HalleÄrger um zu hohe Nitratwerte: Brunnenbesitzer denkt über Klage nach

Ein Haller kämpft um sauberes Wasser in seinem Brunnen. Der liegt direkt an einem Feld, auf dem gegüllt wird. Doch für die Überschreitung der Grenzwerte soll er zahlen.

Heiko Kaiser

Die Landwirtschaft, hier ein Schleppschlauchverteiler für Gülle, ist nur eine Ursache für die Nitratbelastung des Grundwassers und der Hausbrunnen. Nach der neuesten Berechnung des Landwirtschaftsministeriums ist kein Gebiet in Halle nitratbelastet. - © Ludger Bütfering
Die Landwirtschaft, hier ein Schleppschlauchverteiler für Gülle, ist nur eine Ursache für die Nitratbelastung des Grundwassers und der Hausbrunnen. Nach der neuesten Berechnung des Landwirtschaftsministeriums ist kein Gebiet in Halle nitratbelastet. © Ludger Bütfering

Halle. Kai Wilhelms kann die behördliche Logik nicht verstehen. Seit 1995 wohnen er und seine Familie unterhalb des Teutos am Grünen Weg, schräg gegenüber des Modellflugplatzes. Seit 25 Jahren kämpft er mit der Nitratbelastung in seinem Brunnen. Der jüngste Bericht vom 19. Januar weist einen Wert von 60 Milligramm pro Liter aus. Erlaubt sind 50. 55 Milligramm waren es im Juni.

Daraufhin ist Wilhelms von der Abteilung Gesundheit des Kreises mehrfach aufgefordert worden, seinen Brunnen zu sanieren, beziehungsweise eine Filteranlage einzubauen. Kosten: etwa 2.000 bis 3.000 Euro. Kai Wilhelms hat sich geweigert. Aus Prinzip. Er sieht den Grund für die hohen Nitratwerte in der Düngung des angrenzenden Feldes. Jetzt hat der Kreis Gütersloh ein Bußgeldverfahren gegen die Wilhelms eingeleitet. Der Haller lässt derzeit von einem Anwalt prüfen, ob er dagegen vorgehen kann.

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Kai Wilhelms kämpft um sauberes Wasser. - © Kai Wilhelms
Kai Wilhelms kämpft um sauberes Wasser. (© Kai Wilhelms)

Der Kreis soll die Ursachen für die hohen Nitratwerte ermitteln

Seiner Ansicht nach ist der Verursacher klar. „Der Brunnen liegt etwa fünf Meter von einem Feld entfernt. Wenn hier Gülle aufgebracht wird, fließt sie aufgrund der Hanglage in Richtung unseres Grundstücks den Berg hinunter", sagt er. Er fordert daher, dass der Kreis nicht nur die Einhaltung der Werte kontrolliert, sondern auch nachforscht, welche Ursache die Verunreinigung des Grundwassers hat. Genau das aber ist nicht die Aufgabe der Behörde, wie deren Sprecher Jan Focken verdeutlicht: „Das Thema Hausbrunnen ist in unserer Abteilung Gesundheit angesiedelt. Hier geht es darum, Gesundheitsschäden abzuwenden und darauf zu achten, dass Grenzwerte eingehalten werden." Zuständig sei die Landwirtschaftskammer.

Thomas Baumhöfer ist dort der zuständige Wasserrahmenrichtlinienberater. Er ist zunächst erstaunt darüber, dass in einem 98 Meter tiefen Brunnen die Nitratkonzentration den Grenzwert überschreitet. Normalerweise sind Bakterien im Boden in der Lage, einen großen Teil des Nitrats zu Stickstoff umzuwandeln.

Wasser fließt ungefiltert in die Tiefe

Doch die Verhältnisse am Hang des Teutos sind eben nicht normal. Das belegt ein Bescheid aus dem Jahr 1992, in dem dem damaligen Besitzer des Hauses untersagt wurde, eine Faulgrube auf dem Grundstück zu errichten. Der Grund: Das meiste Wasser gelange in den klüftigen Untergrund, so dass dadurch das Grundwasser beeinträchtigt werde. Bedeutet: Weil der Boden so viele Risse und Klüfte aufweist, fließt das Oberflächenwasser ohne Bodenfilterung direkt in die Tiefe.

Dementsprechend verschärfte Auflagen für die Aufbringung von Gülle in diesem Bereich gibt es allerdings nicht. Das Rechenmodell ELWAS des NRW-Landwirtschaftsministeriums, das die nitratbelasteten Gebiete ausweist, erklärt die gesamte Region für unbedenklich. Der Grund: In den Berechnungen wird die oberste Struktur des Bodens und damit sein Denitrifikationspotenzial berücksichtigt – nicht aber, dass es hier Risse und Klüfte gibt. Dass der Brunnen von Kai Wilhelms kein Einzelfall ist, zeigt die Tatsache, dass nach Aussage des Kreises 40 Prozent aller Hausbrunnen in der Umgebung eine Nitratfilteranlage besitzen.

Könnte ein hydrogeologisches Gutachten Klarheit bringen?

Thomas Baumhöfer hat Verständnis für den Landwirt, der seiner Auffassung nach juristisch nichts Falsches tue. „Im Grunde sind beide im Recht", sagt er. Der Landwirt, der sich an die Auflagen hält, und der Brunnenbesitzer, der nicht für die Nitratbelastung verantwortlich ist. Thomas Baumhöfer nennt es darum schlichtweg „Pech".

Auch Bernhard Rüb, Pressesprecher der Landwirtschaftskammer NRW, sieht kaum Möglichkeiten, an der Situation schnell etwas zu ändern. Für ihn ist nach erster Schilderung der Umstände zudem längst nicht klar, dass tatsächlich die Ausbringung von Gülle für die Nitratbelastung verantwortlich ist. „Wenn der Brunnen knapp 100 Meter tief ist, kann die Verursachung kilometerweit entfernt liegen", sagt er. Es gebe eine Vielzahl möglicher Gründe, die zur Nitratbelastung führen – die Landwirtschaft sei nur einer davon. Er nennt beispielsweise alte Kläranlagen und defekte Rohrleitungen. Wenn der Brunnenbesitzer tatsächlich den Grund erfahren wolle, müsse er eben ein hydrogeologisches Gutachten in Auftrag geben.

Ein Vorschlag, mit dem Kai Wilhelms nicht zufrieden sein kann. Ebenso wenig damit, wenn Baumhöfer rät, das Wasser aus der städtischen Versorgung zu beziehen. Denn das ist nicht möglich. So hat Kai Wilhelms die Wahl: Entweder er zahlt für eine Filteranlage – oder beschreitet einen ungewissen Klageweg.

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