Corona im Kreis Gütersloh: Banger Blick auf die magische 200

Der 7-Tage-Wert soll künftig eine entscheidende Rolle für die regionale Verschärfung der Pandemiebekämpfung spielen. 200 ist hierbei die magische Grenze. Um genau diesen Wert pendelt die heimische Region seit Tagen – das macht es sehr knifflig.

Marc Uthmann

Der 7-Tage-Wert der Corona-Infektionen im Kreis Gütersloh unterliegt zum Teil starken Schwankungen. Bereits sechs Mal seit Beginn des Lockdowns light wurde die aktuell diskutierte Grenze von 200 über- oder unterschritten. Das wirft Fragen auf, inwieweit sich Maßnahmen anhand dieser Kennzahl überhaupt kalkulieren lassen - © Sandra Neumann
Der 7-Tage-Wert der Corona-Infektionen im Kreis Gütersloh unterliegt zum Teil starken Schwankungen. Bereits sechs Mal seit Beginn des Lockdowns light wurde die aktuell diskutierte Grenze von 200 über- oder unterschritten. Das wirft Fragen auf, inwieweit sich Maßnahmen anhand dieser Kennzahl überhaupt kalkulieren lassen (© Sandra Neumann)

Halle. Die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten haben in ihren Beschlüssen festgelegt, dass bei Überschreiten der Grenze eines 7-Tage-Wertes von 200 regional schärfere Maßnahmen ergriffen werden können. Wenn in einer Region in den vergangenen sieben Tagen also mehr als 200 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner aufgetreten sind. Vor allem mit Blick auf den Unterricht an den Schulen sollen dann andere Konzepte möglich sein.

All das ist bislang jedoch wenig konkret, muss von den Ländern nun in greifbare Vorgaben gegossen werden – die Kreise sollen es dann umsetzen. In speziellen Situationen auch die Kommunen. Doch sich in ihrem weiteren Handeln am 7-Tage-Wert zu orientieren, dürfte für die Behörden eine große Herausforderung darstellen. Der Kreis Gütersloh bietet hierfür das beste Beispiel.

Denn alleine, seit der „Lockdown light" am 2. November in Kraft getreten ist, unterliegt die 7-Tage-Inzidenz starken Schwankungen. Nicht weniger als sechs Mal wurde die 200er-Grenze seither über- oder unterschritten. Von 167,6 stieg der Wert binnen zehn Tagen auf über 200, rutschte anschließend auf knapp über 150, um dann wieder anzusteigen und um die 200er-Grenze zu pendeln. Der gesamte Kreis Gütersloh hat 365.000 Einwohner – schon ein größerer lokaler Ausbruch kann die Inzidenzen erheblich beeinflussen. Dazu braucht es keine Tönnies-Dimensionen.

Bestes Beispiel ist die Entwicklung vom 17. bis 19. November: Hier fiel der Wert zunächst von 183,9 auf 152,6, um dann am Folgetag wieder auf 183,6 anzusteigen. Das bedeutet Schwankungen von 17 und 20 Prozent zwischen den Wertes innerhalb eines Tages. Darf eine so volatile Kennzahl also die Basis für grundlegende Maßnahmen bilden?

„Müssen abwarten, wie die Punkte konkret geregelt werden"

Diese Frage drängt sich auch beim Blick auf die ganz aktuelle Entwicklung auf: Mittwoch lag der 7-Tage-Wert für den Kreis Gütersloh bei 203, gestern bei 197,3 – einmal drüber, einmal drunter. Ab wann also werden Maßnahmen verschärft und wann werden sie wieder zurückgenommen? Es wird einen Korridor der Werte geben müssen. Sonst würde Chaos drohen – Beispiel Schule: Dort ist ein täglicher Wechsel zwischen vollem Präsenz- und Wechselunterricht sicher nicht beabsichtigt – und auch gar nicht umsetzbar.

