HalleWenn das Geld nicht für FFP 2-Masken reicht: Arme leiden unter Corona

Maren Gottesmann hat Hygieneartikel an Bedürftige vermittelt. Sie ist Mitglied der Regionalgruppe Münster im Verein „Apotheker ohne Grenzen“.

Ekkehard Hufendiek

Maren Gottesmann zeigt eine der Tüten mit den Hygieneartikeln, von denen sie mit ihren Eltern und ihrem Lebensgefährten Moritz Kelm (rechts) mehr als 1.000 Stück gepackt hat. Sebastian Plath (links) hat 100 Stück bekommen, die er an Bedürftige weitergibt. - © Ekkehard Hufendiek
Maren Gottesmann zeigt eine der Tüten mit den Hygieneartikeln, von denen sie mit ihren Eltern und ihrem Lebensgefährten Moritz Kelm (rechts) mehr als 1.000 Stück gepackt hat. Sebastian Plath (links) hat 100 Stück bekommen, die er an Bedürftige weitergibt. © Ekkehard Hufendiek

Halle. Armut verhindert manchmal ein Mindestmaß an Hygiene. In der Folge erschwert sie nicht nur die Bekämpfung der Pandemie, sondern stürzt Betroffene in eine zusätzliche Not: So können sich laut Sebastian Plath, dem Gemeindepädagogen der evangelischen Kirche in Halle, viele Bedürftige keine FFP 2-Masken leisten. Ohne alltägliche Hygiene ist jedoch ein Schutz vor Corona oder einer anderen Erkrankung nur schwer möglich – ein beschämender Zustand der Solidargemeinschaft.

Wie weit die Schere zwischen Arm und Reich in Halle mittlerweile auseinandergeht, daran erinnert Plath mit einer traurigen Feststellung: „Es gibt Leute hier, die ohne Strom leben." Kein Radio, kein Fernseher, keine heiße Kochplatte – und keine FFP 2-Maske. „Einige haben das den ganzen Winter irgendwie so hingekriegt", berichtet Plath. „Das glaubt man oft nicht, das ist aber so."

Info

Hilfe auch im eigenen Land


• Apotheker ohne Grenzen Deutschland e.V. ist eine Organisation mit Sitz in München. Seit Gründung im Jahr 2000 setzt sich der Verein für die Verbesserung der Gesundheitsstrukturen der Menschen ein, vor allem in Entwicklungsländern.

• Nach dem Beginn der Pandemie richtete sich der Blick des Vereines stärker als sonst auf Menschen, die ohne adäquate Gesundheitsversorgung in Deutschland leben.

Mancher friert lieber, als um Hilfe zu bitten

Sebastian Plath leitet den sogenannten Mittagstisch, ein Essensangebot für Bedürftige, den die evangelische Kirche seit vielen Jahren im Martin-Luther-Haus betreibt, und mit dem sie dem Sozialstaat vermutlich einen Teil seiner Pflichten abnimmt. Etwa 100 Bedürftige gebe es in der Stadt, sagt Sebastian Plath – die Dunkelziffer nicht eingerechnet. Bekannt ist, dass manch alter Mensch in der Not im Winter seine Heizung auf Null stellt und die Scheibe Brot ohne Butter zu sich nimmt, als dass er schambesetzt staatliche Hilfe einfordert. Denn deren Inanspruchnahme wird immer auf Rechtmäßigkeit abgeklopft, so dass die Scham oftmals zu- statt abnimmt.

Maren Gottesmann will helfen. Zumindest, was die Chancen auf ausreichende Hygiene angeht. Noch während ihres Studiums der Pharmazie in Münster schloss sie sich deswegen dem Verein „Apotheker ohne Grenzen" an. Der Verein will die Gesundheitsstrukturen im In- und Ausland verbessern.

Maren Gottesmann ist laut ihrer Aussage die einzige Apothekerin aus Halle, die sich beim jüngsten Vereinsprojekt engagiert: einer Spende von 10.000 Hygienetüten an Bedürftige in Deutschland. Ihren geldwerten Inhalt schätzt sie je Tüte auf etwa 15 Euro. Bei 10.000 Tüten entspricht das einem Sachwert von 150.000 Euro. Dazu wandte sich der Verein zuvor an Apotheken, Unternehmen und Privatpersonen und bat um Spenden.

Familie packt 1.300 Tüten in der Garage

Nach Eingang koordinierte Maren Gottesmann die Verteilung eines Teiles der Spenden im Auftrag ihrer Regionalgruppe Münster. So sorgte sie jetzt dafür, dass 100 Hygienetüten in ihre Heimatstadt kamen. Dafür packte die 29-Jährige mit ihren Eltern und ihrem Lebensgefährten in der Garage eine Vielzahl einzelner, gespendeter Artikel in durchsichtige Tüten: Seife, Tücher, FFP 2-Masken oder Desinfektionsgelee. Fast eineinhalb Tage habe das Quartett gebraucht, um mehr als 1.300 Tüten zusammenzustellen.

Maren Gottesmann suchte daraufhin den Kontakt einer Hilfseinrichtung in ihrer Heimatstadt und fand das lokale Hilfsprojekt von Sebastian Plath. Dienstagabend brachte sie 100 Tüten in vier Kartons ins Martin-Luther-Haus. Sebastian Plath nahm sie mit Freude entgegen: „Das ist super", sagte er. Gleich am Mittwoch wollte er damit beginnen, sie an die Bedürftigen zu verteilen.


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