Der WochenkommentarDer Zauber der Sommerferien: Damals wie heute vergisst man die Zeit

Urlaub, das war früher Entschleunigung pur - mit Erbsensuppe aus der Dose, Eis am Strand und viel Zeit mit der Familie. HK-Lokalchefin Nicole Donath schwelgt zum Ferienbeginn in Erinnerungen an ihre Kindheit.

Nicole Donath

Nordseeurlaub in den 1970er Jahren. Mit Proviant in Kühltaschen, die tagsüber im Schatten des Strandkorbs standen. Mit aufgeweichtem Eis, zu kaltem Meer, Spielen am Strand und herrlichen Tagen, die nicht enden wollten. - © Familie Donath
Nordseeurlaub in den 1970er Jahren. Mit Proviant in Kühltaschen, die tagsüber im Schatten des Strandkorbs standen. Mit aufgeweichtem Eis, zu kaltem Meer, Spielen am Strand und herrlichen Tagen, die nicht enden wollten. © Familie Donath

Es war die Zeit der Kühltaschen. In ihnen schlummerten die Brötchen für die Pausen am Strand. Etwas Kellergeruch war auch mit dabei, denn dort lagerten sie schließlich bis zu ihrem großen Einsatz einmal im Jahr. Dazu Kaffee aus der Thermosflasche; für die Kinder Capri-Sonne, an den Strohhalmen klebte Sand.

Schon der Start in die Ferien war herrlich. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wenn meine Mutter mitten in der Nacht dastand und fröhlich flüsterte: „Aufwachen, es geht los!" – Nie kam man schneller aus dem Bett.

Was haben wir den Augenblick gefeiert, wenn auch die letzte Woche vor den Zeugnissen geschafft war. Wenn auch jene Stunden vorbei waren, in denen die Klassen abgedunkelt wurden, ein ausgewähltes Kind den Projektor auf einem Rollwagen in den Raum schob und ratternd einer der legendären Super-8-Filme anlief: „Entwicklungszyklus der blauen Nesselqualle", „Tiere im Winter", „Braunkohle – Entstehung und Förderung". Manchmal erlaubten die Lehrer obendrein, dass mitgebrachte Süßigkeiten verzehrt werden. Schule im Trallafitti-Modus!

Zu Hause flog die „Tonne" in die Ecke. Im Übermut vergaß man dabei blöderweise schon mal die noch halb volle Brotdose und die böse Bescherung folgte dann sechs Wochen später. Aber dieses Glücksgefühl, das einen in solchen Momenten überkam, war einfach übermächtig. Wir dachten, die vor uns liegende schulfreie Zeit würde niemals enden. Nachmittags gab’s von den Omas und Tanten noch Zeugnisgeld: fünf Mark für jede Eins, zwei für eine Zwei und immerhin noch eine für ne Drei. Und wenn es richtig gute Jahre waren, stand in den großen Ferien sogar eine Reise an. Wir fuhren dann meistens an die Nordsee.

Liebevolle Kabbeleien gehören dazu

Nicole Donath, Redaktionsleiterin - © Nicole Donath
Nicole Donath, Redaktionsleiterin (© Nicole Donath)

Allein die drei, vier Tage vor dem Start trugen nicht direkt zur Einstimmung bei, denn dann mussten die ausrangierten Sachen getragen werden. Geflickte Hosen. Zu kurze T-Shirts. Verfärbte Pullis. Eben all die Ladenhüter aus dem Kleiderschrank, die keinen Platz im Koffer finden würden. Die guten Sachen sollten schließlich noch einmal gewaschen werden – und die Zeit des elektrischen Trockners war noch nicht gekommen.

