HalleEx-Hallerin sieht in Italien, was Deutschland noch bevorsteht

Der Mittelmeerstaat galt mit 120.000 Toten lange als Corona-Hochburg in Europa. Die in Halle aufgewachsene Sizilianerin Milena Parocco blickt jedoch voller Hoffnung nach vorn.

Uwe Pollmeier

Milena Parocco mit ihrem Mann Vincenzo Sferrazza, Sohn Giuseppe und Tochter Anita im Fußballstadion. - © Milena Parocco
Milena Parocco mit ihrem Mann Vincenzo Sferrazza, Sohn Giuseppe und Tochter Anita im Fußballstadion. © Milena Parocco

Halle/Sizilien. Italien galt lange als Corona-Hotspot in Europa. Als im Februar 2020 in Deutschland das Leben noch relativ normal war, hatten die Italiener bereits alles dichtgemacht. Die Geschäfte öffneten nicht mehr, die Schüler blieben Zuhause, und erste Ausgangssperren wurden beschlossen. Die Bilder der Leichentransporte mit Militärfahrzeugen in Bergamo werden auch nach der Pandemie im Kopf bleiben.

Gut ein Jahr später sehen aber auch die Italiener Licht am Ende des Tunnels und es scheint so, als seien sie den Deutschen inzwischen sogar einen Schritt voraus. „Die Situation in Italien ist besser als in Deutschland. Bei euch ist ja alles richtig zu", sagt Milena Parocco, die in Halle aufgewachsen ist und deren Eltern viele Jahre lang das Eiscafé La Stazione betrieben. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie in Sizilien und verfolgt in den Nachrichten die Lage nördlich der Alpen.

In Italien sei die Corona-Ampel längst von Rot, was kompletter Lockdown bedeutet, auf Orange gewechselt. Seit Montag ist sie sogar Gelb. „Die Restaurants öffnen wieder, allerdings nur mittags und im Außenbereich, alle Schüler gehen wieder zur Schule, und die Friseure haben geöffnet", sagt Parocco. Natürlich gelten weiterhin strenge Hygieneregeln und die Zahl der Kunden in den Geschäften ist streng begrenzt, dennoch erhalten die Italiener gerade ein Stückchen Normalität zurück.

AstraZeneca benötigt auch in Italien einen Imageschub

Gerade in den Schulen sei der Lockdown in den vergangenen Monaten sanfter ausgefallen als in Deutschland. „Seit September waren Grundschulen und Kindergärten nur etwa einen Monat lang geschlossen", sagt die zweifache Mutter. Zudem habe der Unterricht von zu Hause aus für die älteren Schüler gut geklappt. Möglicherweise ist die Situation an den Schulen auch besser gelaufen als in Deutschland, da gleich zu Beginn und somit kurz nach Ärzten, Pflege- und Klinikpersonal und zeitgleich mit den über 80-Jährigen die Lehrer und sonstigen Mitarbeiter von Schulen geimpft wurden.

Gleich ist allerdings sowohl nördlich als auch südlich der Alpen das Desinteresse am Impfstoff von AstraZeneca. „Das ist wirklich ein Problem. Die Leute wollen den nicht mehr", sagt Parocco. Das ständige Hin und Her habe die Menschen verunsichert. Zudem trügen die Medien dazu bei, das negative Bild des Impfstoffs zu verstärken. „Es gab drei Tote in Italien und die Medien sagen, dass die Impfung schuld daran sei", sagt Parocco. Eindeutige Beweise dafür gebe es jedoch bisher nicht.

Sie selbst sei bereits am 18. April geimpft worden. Sie war dazu berechtigt, da ihr Sohn Diabetiker ist und somit, nach italienischer Einschätzung, vorerkrankt und somit gefährdeter ist als andere Menschen. Eine Regelung, die es in dieser Art in Deutschland nicht gibt. Ihr Mann sei als Angehöriger des italienischen Militärs ebenfalls bereits geimpft worden.

Sorgen bereite ihr die Zukunft, gerade im gastronomischen Bereich. „Restaurants und Cafés sind am Boden. Jetzt können sie wieder anfangen zu arbeiten, aber leider regnet es heute schon und das ist halt schlecht für die Außengastronomie", sagt die 39-Jährige. Für Fitnessstudios und Freibäder gibt es noch keine Perspektive. „Sie bleiben noch den ganzen Mai über geschlossen", sagt Parocco.

Immerhin gibt es bereits Lockerungen für Geimpfte und Genesene. Diese dürfen in andere Region mit gleicher Ampelfarbe wechseln, alle anderen benötigen einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 48 Stunden ist. Und ihr Sohn Giuseppe muss nicht mehr länger nur seinem Lieblingsverein AC Mailand zuschauen, sondern kann auch wieder selbst gegen den Ball treten. „Fußballtraining ist seit zwei Wochen wieder erlaubt. Seit Montag dürfen auch wieder Turniere und Ligaspiele stattfinden", sagt Parocco. Der Weg zurück ins Leben scheint in Italien glücklicherweise eine Einbahnstraße zu sein. Es geht offensichtlich nur noch vorwärts, allerdings in kleinen Schritten, dafür aber mit Perspektiven.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.