Jugend und Corona: „Die Zeit lässt sich nicht nachholen“

Weniger Freizeitspaß, weniger Einnahmen und weniger Sozialkontakte. Die Corona-Pandemie zwingt alle zum Verzicht. Besonders hart trifft es aber die Jugendlichen. Ihnen geht unwiederbringlich ein Teil einer einmaligen Lebensphase verloren.

Uwe Pollmeier

Freundinnen treffen und quatschen ist in Corona-Zeiten zur Seltenheit geworden. - © CC0 Pixabay
Freundinnen treffen und quatschen ist in Corona-Zeiten zur Seltenheit geworden. (© CC0 Pixabay)

Halle. In Zeiten der Pandemie hat wohl jeder gelernt, auf gewisse Dinge zu verzichten. In einigen Einzelfällen ist dies sogar von Vorteil. Der innere Schweinehund muss nicht überwunden werden, da das Fitnessstudio ohnehin geschlossen hat, und die Verwandtschaft kommt seltener zum Kaffeetrinken vorbei. Aber mal nüchtern und ehrlich betrachtet steht fest: Die letzten Monate wünscht sich niemand zurück und manch einer möchte die Zeit bis zum Frühling am liebsten murmeltiermäßig im Winterschlaf verbringen.

Während aber die Ü 30-Generation ihre Partylust eher geringfügig herabsenken muss, sind die Jugendlichen besonders vom Lockdown betroffen. In der Schule gibt es regelmäßig neue Regeln, täglich ordentlich Frischluft und das Freizeitvergnügen abseits von Mathe, Deutsch und Englisch geht gegen null. Die Zeit der vielleicht unbeschwertesten Lebensphase verstreicht kaum genutzt im Lockdown.

Vier Schülerinnen des Kreisgymnasiums Halle verraten, was ihnen in diesen Monaten ganz besonders fehlt.

Charlotte Wieda (14 Jahre, 9. Klasse)
Carlotte Wieda KGH - © Privat
Carlotte Wieda KGH (© Privat)

Corona ist natürlich für uns alle eine ziemliche Belastung und schränkt uns im Alltag sehr ein. Aber gerade für Jugendliche ist das noch mal eine ganz andere Situation. Da ich noch recht jung bin, hat Corona bezogen aufs Ausgehen am Wochenende keine großen Auswirkungen, aber es schränkt mich wie alle anderen natürlich trotzdem ein. Ich zum Beispiel musste mit meinem alten Hobby gezwungenermaßen aufhören, aber kann zurzeit nichts Neues ausprobieren und auch die Musikschulen sind derzeit geschlossen. Ebenso kann ich nicht mehr zum Schulchor gehen und auch viele AGs finden nicht mehr statt.

Johanna Seck (17 Jahre, Q 2, stellvertretende Schülersprecherin)
Johanna Seck KGH - © Privat
Johanna Seck KGH (© Privat)

Ich denke viel darüber nach, wie es mit der Schule weitergeht. Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Nicht zu wissen, wie lange die Schulen noch aufbleiben, und die Angst, die Schulen könnten von heute auf morgen erneut schließen.

Auch wenn im Online- Unterricht genauso weitergearbeitet werden würde wie vorher, wäre das für mich persönlich nicht das Gleiche wie Präsenzunterricht. Da es meine letzten Wochen in der Schule sind, hoffe ich, diese noch halbwegs normal in der Schule verbringen zu können, auch, wenn ich den normalen Schulalltag wie vor Corona höchstwahrscheinlich nicht mehr erleben werde.

Hinzu kommt eine generelle Unsicherheit in vielen Bereichen, die zum Nachdenken anregt, so dass es manchmal schwerfällt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Gerade für uns in der Q 2 ist es ein Problem, dass wir nicht wirklich planen können bezüglich unseres Abiturs. Wir wissen auch nicht, ob ein Abiball überhaupt stattfinden kann und wie man solche Aktionen in diesen Zeiten finanziert. Viele Möglichkeiten, um etwas Geld zu verdienen, sind weggefallen. Wie viele andere Jugendliche vermisse natürlich auch ich das „normale Leben" einer 17-Jährigen. Mal am Wochenende rausgehen und sich mit Freunden treffen. Da-rüber hinaus fehlt mir ein Ausgleich zur Schule, da durch den zweiten Lockdown die meisten Hobbys erneut nicht stattfinden können. Man muss sich Alternativen überlegen, da ein Ausgleich sehr wichtig ist.

