HalleEr half beim A33-Bau mit: „Was Größeres gibt es für Straßenbauer nicht“

Serie „Ein Jahr A 33-Lückenschluss“ (3): Sven Johanning arbeitet seit über 30 Jahren beim Landesbetrieb Straßen.NRW. Seit 2000 ist er dessen Sprecher. Er hat den Autobahnbau von Beginn an begleitet und blickt im Interview zurück.

Heiko Kaiser

Sven Johanning von Straßen NRW - © Marten Siegmann
Sven Johanning von Straßen NRW © Marten Siegmann

Vor gut einem Jahr wurde der Lückenschluss mit großen Feierlichkeiten begangen. Was ist seitdem passiert?

SVEN JOHANNING: Der Verkehr rollt. Die sonst so hoch belasteten Strecken, wie die B 68, aber auch der Schleich- und Ausweichverkehr, haben sich hoffentlich beruhigt. Das war das Ziel der Übung.

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Die weiteren Teile der Serie "Ein Jahr A33-Lückenschluss"

Wenn Sie an die Planungs- und Bauphase zurückdenken, was bleibt ihnen vor allem in Erinnerung?

Spontan fällt mir ein, dass wir 2012 schon vor Baubeginn in einem großen Termin, an dem unter anderem der damalige Verkehrs- und Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger teilgenommen hat, gesagt haben, dass wir Ende 2019 fertig werden wollen. Ich habe damals gedacht, dass das sehr sportlich ist. Dass wir trotz aller Widrigkeiten, ich denke da zum Beispiel an die Insolvenz einer Firma, die für uns drei oder vier Brücken bauen sollte, dieses Ziel erreicht haben, das ist für mich das Eindrucksvollste.

Ist dieses Projekt, das größte, was sie in ihrer beruflichen Laufbahn begleitet haben?

Ja natürlich war das insgesamt das Größte. Parallel hatte uns zudem die A 30, Nordumgehung Bad Oeynhausen, stark gefordert. Generationen von Kollegen haben daran gearbeitet. Und meine Generation konnte die Autobahn fertigstellen. Was Größeres gibt es für Straßenbauer nicht.

Gibt es noch Aufgaben, die zu erledigen sind?

Noch ist noch nicht alles schlussgerechnet. Letzte Rechnungen müssen geprüft werden. Kleinere Ausgleichsflächen, wie zum Beispiel Streuobstwiesen oder bepflanzte Randstreifen sind noch fertigzustellen, wobei 80 Prozent der Ausgleichsflächen bereits fertig sind.

Tatsächlich haben ja Ausgleichsmaßnahmen und der Naturschutz gerade auf dem letzten Abschnitt eine große Rolle gespielt.

Das stimmt. Ein Highlight bei dieser Autobahn waren die sechs Grünbrücken. Überhaupt, die ganze Thematik um Bechsteinfledermaus und Steinkauz. Das hat uns schon die ganze Zeit bewegt. Angefangen von vorgezogenen Artenschutzmaßnahmen, wo wir zunächst neue Quartiere schaffen mussten.

Sind Sie ein bisschen Biologe geworden in dieser Zeit?

Das kann man so sagen. Ich habe viel gelernt. Ich war schon immer naturverbunden, aber dieser Prozess hat mich sicher nicht dümmer gemacht. Mein Bestreben war es immer, das, was ich als Sprecher erklären muss, auch zu verstehen. Deshalb muss man sich auch in diese Themen hineinfuchsen.

Hat Sie als Straßenbauer die Rücksichtnahme auf Naturschutzdinge mit ihren vielen Auflagen manchmal gestört?

Nein, denn das gehört mittlerweile zum Straßenbau dazu. Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist eine zwingend notwendige Maßnahme, keine Frage. Die Ausgleichsmaßnahmen und der vorgezogene Artenschutz sind inzwischen unser tägliches Geschäft. Wir Straßenbauer wären heute eher irritiert, wenn wir sie nicht mehr machen müssten.

Hat sich da etwas verändert in den vergangenen 30 Jahren?

Ja, das ist gerade beim Beispiel A 33 deutlich geworden. Die FFH-Richtlinien haben sich hier permanent geändert, das FFH-Gebiet Tatenhausener Wald wurde dabei immer größer. Wir waren gezwungen noch einen und noch einen Bogen zu machen, bis schließlich die jetzige Trasse stand. Aber so ist es eben. Planung lebt immer von Veränderungsprozessen.

