HalleWendler, Hildmann und Co. Woher kommen plötzlich die Verschwörungs-Theorien?

Das Coronavirus spaltet die Gesellschaft: Die einen sind von der Gefährlichkeit überzeugt. Andere glauben, Opfer einer groß angelegten Manipulation zu sein. Ein Experte erklärt, wie es dazu kommt.

Heiko Kaiser

Fremde Mächte wollen Kontrolle über unser Leben gewinnen oder versetzen uns in Angst, um unsere Entwicklung zu verhindern. So glauben viele Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen einem Verschwörungsdenken anhängen. - © kovop58 - stock.adobe.com
Fremde Mächte wollen Kontrolle über unser Leben gewinnen oder versetzen uns in Angst, um unsere Entwicklung zu verhindern. So glauben viele Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen einem Verschwörungsdenken anhängen. © kovop58 - stock.adobe.com

Altkreis Halle. Selten hat es in der Gesellschaft eine derartige Polarisierung gegeben wie beim Thema Corona. Während die einen von der Gefährlichkeit des Virus überzeugt sind, glauben die anderen hingegen aus unterschiedlichsten Gründen, Opfer eines Ränkespiels, einer Verschwörung, einer groß angelegten Manipulation zu sein.

Ginge es hier allein um Fakten, könnten die Missverständnisse schnell ausgeräumt werden. Das Problem aber ist: Die Menschen bewegen sich inzwischen in Parallelrealitäten, die beim Thema Corona keine Schnittmengen aufweisen, über die keine Verständigung möglich ist. Wie in einem Glaubensstreit stehen sich die Lager unversöhnlich gegenüber. Das wird auch in zahlreichen Posts auf unserer Website deutlich und in Mails, die die Redaktion erreichen (siehe Infokasten).

Andreas Hahn, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen. - © Heiko Kaiser
Andreas Hahn, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen. (© Heiko Kaiser)

Andreas Hahn ist Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der evangelischen Landeskirche. Er hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. „Verschwörungstheorien entstehen nicht durch alternative Deutungen, sondern durch einen grundsätzlichen Zweifel an offiziellen Darstellungen", sagt der ehemalige Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Halle.

Er nennt ein Beispiel: „2015 gab es im Osten massive Proteste gegen die Migrationspolitik. Es entstand das Gefühl, der Staat schütze nicht, er wolle sogar umvolken." Dieser Boden des Zweifels biete, so Andreas Hahn, auch anderen Verschwörungstheorien die Möglichkeiten, zu wachsen.

Verschwörungsdenken: Es gibt nur schwarz oder weiß

„Wenn also ein Mensch, der grundsätzlich in Frage stellt, dass die Maßnahmen der politischen Führung gut sind, auf jemanden trifft, der beispielsweise Masken oder Impfungen für kritisch hält, der wird dessen Argumenten leichter folgen." Einen weiteren Erklärungsansatz sieht Andreas Hahn in den Untersuchungen der Sozialwissenschaftlerin Pia Lamberty von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Sie spricht von einem Zusammenhang zwischen der Offenheit für esoterische Gedanken und Verschwörungsmentalität. „Die Idee, dass hinter der wahrnehmbaren Wirklichkeit noch eine verborgene Welt existiert, die man erspüren und intuitiv fühlen kann, korreliert demnach mit der Neigung, Verschwörungstheorien zu folgen", so Hahn.

Der Deutschlandfunk war beispielsweise der Beobachtung nachgegangen, dass viele Yoga-Praktizierende auf den Querdenker-Demonstrationen zu sehen waren. „Der Verband der Yogalehrenden hat sich inzwischen offiziell von jeglicher Verharmlosung des Coronavirus sowie von Verschwörungstheorien distanziert. Die Tatsache aber, dass er sich zu einer solchen Stellungnahme genötigt sah, zeigt, dass dort eine Not empfunden wurde", sagt Andreas Hahn.

