Mennoniten und Muslime: Nicht alle Gläubigen üben Verzicht

Während alle Bürger derzeit mit eingeschränkten Grundrechten leben müssen, genießen die Kirchen offenbar größere Freiheiten. Gottesdienste sind weiterhin unter strengen Hygieneauflagen erlaubt – Mennoniten und Muslime nutzen die Chance.

Uwe Pollmeier

- © CC0 Pixabay
(© CC0 Pixabay)

Halle. Das Leben steht seit Monaten mehr oder weniger still. Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, Freunde sieht man nur noch auf dem Bildschirm. Es droht der 15-Kilometer-Radius und beim Treffen mit einem anderen Haushalt muss dieser einen Auserwählten bestimmen, denn eine andere Person ist das Maximum in Corona-Zeiten. Bei all den Einschränkungen, Geboten und Verordnungen fällt es einigen schwer, das nicht ganz so stark eingeschränkte Grundrecht der Religionsfreiheit nachzuvollziehen: „Warum dürfen Gruppen miteinander beten, während der eigene Radius auf den engsten Familienkreis beschränkt wird?“ Zudem erwiesen sich Gottesdienste, auch im Kreis, in den vergangenen Wochen mehrfach als Hotspots.

Mennoniten-Brüdergemeinde

Unverzichtbar ist das gemeinsame Beten für die Mennoniten-Brüdergemeinde Halle, die etwa 250 Mitglieder zählt. „Die Gottesdienste finden nach wie vor statt. Als Verantwortliche wägen wir regelmäßig ab, ob Gottesdienste stattfinden und wenn ja, in welcher Form – als reiner Online-Gottesdienst oder in Präsenz“, erklärt Hans Janzen, einer von drei sogenannten Ältesten der Mennoniten-Brüdergemeinde. Grundsätzlich böte man aber auch die im Gebetshaus am Tiefer Weg stattfindenden Präsenzgottesdienste als Livestream an, was auch gut genutzt werde.

Links zum Thema
Kommentar: Ausnahmen für Religionsgemeinschaften ein fatales Signal

„Die Notwendigkeit, auch Präsenzgottesdienste durchzuführen, sehen wir unter anderem darin, dass sich das gemeinsame Gebet für persönliche Anliegen in einem Online-Format nicht gut umsetzen lässt. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass viele Besucher Gläubige im fortgeschrittenen Alter sind und sich mit der Online-Gemeinschaft schwer tun“, erklärt Janzen. Zudem wirke ein Präsenzgottesdienst, wenn auch mit Abstand und ohne persönlichen Kontakt, der zunehmenden Vereinsamung entgegen.

Die traditionelle Allianzgebetswoche hat in dieser Woche ausschließlich online stattgefunden. Dadurch habe man größere Menschenmengen vermieden. „Im und außerhalb des Gemeindehauses dürften sich in den vergangenen Tagen maximal einige wenige Handwerker befunden haben, die an der Sanierung und Erweiterung des Hauses arbeiten“, sagt Janzen.

Er verweist darauf, dass die Präsenzgottesdienste unter Einhaltung der derzeit gültigen Coronaregeln stattfänden. Dazu gehöre auch, dass im gesamten Gebäude die Mindestabstandsregelung gelte, auf das gemeinschaftliche Singen verzichtet und durchgehend ein Mund-Nasenschutz getragen werde. Die Kinder- und Jungscharveranstaltungen fänden hingegen nicht in Präsenz statt. „Es ist nachvollziehbar, dass nicht alle unsere Einschätzung der Notwendigkeit von Präsenzgottesdiensten teilen. Ich habe gemerkt, dass sich das Unverständnis in persönlichen Gesprächen zum Teil ausräumen ließ“, sagt Janzen.

