HalleEine Lösung für das Lüftungsproblem in Schulen kommt aus Halle

Ein Haller Unternehmer will in Kürze einen mobilen Luftreiniger auf den Markt bringen, der nahezu normalen Unterricht an den Schulen ermöglichen könnte. Derzeit hakt es aber an Lieferengpässen und an mangelnden Signalen aus der Politik.

Uwe Pollmeier

Lernen mit Decke: Und selbst jetzt frieren Schüler an der Grundschule Schröttinghausen immer noch - aber stetiges Lüften ist das einzige, was ihre Lehrerin Janina Koppermann gegen Aerosole tun kann. - © Sarah Jonek
Lernen mit Decke: Und selbst jetzt frieren Schüler an der Grundschule Schröttinghausen immer noch - aber stetiges Lüften ist das einzige, was ihre Lehrerin Janina Koppermann gegen Aerosole tun kann. © Sarah Jonek

Halle. Noch sind die Schulen mindestens eine Woche geschlossen, und wie es danach weitergeht, steht noch nicht fest. Klar dürfte aber sein, dass volle Klassen mit in Decken gehüllten Schülern, die in der winterlichen Frischluft frieren, kein Konzept mit Zukunft ist. Hybridunterricht mit stark verkleinerten Klassen in der Präsenzphase dürfte das naheliegendste Modell sein. Allerdings will ein Haller Diplom-Betriebswirt in Kürze ein Lüftungsgerät auf den Markt bringen, das die Klassenzimmer von den fiesen Viren befreien könnte.

„Die aktuellen Luftreinigergeräte können keine ausreichenden Ergebnisse erzielen", sagt Lars Wellerdiek. Das von ihm vorgestellte und von deutschen Ingenieuren entwickelte Lüftungsgerät arbeitet mit einer Technologie, die sich von den herkömmlichen Filtersystemen unterscheidet. Wellerdiek vergleicht die Technik des Geräts mit einem Gewitter. „Die Luft wird ionisiert, so wie eine natürliche Reinigung der Luft, die bei einem Gewitter entsteht", sagt der Haller. Viren werden durch UV-Technik eliminiert. Es ist nicht notwendig, einen voller Viren sitzenden Filter zu entfernen, wie es bei vielen anderen Modellen notwendig ist. „Herauskommt eine Luft wie im Hochgebirge. Frisch, gesund und sauerstoffanregend."

Dass Wellerdiek durchaus erfinderisch ist, hat er bereits in den vergangenen Jahren in einer ganz anderen Branche bewiesen. Waren innerhalb von Sekunden von Palette A auf Palette B packen – diese Idee verfolgte Wellerdiek gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Ralf Schauties. Vor rund vier Jahren gründeten sie die SW-Paratus GmbH mit Firmensitz an der Ravensberger Straße und setzten sich das Ziel, mit innovativen Ideen den Logistikmarkt zu bereichern. Mittlerweile zählen viele namhafte Unternehmen zu den Kunden der Haller und Anfang 2020 erhielten sie Aufträge von AIDA und TUI. Aber dann kam Corona und zwang die Kreuzfahrtschiff- und die Touristikbranche in die Knie. Eine Zeit, in der viele Unternehmer neue Wege suchten, so auch Wellerdiek.

Maskenspender gehören auch zum Angebot

Der Air Clean Tower (ACT) soll das Hauptprodukt der neugegründeten Firma Melius GmbH werden, allerdings wird es auch weitere pandemierelevante Produkte geben. „Wir entwickeln Maskenspender, Hygienestationen und Schutzmasken", sagt Wellerdiek.

So weit zur Theorie. In der Praxis stellt sich jedoch das Problem, dass die Produktion der Lüftungsgeräte ins Stocken geraten ist. „Bestimmte Teile sind derzeit nicht lieferbar. Der Markt ist leer gefegt", sagt Lars Wellerdiek. Schaltplatinen hätten beispielsweise Lieferzeiten von drei bis vier Monaten. „Ich denke aber, dass wir Ende Februar die ersten Geräte ausliefern können", sagt Wellerdiek.

Lennard und Lars Wellerdiek (Firma Melius) Lüftungsanlagen gegen das Corona-Virus - © Uwe Pollmeier
Lennard und Lars Wellerdiek (Firma Melius) Lüftungsanlagen gegen das Corona-Virus (© Uwe Pollmeier)

Im Angebot wird es zwei verschiedene Ausführungen gebeben. „Das kleine Gerät kann pro Stunde sechs Mal die Luft im Raum umwälzen", erklärt Wellerdiek. Der 70 Zentimeter hohe und 40 Zentimeter breite Kasten mit Edelstahl- oder Aluverkleidung sei geeignet für Räume bis zu 60 Quadratmeter und somit ideal für Klassenzimmer. „Beim Betreten des Raumes müsste ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Sobald man am Platz sitzt, kann dieser abgenommen werden", erklärt der Haller Tüftler. Plexiglasscheiben zwischen den Tischen sollten Tröpfcheninfektionen verhindern, denn das Eliminieren der Aerosole ist nur die halbe Miete. Zudem sollte eine CO2-Ampel stets anzeigen, wann eine Lüftung des Raumes angebracht wäre. „Beim Einsatz unseres Geräts muss jedoch nur minimal gelüftet werden", sagt Wellerdiek. Die größere Variante des Geräts ist für Flächen bis zu 200 Quadratmeter geeignet.

„Investitionen laufen in die falsche Richtung"

Das Konzept sei, so Wellerdiek, neuartig. Vergleichbare Systeme gibt es bisher in einem Krankenhaus in Eindhoven und in der Mainzer Filiale eines großen Bekleidungsunternehmens. Dort schoss die Aufenthaltsdauer der Kunden um 40 Prozent in die Höhe, was nach Ansicht Wellerdieks an der guten Luft in den Geschäftsräumen liege.

Das Gerät sei aber nicht nur in Coronazeiten sinnvoll. „Es ist gut für Allergiker. Und 400.000 Menschen sterben pro Jahr in der EU an den Folgen von Luftverschmutzung", sagt der Haller. Als Kunden könne er sich auch sehr gut Ärzte und Apotheker vorstellen, die damit ihre Praxen und Geschäfte sauberhalten.

Land und Bund hätten bisher noch nicht angeklopft. „Es wird ja investiert, aber leider in die falsche Richtung", sagt Wellerdiek. Die bisherigen Lüftungskonzepte in den Schulen zeigten, dass die Regierung in diesem Punkt wohl ungern innovativ denke.

Dabei wären die Kosten angesichts der Milliardenausgaben durch Corona durchaus überschaubar. Das Gerät wird preislich knapp unter 2.000 Euro liegen und soll in Suhl produziert werden. „Pro Woche könnten bis zu 500 Geräte hergestellt werden. Voraussetzung ist aber, dass alle Bauteile vorrätig sind", erklärt Wellerdiek.

Da er von seinem Produkt überzeugt ist, wird auch sein Sohn ins neue gegründete Unternehmen mit einsteigen. Lennard Wellerdiek hat im vergangenen Sommer sein Abitur am Kreisgymnasium Halle gemacht und ist somit selbst noch Betroffener der Corona-Schulzeit gewesen. Keine Zeugnisübergabe im großen Rahmen, keine Abifeier, keine Verabschiedung von dem Ort, an dem er zumindest vormittags die Kindheit und Jugend verbracht hat. Der Schülergenerationen nach ihm möchte er dies ersparen. In Kürze will er sein BWL-Studium in Norddeutschland starten und später einmal die Firma seines Vaters weiterführen.

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