Wie die großen Linien, die von der Bundes- und Landespolitik am Mittwoch skizziert wurden, von den heimischen Behörden nun umgesetzt werden sollen, war gestern indes noch nicht klar. „Fragen dazu kann ich nicht im Einzelnen beantworten", sagte Kreissprecher Jan Focken gestern dem Haller Kreisblatt. „Wir müssen abwarten, wie die angekündigten Punkte vom Land NRW konkret geregelt werden. Was gestern veröffentlicht worden ist, war das Ergebnis einer Beratung und ist noch nicht rechtlich geregelt."

Ämter arbeiten am Limit

Die lokalen Behörden müssen also auf weitere Weisungen warten – und sind dann gezwungen, Vorgaben ganz schnell umzusetzen. An dieser Rollenverteilung hat sich seit Ausbruch der Pandemie nichts geändert. Dabei arbeiten die Gesundheits- und Ordnungsämter schon am Limit.

Sollten die Kommunen dazu ermutigt werden, selbst weitreichendere Entscheidungen anhand des Infektionsgeschehens bei ihnen vor Ort zu treffen, wird es mit Blick auf den 7-Tage-Wert übrigens noch komplexer. Denn angesichts der kleineren Einwohnerzahlen je Stadt oder Gemeinde sind die Schwankungen hier extremer. Halle etwa wies am 4. November eine Inzidenz von 138,6 auf, bis zum 12. November stieg der Wert deutlich auf 180,6 an. Nur eine Woche später lag er nur noch bei 110,9 – gestern hingegen war mit 161,7 die 200er-Grenze wieder nicht weit entfernt.

Kommunale Maßnahmen wären also noch stärkeren Schwankungen unterworfen. Anfang November war die Gemeinde Herzebrock-Clarholz etwa kurz davor, die 300 zu reißen, nur drei Wochen später ist der Wert mit 131,6 mehr als halbiert.

"Es bleibt aber ein Blick in die Glaskugel"

Versmold (233,6) und Werther (210,8) lagen gestern über dem kritischen Wert – wobei sich die Lage in Versmold nach einem 7-Tage-Wert von über 270 sogar schon ein wenig entspannt hat. Auf der anderen Seite gibt es im Kreis sogar eine Kommune – Langenberg –, die aktuell nur fünf Infizierte und eine Inzidenz von 46,2 hat. Mit kommunalem Blick wären hier Lockerungen angezeigt.

In den Städten und Gemeinden des Kreises wartet man derweil ebenfalls auf klarere Regeln. „Die endgültige Verordnung liegt uns noch nicht vor – sie kommt in der Regel immer erst am Freitagnachmittag", sagte Stadtsprecher Timo Klack. „Und die Erfahrungen zeigen, dass sich hier immer noch Dinge ändern."

Versmolds Bürgermeister Michael Meyer-Hermann äußerte sich gestern ähnlich: „Wir warten auf das, was dann in der Verordnung steht, die ab dem 1. Dezember gilt. Der Kreis ist bei der Inzidenz schon unter 200 – wir hoffen, dass es bei uns dann auch so sein wird. Es bleibt aber ein Blick in die Glaskugel."

Bei kleineren Kreisen und erst recht bei Kommunen reichten vergleichsweise kleine Ausbrüche, um die 7-Tage-Inzidenz „unter die Decke schießen zu lassen", so Meyer-Hermann. „Wir hatten zuletzt mehrere Fälle in unseren Flüchtlingsunterkünften." So etwas müsse bei der Bewertung von Maßnahmen einberechnet werden – „ob ich ein diffuses Geschehen habe, oder ob steigende Zahlen auf spezielle Ereignisse zurückzuführen sind".

Versmolds Bürgermeister rechnet damit, dass es künftig um kreisweite Maßnahmen gehen dürfte. „Bei Schulen wird sicherlich auf einzelne Einrichtungen geschaut werden." Ansonsten bleibt der Verwaltungschef bei der Devise, die ihn seit Pandemiebeginn begleitet: „Vieles ist mal wieder unklar, bleiben wir also gelassen."

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