HalleNicht der Glaube oder Skandale sind Hauptgründe für Kirchenaustritte

Der katholische Pastoralverbund Stockkämpen wächst sogar. Die Verluste des evangelischen Kirchenkreises sind im Verhältnis moderat. Etwas vermissen die Gläubigen aktuell aber besonders.

Rolf Uhlemeier

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Altkreis Halle nicht sprunghaft angestiegen, wie es zum Beispiel in Köln der Fall ist. - © Symbolbild CC0 Pixabay
Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Altkreis Halle nicht sprunghaft angestiegen, wie es zum Beispiel in Köln der Fall ist. © Symbolbild CC0 Pixabay

Halle. „Wir liegen landesweit im unteren Bereich", sagt Walter Hempelmann. Der Superintendent kennt die Zahl der Kirchaustritte seines Kreises genau: „Wir haben im vergangenen Jahr 1,8 Prozent unserer Gemeindeglieder verloren." Im Vergleich zum Landesdurchschnitt von 2,13 Prozent sowie zu den Zahlen für Bielefeld (2,99 Prozent), Gütersloh (2,25 Prozent) und vielen anderen Regionen ist der Rückgang moderat. Zum 31. Dezember 2020 gehörten 42.850 Gemeindeglieder zum evangelischen Kirchenkreis, der aus den acht Gemeinden Halle, Werther, Borgholzhausen, Steinhagen, Brockhagen, Versmold, Bockhorst und Harsewinkel besteht.

Walter Hempelmann verhehlt aber nicht, dass es auch Städte und Kreise gibt, die noch deutlicher unter der Zwei-Prozent-Grenze liegen: „Dazu gehören zum Beispiel Paderborn, Münster, Soest und Arnsberg. Diese Städte zeichnen sich dadurch aus, dass sie katholisch dominiert sind. Evangelische Christen sind dort in der Minderheit. Warum das so ist, kann man nach Einschätzung des Leiters nur vermuten. Möglicherweise ist es der größere Zusammenhalt innerhalb einer kleineren Gemeinde. Doch das ist nur eine Spekulation. Fakt ist dagegen, dass die Kirchenaustritte laut Walter Hempelmann in der Mehrheit dem demografischen Wandel geschuldet sind: „Es sterben mehr Gemeindeglieder als wir Geburten zu verzeichnen haben."

Gründe liegen überwiegend im finanziellen Bereich

Dechant Josef Dieste Pastoralverbund Stockkämpen - © Uwe Pollmeier
Dechant Josef Dieste Pastoralverbund Stockkämpen (© Uwe Pollmeier)

Bei der Minderheit, die aktiv aus der Kirche austritt, liegen die Ursachen nach Einschätzung des Superintendenten überwiegend im finanziellen Bereich: „Durch Rückmeldungen wissen wir, dass sich die wenigsten Menschen wirklich von der Kirche abwenden, sehr oft hat der Austritt wirtschaftliche Gründe."

Superintendent Walter Hempelmann. Foto: Kirchenkreis Halle - © Kirchenkreis Halle
Superintendent Walter Hempelmann. Foto: Kirchenkreis Halle (© Kirchenkreis Halle)

Um dem Verlust von Gemeindegliedern entgegenzuwirken, hat der Kirchenkreis laut Walter Hempelmann Finanzmittel in Höhe von 30.000 Euro zur Verfügung gestellt: „Damit wollen wir Gemeindeglieder an den Kirchenkreis binden." Den Menschen soll signalisiert werden, dass die Kirche ihnen dankbar für ihre Unterstützung ist: „Wir wollen deutlich machen, dass wir uns freuen, dass die Gemeindeglieder da sind, sich solidarisch zeigen und uns die Treue halten."

Kirchenangebote werden immer digitaler

In Zeiten von Corona-Beschränkungen ist es für die evangelische Kirche allerdings deutlich schwerer, ihre Anhänger zu erreichen. Dazu werden der traditionelle Gemeindebrief, ausgelegte Texte sowie Anrufe bei Jubiläen und Geburtstagen genutzt. Zudem setzt der Kirchenkreis in Zeiten der massiven Einschränkungen verstärkt auf digitale Kommunikationswege. Dazu gehören laut Walter Hempelmann Gottesdienste, die live ins Internet übertragen werden und auch Zoom-Konferenzen von Gruppen und Kreisen: „Die Online-Angebote sind im Grunde aus dem Nichts geboren worden."