Analysiert Straßen.NRW die Unfälle? Gibt es Kontakt zu Feuerwehr und Polizei?

Mit dem Tag der Verkehrsfreigabe ist das Thema A 33 übergegangen an unsere Niederlassung in Hamm. Natürlich aber haben wir die Thematik weiterhin im Fokus. Wenn Unfälle passieren, wird genau beobachtet, was das für ein Unfall ist, ob Unfälle an gleicher Stelle oder aus gleicher Ursache passieren. Sollte das so sein, kann man von einer Unfallhäufungsstelle sprechen. Das haben wir und vor allem die Polizei und die Straßenverkehrsbehörden natürlich im Blick. Aber solche Stellen gibt es bislang nicht.

Und was macht die Bodenwelle unweit der Auffahrt Halle, wo es ja Bremsspuren gegeben hat, weil dort mancher Fahrzeughalter offenbar erst beim Anblick der Senke aufs Bremspedal tritt?

Da habe ich inzwischen eine andere Erklärung. Vermutlich handelt es sich dabei nicht um Bremsspuren, sondern um den Gummiabrieb von Nachläuferachsen der Sattelauflieger. Manche haben drei Achsen und heben eine an, wenn sie leer sind. Wenn diese Anhebung nur leicht ist und der Auflieger durch die Welle fährt, dann können die Räder leicht aufsetzen und es kommt zum Gummiabrieb.

Weiß man inzwischen, wer für diese Bodenwelle verantwortlich ist, die ja bereits kurz nach Eröffnung der Strecke entdeckt wurde?

Wir wissen noch immer nicht, wodurch die Bodenwelle entstanden ist. Das Landgericht Bielefeld hat einen Gutachter beauftragt, der Bohrungen vorgenommen hat. Auf diese Ergebnisse warten wir derzeit.

Ab 1. Januar 2021 übernimmt die Bundesgesellschaft Autobahn GmbH zentral die Verwaltung der Autobahnen. Was bedeutet das für Sie?

Wir sammeln derzeit ganz viele Autobahnakten. Ich gehe davon aus, dass es am Ende etwa 150 Meter Akten von A 30 und A 33 sein werden. Im Moment fahren hier viele Kolleginnen und Kollegen mit Transportwagen durchs Haus und bringen die Akten in zwei beheizte Garagen, wo Regale aufgestellt worden sind. Sie werden dann nach Hamm transportiert. Natürlich gibt es auch Übergabegespräche, wo wir unter anderem darüber informieren, welche Aufgaben noch zu erledigen sind.

Aber Sie sind das Autobahnthema damit los. Sind Sie froh darüber?

Vergleichbares werden wir nicht mehr wiederbekommen.

Das klingt ein bisschen nach Bedauern.

Da schlagen zwei Herzen in einer Brust. Es hat viel Arbeit gemacht, es war teilweise sehr anstrengend. Wir machen drei Kreuze, wenn sie fertig ist, haben wir manchmal gesagt. Doch als sie dann fertig war, schwang auch ein bisschen Wehmut mit. Das Thema hat uns so lange Jahre beschäftigt und begleitet, es war uns so vertraut. Und dann war es plötzlich vorbei.

Wann spüren sie das, dass es vorbei ist?

Früher bin ich auf den Baustellen vorwärts, rückwärts und als Geisterfahrer über die Trasse gefahren. Das war ein besonderes Privileg. Wenn ich jetzt über die A 33 fahre, bin ich auch nur einer von vielen, die diese Autobahn nutzen.

An was denken Sie besonders gerne zurück?

An das Interesse der Bevölkerung. Wir haben die Menschen in der Bauphase öfter eingeladen, über die Trasse zu fahren und dabei über den Baufortschritt informiert. Da gab es immer einen großen Andrang. Es wurde auch kontrovers diskutiert. Aber ich erinnere mich gerne daran, weil die Menschen dabei gewürdigt haben, was wir hier tun.

Was wird Ihr nächstes Großprojekt, das Sie betreuen?

Ich muss zuhause einen Geräteschuppen sanieren.

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