HalleStrengere Düngevorschriften: Landwirte bangen um ihre Existenz

Seit Anfang des Jahres gilt eine neue Verordnung. Sie soll die Nitrat-Belastung reduzieren. Auch im Altkreis gibt es rote Bereiche, in denen ab sofort verschärfte Vorgaben für das Düngen gelten.

Heiko Kaiser

Während es im südlichen Teil Borgholzhausens und in Versmold viele kritische Gebiete gibt, sind Werther, Halle und Steinhagen weitgehend nicht von der Verordnung betroffen. - © WLV
Während es im südlichen Teil Borgholzhausens und in Versmold viele kritische Gebiete gibt, sind Werther, Halle und Steinhagen weitgehend nicht von der Verordnung betroffen. © WLV

Altkreis Halle.Die heimische Landwirtschaft sieht rot. Im wahrsten Sinne des Wortes. Grund dafür ist die neue Düngeverordnung. Ihr zur Folge hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LaNUV) nitratbelastete Gebiete auch für den Kreis Gütersloh ausgewiesen. Die Gesamtfläche der so rot markierten Feldstücke ist um gut 13 Prozent auf 9.319 Hektar gestiegen.

Die Einordnung in einen roten Bereich hat für die betroffenen Landwirte nachhaltige Folgen. In diesen Gebieten gelten strengere Vorschriften für das Düngen. Seit Beginn des Jahres muss hier die Düngung um 20 Prozent reduziert werden. Außerdem wird die Herbstdüngung von Winterraps und Wintergerste sowie von Zwischenfrüchten verboten.

„Das ist für viele sehr frustrierend"

Arnold Weßling: „Für viele sehr frustrierend.“ Foto: Heiko Kaiser - © Heiko Kaiser
Arnold Weßling: „Für viele sehr frustrierend.“ Foto: Heiko Kaiser (© Heiko Kaiser)

„Das ist für viele sehr frustrierend", sagt Arnold Weßling, Landwirt aus Borgholzhausen und seit Jahren auf landwirtschaftspolitischen Ebenen engagiert. Die betroffenen Landwirte haben dadurch nicht nur Ertragsrückgänge zu verkraften, sie müssen zudem höhere Kosten durch die geforderten Rechenschaftsberichte und die damit verbundenen bürokratischen Aufgaben tragen.

Dabei hat der einzelne Betrieb kaum eine Chance, etwas an der Situation etwas zu ändern. Denn die Einordnung in ein rotes Gebiet ist nicht das Resultat einer falschen Bewirtschaftung. Sie ist Ergebnis der Umsetzung einer EU-Norm, die festsetzt, dass Sickerwasser nicht mehr als 50 Milligramm Nitrat pro Liter enthalten darf.

Landwirte empfinden die Berechnung dieser Konzentration auf den Flächen als willkürlich und damit ungerecht. „Ich habe hier beispielsweise einen Bereich mit Eschboden, der rot markiert ist. Direkt daneben befindet sich eine Senke, die angeblich unbedenklich ist", nennt Joachim Klack, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsverbands Versmold, ein Beispiel und fügt ein weiteres hinzu: „Dieses rote Dreieck ist Wald, schon seit vielen Jahren. Auf der Karte wird es als Gebiet mit Nitratbelastung ausgewiesen. Völlig unverständlich."

Landwirte kritisieren "Sippenhaft"

Joachim Klack: „Völlig unverständlich. - © Kerstin Spieker, HK
Joachim Klack: „Völlig unverständlich. (© Kerstin Spieker, HK)

Das Rechenmodell, nach dem die Einteilung in rote und unbedenkliche Gebiete erfolgt, berücksichtigt unterschiedliche Faktoren. Hierzu gehören unter anderem die Bodenbeschaffenheit, die Stickstoffbelastung aus der Luft, die Fähigkeit des jeweiligen Bodens, durch Bakterien Nitrat zu entfernen und nicht zuletzt die sogenannte Nitratbilanz der Gemeinde, zu der ein Betrieb gehört. Letztere wurde in der Online-Informationsveranstaltung des westfälischen Landwirtschaftsverbands von einem der Teilnehmer als „Sippenhaft" bezeichnet. Sie bedeutet: Pro Gemeinde wird berechnet, wie viel Nitrat durch Tierhaltung oder Düngung in den Boden gebracht wird. Davon wird der Nitratverbrauch durch Ernte abgezogen. Gibt es in einer Gemeinde also besonders viele Tierhaltungsbetriebe, sind auch Landwirte, die keine Tiere haben, davon betroffen.

Thomas Baumhöfer, Wasserrahmenrichtlinienberater der Landwirtschaftskammer, ist von der Belastbarkeit des Rechenmodells überzeugt: „Der geologische Dienst besitzt Basisdaten über die Bodenbeschaffenheit differenziert in Rastern von einem Hektar. Daraus und aus den anderen Daten kann ziemlich genau berechnet werden, wie hoch die Sickerwasserkonzentration ist." Das Resultat der Berechnung ist auf einer Karte des LaNUV zu sehen. Während sie für Werther, Steinhagen und den nördlichen Teil von Borgholzhausen keine roten Gebiete ausweist, zieht sich ein rotes „Nitrat-Band" von Berghausen und Kleekamp in südwestliche Richtung über Westbarthausen und Versmold bis ins Münsterland. Halle ist nur vereinzelt in Hörste und Hesseln betroffen.

Ratlosigkeit wegen roter Zonen

Eine Erklärung dafür, warum ein breiter roter Streifen diese Gebiete durchzieht, während andere Teile der Region ohne Auflagen weiterwirtschaften können, ist schwer zu finden. „Wenn ich darauf eine Antwort hätte ...", sagte Arnold Weßling lakonisch. Thomas Baumhöfer begründet es mit Unterschieden in den Bodenbeschaffenheiten. „In Richtung Steinhagen zum Beispiel finden sich verstärkt sandige Böden, auf denen das Wasser schneller versickert, das Nitrat somit stärker verdünnt wird und eine geringere Konzentration aufweist." Rechnerisch zumindest. Doch der Wasserexperte ist davon überzeugt, dass es die Realität gut widerspiegelt.

Ob das stimmt, wird sich Ende Februar zeigen. Dann werden die Ergebnisse aus den Messstellen in die Kartographie einfließen. Bedeutet: Sollte eine Messstelle in einem roten Gebiet eine unbedenkliche Nitratkonzentration ergeben, wird das Gebiet nachträglich grün. Thomas Baumhöfer allerdings dämpft schon jetzt die Erwartungen. „Ich rechne damit, dass der Anteil der roten Flächen, die dadurch grün werden, unter fünf Prozent liegt."

Die Karte ist einsehbar unter www.elwasweb.nrw.de.

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