Was als Nächstes folgte, war die immer gleiche Kabbelei zwischen meinen Eltern: Während mein Vater angesichts der vielen Koffer und Taschen jedes Jahr aufs Neue mit hochgezogenen Augenbrauen fragte, ob wir denn wohl sechs Wochen verreisen würden, ließ sich meine Mutter nicht aus der Ruhe bringen. Was mit musste, musste eben mit. Der Korb mit einer Flasche Spülmittel, Proviant und Vorräten für Selbstversorger in kleinen Ferienwohnungen landete am Ende noch zwischen ihren Beinen auf dem Beifahrersitz. Hinterm Elbtunnel, den man – das war ungeschriebenes Gesetz – nach Möglichkeit noch vor sechs in der Früh passiert haben sollte, war all das vergessen. Von der Rückbank wurden Musik-Kassetten nach vorne gereicht und so fuhren wir mit Abba, Christian Anders und Diana Ross in Richtung Niebüll zum Autozug.

Wenn der Eismann zweimal klingelt

Ich erzähle Ihnen nichts Neues, wenn ich daran erinnere, dass damals das Internet noch nicht erfunden worden war. Jedenfalls keines, so wie es heute genutzt wird. Und so verbrachten wir sehr lange sehr ungestörte Tage am Strand. Ab und zu kam der Eismann vorbei. Braun gebrannt in abgeschnittenen Jeans, mit freiem Oberkörper und Sonnenhut. Einer, der mit einer Handglocke schon von Weitem seine aufgeweichten „Nogger" oder „Dolomiti" anpries. Wir spielten Volleyball und vergaßen dabei die Zeit. Wenn wir zu lange im Meer waren, stellten die Erwachsenen fest: „Du hast ja schon ganz blaue Lippen! Jetzt gibt’s aber mal ne Pause." Der ältere Herr aus dem Strandkorb nebenan erkannte das Dilemma und brachte mir in diesen Pausen Kopfstand bei. Während mir mein Vater zeigen wollte, wie man einen Schlagball wirft, also möglichst weit. Damit ich bei den Bundesjugendspielen nicht wieder ganz so unbeholfen dastehen würde.

Eine Übersicht über alle Folgen des Wochenkommentars finden Sie hier

Einmal war diese Unternehmung von Erfolg gekrönt: Der kleine Gummiball, den wir zu Übungszwecken gewählt hatten, flog plötzlich und flog und flog immer weiter – da habe ich dann leider auch direkt meine Mutter am Kopf getroffen, als sie sich gerade aus dem Strandkorb erhob. Es war zugleich das letzte Mal. Kaum, dass wir in kurzen Frotteehosen und Feinripp-Hemden auf dem Ascheplatz standen, war alles wie immer und unser Sportlehrer maß mit unbeweglicher Miene 19 Meter 80 für meine Würfe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Im "Nordlicht" gab's eine Musikbox

Manchmal kamen Briefe von Freundinnen an. Von der Nachbarinsel oder aus den Bergen. Das waren wertvolle Momente, denn die bunten Umschläge brachten, wenngleich mit ein paar Tagen Verzögerung, Neuigkeiten. Man selbst schrieb Postkarten an die Omas und Tanten und fasste Wetterlage und Stimmung zusammen und berichtete von dem Eiscafé, in dem das Zeugnisgeld umgesetzt worden war. Manchmal wurde in der Ferienwohnung Erbseneintopf aus der Dose aufgewärmt, manchmal gingen wir aus. Einmal im Urlaub richtig schick. Und wenn man mich glücklich machen wollte, in eine Spelunke namens „Nordlicht". Da klebten zwar die Tische, aber es gab eine Musikbox und für 50 Pfennige sang Tony Holiday „Tanze Samba mit mir".

Irgendwann gingen diese schönen Zeiten leider doch vorbei. Wir sagten dem Meer Tschüss. Und warteten – wieder zu Hause – mit Spannung auf die Entwicklung des Films aus der Agfa-Pocket-Kamera, der unscharfe Bilder von der Butterfahrt lieferte. Und bei deren Anblick alle bekräftigten, wie braun man doch geworden sei.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, heute schöne Ferien. Vielleicht ohne Abba oder Tony Holiday. Aber in jedem Fall mit vielen Momenten, in denen Sie die Entschleunigung aus Zeiten wie diesen spüren.

1 Kommentar

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.