Der WochenkommentarIn Zeiten von Affenpocken, Krieg und Schulmassaker: Was die Seele tröstet

Der Wochenkommentar: Bei den aktuellen Krisen fällt es schwer, leichte Themen in den Fokus zu rücken. Dabei sind gerade diese in schweren Zeiten wichtig, findet HK-Lokalchefin Nicole Donath.

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Mit etwas Distanz sieht man Dinge oftmals erheblich klarer. Der Astronaut Matthias Maurer hat jetzt aus dem All einen Blick auf die Erde geworfen und Umweltzerstörung und Kriege gesehen. Aber er ist zurückgekehrt und appelliert nun umso mehr, sich zu engagieren. - © Symbolbild Pixabay
Mit etwas Distanz sieht man Dinge oftmals erheblich klarer. Der Astronaut Matthias Maurer hat jetzt aus dem All einen Blick auf die Erde geworfen und Umweltzerstörung und Kriege gesehen. Aber er ist zurückgekehrt und appelliert nun umso mehr, sich zu engagieren. © Symbolbild Pixabay

Betrachtet man eine knifflige Angelegenheit mit einer gewissen Distanz, sieht man sie meist erheblich klarer. Matthias Maurer hatte sogar große Distanz: Ein halbes Jahr lang hat der Astronaut die Erde aus dem Weltraum beobachtet.

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Nachdem er nun von weit oben gesehen hat, wie brutal wir unseren Planeten, so blau und grün und wunderbar, zerstören, wie Raketen über der Ukraine einschlagen, hätte er allen Grund gehabt, den Major Tom zu geben. Hat er aber nicht; er ist wieder gelandet. Vielleicht, weil er zuvor auch in den Altkreis geschaut hat?

Neulich saßen wir mit ein paar Freunden und drei Gitarren beim Bierchen zusammen und blickten – wieder einmal – kopfschüttelnd und ratlos und irgendwann auch sarkastisch auf die nicht enden wollenden schlechten Nachrichten. Klimakrise, Pandemie, Affenpocken, das Massaker an einer Schule in Texas und nicht zuletzt Kriege wie der in der Ukraine ... Wie blöd sind wir eigentlich? Wie kann es sein, dass wir es im 21. Jahrhundert, da unser Wissen so groß ist, immer noch hinkriegen, uns gegenseitig zu erschießen, anstatt mal lieber das Klima zu retten? Aber nein. Das Gegenteil passiert – welch ein Wahnsinn.

Als ich mir jedenfalls Gedanken dazu gemacht hatte, womit ich mich in diesem Wochenkommentar würde befassen können, war eigentlich die Idee: einmal wieder weg vom Thema Krieg und seinen Grausamkeiten und den ganzen schrecklichen Kettenreaktionen. Stattdessen vielleicht ein paar Zeilen über die Lebensfreude in der Stadt, weil nach zwei Jahren der Pandemie wieder ein Haller-Willem-Fest durchgeführt wurde? Dass die Planungen für einen neuen Aldi-Markt nun vorangehen? Dass ..? Aber irgendwie ist die Leichtigkeit weg und vielleicht spüren auch Sie ja manchmal die Banalität, angesichts der großen Bedrohungen über leichte Themen zu sinnieren. Die Hemmungen, davon zu erzählen, ohne den Blick auch aufs große Ganze zu lenken. Und dann las ich von Matthias Maurer. Dem Astronauten, der sich das ganze Drama sechs Monate lang aus 408 Kilometern Entfernung angeschaut hat. Das Drama. Und die Schönheit.

Alles ist eine Einheit

Das Schönste im Weltraum sei für ihn der Blick von oben auf die Erde gewesen, berichtete Maurer jetzt. „Man erkennt da Dinge, die man vorher eigentlich nur in Zahlen gelernt hat", sagte der Ingenieur. „Und plötzlich versteht auch das Herz, was da unten passiert." Wenn man in 90 Minuten einmal die Erde umrunde, begreife man, „dass das alles eine Einheit ist" und die Menschen gemeinsam Verantwortung für den Planeten übernehmen müssten, erklärte er im Interview mit tagesschau24.

Verantwortung übernehmen und ebenso Mut beweisen sind gute Stichwörter. Denn genau das haben zuletzt viele Menschen aus dem Altkreis erst wieder getan. Pircivan Kalik zum Beispiel. Der Student der Wirtschaftswissenschaften lebt in Werther und kämpft für Destan Duru. Seine kleine Verwandte in der Türkei , gerade mal zwei Jahre alt, leidet an einer seltenen Muskelatrophie. „Unbehandelt führt diese Krankheit noch im Kindesalter zum Tod", berichtet der 24-Jährige. Über verschiedene Social-Media-Kanäle hat die Familie einen Spendenaufruf auf Deutsch, Türkisch und Englisch gestartet und kämpft unermüdlich dafür, dass Destan ein millionenteures Medikament bekommt.

All das ist so besonders

Redaktionsleiterin Nicole Donath - © Nicole Donath
Redaktionsleiterin Nicole Donath (© Nicole Donath)

In Versmold wurde die elfjährige Shani vor etwa drei Wochen von einem 40-Tonnen-Lkw angefahren und lag anschließend im Koma. Wenige Tage später ging es ihr schon viel besser und sie brachte den Mut und die Kraft auf, nach ihrer Rückkehr von der Intensivstation mit uns zu sprechen. Nur um anderen Kindern davon zu berichten, warum es überlebenswichtig sein kann, einen Helm zu tragen. Und in Borgholzhausen findet an diesem Wochenende ein riesiges Wohltätigkeits-Event für ein Kinderheim in Ghana statt: „Dodowa meets Solbad". Tage im Zeichen der interkulturellen Begegnung und der Nächstenliebe.

All das ist so besonders. Weil sich hier Menschen für andere einsetzen und an die Zukunft glauben und dafür kämpfen, dass die Welt ein Stückchen besser wird. Alle anderen entsenden wir vielleicht auch mal ins All. Einmal Erde von oben angucken und endlich lernen, dass wir nur gemeinsam und in Frieden unser Ziel erreichen. Die, die es immer noch nicht begreifen, lassen wir dann einfach da. Völlig losgelöst, wie – die fiktive Figur – Major Tom, der nie mehr zur Erde zurückkehrt.

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