Maj Nike (12 Jahre, 7. Klasse)

Ich persönlich treibe ja auch Sport, aber durch Corona durften wir uns zum Beispiel zum Handballtraining gar nicht mehr treffen und das hat mir schon sehr gefehlt. Ich bin dann als Alternative immer joggen gegangen oder habe zu Hause irgendwelche Übungen gemacht, aber so ganz alleine war es dann auf Dauer auch nicht so spaßig wie mit der Mannschaft.

Was mir auch gefehlt hat – und ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage – war die Schule, als sie geschlossen wurde. Am Anfang war man natürlich noch eher so „Juhu, keine Schule", aber nach einer Weile hat es einem schon gefehlt, besonders, weil man auch seine Freunde nicht mehr so richtig gesehen hat. Außerdem konnte ich mich in der Schule auch deutlich besser konzentrieren, weil es zu Hause viel mehr Möglichkeiten gab, sich mal kurz abzulenken und auch bei Fragen konnte man sich nicht einfach melden und den Lehrer fragen. Also war ich echt froh, als wir dann wieder in die Schule konnten – mit Maske oder nicht war mir eigentlich nicht so wichtig, da ich ein Mensch bin, den die Maske nicht so stört.

Maj Nike KGH - © Privat
Maj Nike KGH (© Privat)
Lisa-Marie Supply (17 Jahre, Q 2, Schülersprecherin)

Unser Alltag ist einfach weit entfernt von der Situation vor der Pandemie. Man hat keine Möglichkeiten mehr, sich auszutauschen und auszuprobieren, seinen eigenen Weg zu finden – all das, was die Jugendzeit so ausmacht. Natürlich fehlt mir der schulische Alltag, denn mit all den Einschränkungen, die notwendig sind, ist es einfach nicht das Gleiche.

Es fehlt auch eine richtige Struktur, da sich dauernd Sachen ändern. Auch was die Lebensplanung angeht – man muss sich die ganze Zeit umorientieren. Der persönliche Kontakt, der ja teilweise komplett wegfiel, leidet auch jetzt noch sehr unter dem Virus. Es ist nicht schön, wenn man Bedenken hat, seine Freunde zu umarmen. Und gerade in unserem Alter sind soziale Beziehungen so wichtig.

Auch stellt man sich die ganze Zeit die Frage „Was kommt als Nächstes?", und lebt irgendwie mit einer Art Unsicherheit, die natürlich nicht immer präsent ist, die man aber trotzdem immer im Hinterkopf hat. Zwar kann ich auch während der Corona-Krise meinen Sport (Leichtathletik, Sprint) weiter ausüben, während des ersten und nun auch des zweiten Lockdowns eben mit mehr Einzeltraining, aber das, was den Sport ausmacht – mit seinem Team zu Wettkämpfen zu fahren, an seine Grenzen zu gehen – das fehlt natürlich komplett. Außerdem ist es bei uns Anfang des Jahres so richtig losgegangen, dass man feiern gehen kann. Und dass das jetzt wegfällt, ist schon traurig und das beklagen auch viele andere. Denn es fühlt sich so an, als wird einem einfach eine Zeitspanne weggenommen, die man nicht zurückbekommt. Die sich nicht nachholen lässt.

Dann aus der Politik die ganze Zeit von den „bösen Jugendlichen" zu hören, ärgert mich. Es fühlt sich nicht an, als ob unsere Generation mit ihren Sorgen und ihren Ängsten so richtig ernst genommen wird.

Ich persönlich nehme die Regelungen sehr ernst und halte mich an sie und finde es auch nicht gut, wenn man sich jetzt trifft zum „Partymachen". Viele von uns Jugendlichen sind bereit, zu verzichten, und halten sich an die Regelungen – aber dass wir was verpassen, das ist uns leider schmerzlich bewusst.

Lisa-Marie Supply (Schülersprecherin am KGH) - © Privat
Lisa-Marie Supply (Schülersprecherin am KGH) (© Privat)

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