Er sieht bei den augenblicklichen Verschwörungstheorien durchaus eine Ähnlichkeit zu Sekten: „Auch hier handelt es sich um ein in sich geschlossenes Denken, in dem es nur schwarz oder weiß gibt. Darin existieren Meinungsführer, die nicht mehr in Frage gestellt werden." Menschen, die tief in dieser Gedankenwelt stecken, erreiche man nicht mehr mit Argumenten. „Wenn man sie beispielsweise auf das Ausmaß, die Reichweite und die Effektivität der Verschwörung aufmerksam macht und erklärt, so etwas sei doch gar nicht möglich, bekommt man die Antwort: Da kannst Du mal sehen, wie groß das Ganze ist", so Hahn. Das seien selbstimmunisierende Strategien, die Sachargumenten nicht zugänglich sind.

„Es entsteht das Gefühl, zu den Wissenden zu gehören"

Verschwörungsideologien anzuhängen, erzeuge zudem ein elitäres Bewusstsein. „Es entsteht das Gefühl, zu den wenigen Wissenden zu gehören, während die anderen gedankenlos der vorgegebenen Meinung folgen", sagt Andreas Hahn. Verschwörungstheorien helfen seiner Ansicht nach, die Handlungskompetenz in einer unüberschaubaren, von Hilflosigkeit geprägten Lage zurückzugewinnen.

„Corona ist so ein Ohnmachtsding. Die Menschen starren auf die Zahlen des RKI und haben das Gefühl, nichts tun zu können, als den Vorgaben zu folgen. Und selbst wenn sie folgen, ändert sich nichts. Verschwörungsdenken hingegen lässt das Gefühl entstehen, etwas tun zu können. Es ermächtigt", erklärt Hahn. Und es liefere plötzlich einen Schuldigen, wo man sich selbst hilflos sieht. „Wenn die Regierung mit der CIA unter einer Decke steckt, wenn Chemtrails unser Leben vergiften, bekomme ich eine Begründung für meine Probleme und einen Verantwortlichen."

Was tun, wenn Freunde und Familie plötzlich Theorien verbreiten?

Was aber ist zu tun, wenn Menschen, die vorher eine Rolle in unserem Leben gespielt haben, plötzlich diesen Theorien anhaften? „Wir müssen uns immer die Frage stellen, wie es dazu kommt, dass der Mensch zweifelt. Welche Erfahrungen hat er gemacht, die ihn dazu bringen? Inwieweit hilft ihm diese Theorie, seinen Zweifel besser zu leben als in der offiziellen Darstellung?", erklärt Andreas Hahn.

Das Mittel der Wahl sei, zuzuhören, ohne gleich in Diskussion oder Streit zu geraten.„Die Menschen wollen verstanden werden." Darum gelte es zu signalisieren: Ich bin interessiert an Dir. Dabei sollen die eigenen Erfahrungen nicht dagegen, sondern daneben gesetzt werden", so Andreas Hahn.

Info
Reaktionen und Posts

•„Und wo derartiges Unrecht an 83 Millionen unbescholtener Bürger so brachial angewandt wird, haben wir es natürlich mit einem undemokratischen Prozess zu tun."
• „Die einzigen Hotspots sind das RKI, das Kanzleramt, der Sitz von Markus Söder und das Sündenpfuhl vom schwulen Bankkaufmann."
•Zum Thema Unfruchtbarkeit durch Impfung: „Wer sowas glaubt, sollte sich womöglich auch einfach nicht reproduzieren. Ist für alle besser."
•Heute heißt nur alles Corona, ob Husten, Erkältung oder Grippe."
• „Solange man selbst nicht betroffen ist, kann man große Klappe haben!"
•„Die Menschen scheinen entweder in Angst gefangen, oder an Ignoranz verblödet zu sein!"
• „Sie sollten nicht jeden Scheiß glauben, den Sie im Internet finden."
• „Man wird nie eine klare Antwort darauf bekommen, wie hoch oder niedrig die Zahlen wirklich sind. Alles Pfusch und Geschiebe."
•„Es ist zum Lachen oder zum Heulen, was die Regierung mit uns macht, und es gibt noch so viele, die an diese Bande glauben."
•„Ich finde es unfassbar, was von den Medien veranstaltet wird. Lasst endlich die Bevölkerung mit Euren Dramaberichten in Ruhe."
•„Aber immer schön für die Regierung Schreiben. Armes Deutschland."
•„1,2 Mill. Tote durch „corona" und 2021 30 Millionen durch Lateralschäden! Dass nenn ich Verhältnismässigkeit!"
2 Kommentar

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