Nach Angaben des Leiters wird es sich dabei allerdings nicht um ein vorübergehendes Angebot handeln: „Es hat sich gezeigt, dass wir damit Menschen erreichen, die vorher nicht den Weg zu uns gefunden haben." Laut Walter Hempelmann werden die Online-Gottesdienste speziell inszeniert, um sie ins Internet zu stellen. Dabei wurde die Kirchengemeinde von ehrenamtlichen und professionellen Helfern unterstützt.

Die aktuelle Situation hat allerdings auch ihre Kehrseite: „Das alles kann den menschlichen Kontakt, die persönliche Begegnung nicht ersetzen. Viele Gemeindeglieder fragen, wann wir wieder zusammenkommen können – es sind die Begegnungen, die das Leben ausmachen."

Gottesdienste werden wieder gefeiert

Begegnungen, wenn auch unter strenger Einhaltung der Abstands- und Hygiene-Regeln, gibt es bereits wieder in der katholischen Gemeinde. Mittlerweile werden wieder Gottesdienste in der Herz-Jesu-Kirche gefeiert. „Unsere Gemeindeglieder sind sehr dankbar, dass sie den Gottesdienst erleben dürfen", sagt Pfarrer Josef Dieste. Digitale Angebote sind bislang die Ausnahme im Pastoralverbund Stockkämpen. Hier verweist der Dechant auf die überregionalen Kirchen-Institutionen: „Es gibt viele digitale Angebote aus den Bistümern, die sehr qualitätvoll gemacht sind."

Ein wenig sorgenvoll blickt Josef Dieste allerdings in die Zukunft: „Wenn wir Ostern wieder nicht feiern können, dann müssen wir uns etwas überlegen." Aktuell versucht der Pastoralverbund zudem, telefonisch in Kontakt mit den Menschen zu bleiben. Zudem wurden zum Beispiel zu Weihnachten Grußkarten an alle Gemeindeglieder verschickt.

Die persönliche Begegnung ist durch nichts zu ersetzen

Grundsätzlich geht der Dechant nicht davon aus, dass man mit digitalen Angeboten alles lösen kann: „Die persönliche Begegnung im Gottesdienst und vor der Kirche ist durch nichts zu ersetzen. Ich weiß, dass es viele Leute schrecklich vermissen, andere Menschen zu treffen und mal wieder ein Café zu besuchen." Im Gegensatz zur weitaus größeren evangelischen Gemeinde ist der Postoralverbund in den vergangenen Jahren nicht kleiner geworden: „Bei der Erhebung vor eineinhalb Jahren hat sich gezeigt, dass wir gewachsen sind." Diese Entwicklung führt Josef Dieste auf die Fertigstellung der Autobahn und die damit verbundenen Gewerbeansiedlungen zurück: „Dadurch sind neue Arbeitsplätze geschaffen worden und es sind Menschen aus katholisch dominierten Regionen zu uns gekommen."

Grundsätzlich bedaure er jeden Kirchenaustritt, sagt der Dechant und räumt gleichzeitig ein, dass man die Gründe im Einzelnen nur selten kenne: „Wenn man fragt, bekommt man nur in wenigen Fällen eine Antwort."

405 Kirchenaustritte im vergangenen Jahr im Gerichtsbezirk

Josef Dieste geht davon aus, dass sich die, die aus der Kirche austreten, diesen Schritt nicht leicht gemacht haben und wünschen, dass er akzeptiert wird. Aktuell hat der Pastoralverbund, zu dem die Kirchen in Halle, Stockkämpen, Werther, Borgholzhausen, Steinhagen und Versmold gehören, knapp 12.000 Gemeindeglieder. Damit sind 14,93 Prozent der Gesamtbevölkerung von gut 81.500 Personen im Bereich des Verbundes katholisch. In Halle gab es 2020 insgesamt 26 Kirchenaustritte, ein Jahr davor waren es 41.

Im Gerichtsbezirk Halle wurden im vergangenen Jahr insgesamt 405 Kirchenaustritte registriert. 2019 war die Zahl mit 496 beendeten Kirchenmitgliedschaften deutlich höher.

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