Was ein Hühnerstall aus Halle mit dem Klimawandel zu tun hat

Ingetraud Beckebanze hat ihren Hühnerstall „schön-schaurig“ bemalt. Mit Hilfe einer Farbgrafik zeigt sie den Temperaturanstieg der vergangenen 138 Jahre.

Ekkehard Hufendiek

Ingetraut Beckebanze hat ihrem grauen Bauwagen einen bunten Anstrich verpasst. Die Farben veranschaulichen die Temperaturerwärmung der letzten 138 Jahre. Ihr Mann Frank Winter baute währenddessen das Innere zu einem Hühnerstall für die Sommermonate aus. - © Ekkehard Hufendiek
Ingetraut Beckebanze hat ihrem grauen Bauwagen einen bunten Anstrich verpasst. Die Farben veranschaulichen die Temperaturerwärmung der letzten 138 Jahre. Ihr Mann Frank Winter baute währenddessen das Innere zu einem Hühnerstall für die Sommermonate aus. (© Ekkehard Hufendiek)

Halle. Vertikal, wie bei einem überdimensionalen Strichcode, hat Ingetraud Beckebanze 15 Acrylfarben aufgetragen. Eine Seite ihres Hühnerstalls reflektiert jetzt das Sonnenlicht wie ein Wandteppich aus der Flower-Power-Zeit. Das Ratsmitglied der Grünen in Halle veranschaulicht damit eine – wie sie sagt – „schön-schaurige Botschaft“: und zwar die des menschengemachten Klimawandels.

Jeder Besucher ihres Hofes in Bokel kann mit einem Blick zum Hühnerstall die Entwicklung der Temperaturen von kühl zu warm schon von Weitem erfassen. Zwei Zentimeter bilden ein Jahr ab. 138 Jahre sind dargestellt. Angefangen links im Jahr 1880 markieren die Streifen die Temperaturentwicklung bis ins Jahr 2018 rechts. „Aktuellere Daten hatte ich nicht“, erläutert Ingetraud Beckebanze.

Der Farbton eines Streifens stellt die Temperaturabweichung vom langjährigen globalen Durchschnittswert dar. Als Referenzwert diente der Grünen-Politikerin der globale Temperaturmittelwert von 1900 bis 2000. Wo der liegt, etwa bei 14 oder 15 Grad Celsius, ist genaugenommen unerheblich. Denn es geht allein um die Änderungen zum Referenzwert, nicht um absolute Zahlen. So veranschaulicht die Grafik tatsächlich eine besorgniserregende Tendenz: Es wird von Jahr zu Jahr wärmer.

Mehrere Tage hat Ingetraud Beckebanze mit dem Malen der Grafik zugebracht. Verhältnisgerecht visualisierte sie die Erhitzung der Atmosphäre, während ihr Mann Frank Winter den Wagen im Inneren zu einem Hühnerstall umfunktionierte. Wenn ein Streifen breiter als zwei Zentimeter ist, dann liegt das daran, dass zwei oder drei aufeinander folgende Jahre die gleiche Temperaturabweichung aufweisen. Zur besseren Orientierung bei der Arbeit und beim späteren Betrachten versah Ingetraud Beckebanze zudem jeden zehnten Streifen mit einer Jahreszahl und der entsprechenden Farbnummer.

Nach rechts wird’s immer wärmer

Für Abweichungen vom langjährigen Mittel nach unten, also hin zu den kühleren Jahren, wählte sie Grün- und Blautöne aus, für Abweichungen nach oben, also hin zu den wärmeren Jahren, Rot-, Orange-, und Gelbtöne. „So erschließt sich auf einen Blick, dass die Häufigkeit warmer und heißer Jahre in letzter Zeit außergewöhnlich stark zugenommen hat“, sagt Ingetraud Beckebanze. Der blaue Streifen, der am weitesten rechts liegt, steht für das letzte Jahr, in dem die globale Durchschnittstemperatur unter dem langjährigen Mittel lag: Das war das Jahr 1976. Das bislang wärmste Jahr ist auf Beckebanzes Hühnerstall gelb dargestellt und sehr weit rechts zu finden: 2016.

Das grafische Projekt ist eine Anregung des britischen Klimaforschers Ed Hawkins. Der hatte 2016 die Temperaturabweichungen vom langjährigen Mittel in farbige Striche übersetzt und sie „warming stripes“ (Erwärmungsstreifen) genannt. Weil die leicht zu erfassende Grafik schön ist, hat sie vielfältige Nachahmungen erfahren: Die Klimawissenschaftlerin und Professorin Ellie Highwood etwa, eine Kollegin von Hawkins, häkelte nach dem selben Prinzip eine Babydecke. Ihrem Beispiel folgten alsbald Meteorologen auf der ganzen Welt: Sie strickten Schals, fertigten Ketten oder bedruckten Kaffeetassen in den Farben der „warming stripes“. Jetzt ist auch ein Hühnerstall dabei.

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