HalleDiese Frau hat in schweren Corona-Zeiten den Mut, beruflich Neues zu wagen

Heiko Kaiser

Julia Westphal - © Heiko Kaiser
Julia Westphal © Heiko Kaiser

HalleJulia Westphal weiß, was sie will. Muss sie auch. Wer in Zeiten von Lockdown, Betretungsbeschränkungen, Abstandsgeboten, Hygieneauflagen und Geschäftsschließungen den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, der muss einen klaren Plan verfolgen. Und eine gehörige Portion Optimismus mitbringen.

„Ich bin sicher, dass sie es schafft", sagt Elke Büttner. 2008 hatten sie und ihr Mann das Blumenhaus von Simone Krause übernommen. Jetzt wollen sie altersbedingt kürzertreten. „Mein Mann ist 66, ich bin 64. Drei Standorte sind für uns inzwischen zu viel", sagt sie und fügt hinzu: „Man muss die Chance nutzen, wenn jemand in dieser schweren Zeit einen Betrieb übernehmen will. Hut ab vor diesem Mut."

"Wenn nicht jetzt, dann nie mehr"

Julia Westphal - © Heiko Kaiser
Julia Westphal (© Heiko Kaiser)

Denn auch, wenn der Standort im Herzen von Halle optimal ist und das Traditionsunternehmen auf eine Stammkundschaft bauen kann, tritt Julia Westphal ihre Selbstständigkeit in einer Zeit der Ungewissheit an. Tischdekorationen für große Feiern oder aufwendiger Blumenschmuck für besondere Anlässe sind derzeit nicht gefragt.

Julia Westphal - © Heiko Kaiser
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Dennoch zögerte Julia Westphal nicht, als ihr dieses Angebot begegnete. Das hat einen Grund, oder besser gesagt sechs Gründe. „Ich hatte schon sechsmal die Chance, ein Geschäft zu übernehmen. Sechsmal habe ich mich dagegen entschieden. Noch einmal werde ich diese Möglichkeit vermutlich nicht bekommen. Wenn nicht jetzt, dann nie mehr", sagt die 38-Jährige.

Neue Chefin kehrt an den Startpunkt ihres Berufslebens zurück

Julia Westphal - © Heiko Kaiser
Julia Westphal (© Heiko Kaiser)

Für sie schließt sich hier ein Kreis. Denn vor 20 Jahren absolvierte Julia Westphal bei Simone Krause ihre Ausbildung zur Floristin und kehrt nun als Chefin an den Ort des Berufsstart zurück. „Für mich ist es kein Sprung ins kalte Wasser. Ich habe ja bereits ein Jahr lang hier gearbeitet und mich mit den Kunden vertraut gemacht", sagt sie. Unterstützt wird Julia Westphal auch zukünftig von Mitarbeiterin Sybille Vahlenkamp, die sie übernehmen will. Bettina Godt hingegen, die 30 Jahre lang im Betrieb arbeitete, wird zu Büttner nach Oesterweg wechseln.

Julia Westphal - © Heiko Kaiser
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Dass mit der Selbstständigkeit zukünftig die Freizeit weniger werden wird, ist Julia Westphal bewusst. „Das Privatleben kommt sicher zu kurz. Ich habe es aber mit meinem Lebenspartner abgesprochen, der mich dabei voll unterstützt", sagt sie. Gleichzeitig sei damit auch eine Lebensentscheidung getroffen. „Der Laden ist jetzt mein Kind", sagt sie und lächelt dabei. Ein Kind, dessen Entwicklung sie weiter aufmerksam begleiten und lenken will. „Wir stehen für Frische sowie anspruchsvolle Floristik und Accessoires", sagt Elke Büttner.

"Meine Arbeit ist mein Hobby"

Julia Westphal - © Heiko Kaiser
Julia Westphal (© Heiko Kaiser)

„Unsere Handschrift erkennt man", bestätigt Julia Westphal. Sie will in dieser Handschrift weiterschreiben. „Es bleibt wie es ist. Das ist auch mein Stil", verspricht sie Kontinuität und freue sich nun, bald „eigener Herr zu sein". Bleibt dann noch Zeit für Hobbys? „Meine Arbeit ist mein Hobby", antwortet Julia Westphal und nickt dabei wie zur eigenen Bestätigung kaum merklich mit dem Kopf.

Auf die Frage, ob sie darauf hoffe, dass schon bald wieder Normalität mit Feiern, Hochzeiten und den damit verbundenen floristischen Aufgaben zurückkehre, antwortet Julia Westphal: „Wichtiger, als eine möglichst schnelle Öffnung ist, dass wir uns jetzt alle zusammenreißen. Das ist entscheidend, damit nicht noch weitere Einschränkungen notwendig werden."

Julia Westphal weiß, was sie will. Sie hat den Mut, in schwierigen Zeiten einen großen Schritt zu wagen – und setzt damit gleichzeitig ein Zeichen der Kontinuität und der Hoffnung.

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