengstoff" und einem „Chaos" in der Energiekrise warnt der eigentlich nicht als Lautsprecher bekannte Versmolder, und Wiese geht von einer möglichen Verdreifachung der Gaspreise in den kommenden Monaten aus.

Die lähmende Angst vor der kommenden kalten Jahreszeit breitet sich so weit aus, dass Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Sommeransprache schon betonen muss, dass er nicht mit sozialen Unruhen rechne. Und Hilfe für jene ankündigt, die sich ihre Energie bald nicht mehr leisten können werden.

Das ist beileibe keine Panikmache. Mittlerweile offenbart sich immer deutlicher, in welchem Umfang die Preissteigerungen uns alle treffen werden. Fest steht: Ganz viele Menschen werden Sparpläne machen müssen, um in den nächsten Monaten ihr Haus warm zu kriegen. Und zwar nicht so Hirngespinste wie meines aus der Gartendusche. Sondern ganz konkrete nach dem Motto: Wo kommen die mehreren hundert Euro her, die ich künftig monatlich mehr brauche? Und damit steht auch ganz klar fest: Viele Menschen werden die Rechnungen nicht mehr bezahlen können – und das werden weit mehr als nur „die Armen" sein.

Andere Länder haben längst entschieden

Die Bevölkerung ist verunsichert. Und in dieser Situation ist es sicher nicht hilfreich, dass kurz vor dem Oktober immer noch über Modalitäten einer Gasumlage gestritten wird, dass allerlei politische Debatten laufen – garniert mit Angstszenarien –, während andere Länder längst erste Entscheidungen getroffen haben, um Energie zu sparen.

Ob die immer richtig sind, wird sich später erweisen. Aber wie schon in der Coronapandemie dominieren in unserem Land Zögern und politisches Abwägen, wo klare Signale und gemeinsame Anstrengungen gefragt werden. Wir Menschen wollen mitgenommen werden, wollen Krisen erklärt und Szenarien vorgestellt bekommen. Damit wir uns ihnen weniger angstvoll stellen können.

Meine Gartendusche werde ich übrigens irgendwann sowieso abbauen müssen. Sonst friert sie ein. Brauche also einen soliden Energiesparplan.

Marc Uthmann - © Nicole Donath, HK,HK
Marc Uthmann (© Nicole Donath, HK,HK)
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