Muslime

In der Ayasofya Moschee am Lindenbad schränkt Corona den Alltag ebenfalls ein, führt aber nicht zum Stillstand. „Die Moschee ist mit verschärften Corona-Vorkehrungen geöffnet“, teilt der Vorstand über Sprecher Cemil Sahinöz mit. So dürfen Personen mit Krankheitssymptomen die Moschee nicht betreten und auch Menschenansammlungen vor oder in dem Gebäude seien nicht erlaubt. „Im Gebetsraum sind die Plätze, an denen man sich mit Abstand aufhalten darf, gekennzeichnet. Es gilt bei einer um 70 Prozent reduzierten Teilnehmerzahl Maskenpflicht bei den Gottesdiensten“, sagt Sahinöz. Jeder müsse seinen Gebetsteppich mitbringen und die Toiletten blieben geschlossen. „Es wird eine Teilnehmerliste geführt und die Gottesdienste dauern maximal 45 Minuten“, sagt Sahinöz.

Freie Evangelische Gemeinde

„Online-Gottesdienste sind wohl derzeit die einzig mögliche Alternative“, sagt Alexander Maron, Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG). Sie haben seit dem 20. Dezember die Gottesdienste mit Besuchern abgelöst. Dennoch sei ihm bewusst, dass sie die Präsenzgottesdienste nicht gleichwertig ersetzen können. Das gemeinsame Beisammensein sei sein elementarer Punkt in der FEG. „Allerdings würden Gottesdienste mit Abständen von 1,50 Metern zwischen den Menschen für ein beklemmendes Gefühl sorgen“, sagt Maron. Viele Gottesdienstbesucher seien alleinstehend und stünden dann recht einsam im Gemeindehaus an der Rilkestraße. „Ich hoffe, dass wir bald wieder das Gemeindehaus öffnen können“, sagt Maron.

Man müsse die ganze Sache aber auch von beiden Seiten betrachten. Der Glaube und dessen Ausübung sei für viele Menschen ein „wichtiges Standbein, das inneren Halt“ gebe. Man merke deutlich, dass vielen das Zusammensein sehr fehle.

Katholische Kirche

„Alle Gemeinden im Kreis Gütersloh haben angesichts der Zahlen schon vor Weihnachten entschieden, Präsenzgottesdienste abzusagen“, sagt der katholische Pfarrer Josef Dieste. Zwar gebe es bis heute keine einheitliche Vorgabe seitens des Erzbistums, aber man habe angesichts der aktuellen Lage nicht lange über die Entscheidung nachgedacht.

„Ich persönlich bin über jeden froh, der in diesen Tagen lieber zu Hause bleibt“, sagt Dieste. Zugleich stellt er aber auch klar, dass die Kirchen keine Sonderrechte genießen, sondern es lediglich um Grundrechte ginge. Ein Grundrecht allerdings, das derzeit durchaus – wie viele andere auch – eingeschränkt werden müsse. Ärgerlich sei, dass man oft Pläne über den Haufen werfen müsse. So waren auch die Weihnachtsgottesdienste bereits komplett vorbereitet. Er persönlich habe die Weihnachtsfeierlichkeiten vermisst, schließlich sei die Zeit eine der elementarsten Abschnitte im Berufsleben eines Pfarrers. Nun hoffe er auf Ostern, allerdings mit gedämpften Erwartungen. „Das wird sicherlich noch nicht in der alten Form stattfinden.“

Aktuell wären die Kirchen, sofern man die Beschränkungen einhielte, bei Präsenzgottesdiensten ziemlich leer. Entsprechend der Vorgaben fänden in der Herz-Jesu-Kirche 22 Personen Platz, in Werther wären es sogar nur 13. „Wir unterscheiden uns von den Freikirchen. Dort ist es familiärer“, sagt Dieste und zeigt Verständnis dafür, dass anderen Religionsgemeinschaften der Verzicht auf Präsenzgottesdienste schwerer falle als den Katholiken.

Evangelische Kirche

„Wir erklären uns absolut solidarisch“, sagt Walter Hempelmann, Superintendent des Kirchenkreises Halle. Für ihn sei es keine Frage gewesen, auch in puncto Präsenzgottesdienst in den Lockdown zu gehen. Natürlich fehle den Menschen die persönliche Begegnung, aber die Entscheidung sei völlig richtig. Zudem sei die Vielfalt der neuen Online-Angebote sehr gut. „Wir haben alle den gleichen Kurs gefahren und stehen da voll und ganz hinter den Vorgaben der Evangelischen Landeskirche.“

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.