Halles Bürgermeisterin im Abschiedsinterview: "Lückenschluss war Erfordernis"

Heiko Kaiser

18 Jahre lang hat Anne Rodenbrock-Wesselmann das Ohr am Herzen von Halle. Foto: Heiko Kaiser - © Heiko Kaiser
18 Jahre lang hat Anne Rodenbrock-Wesselmann das Ohr am Herzen von Halle. Foto: Heiko Kaiser (© Heiko Kaiser)

Frau Rodenbrock-Wesselmann, Ihr letzter Arbeitstag. Mit welchen Gefühl verlassen Sie den Rathaussessel?

ANNE RODENBROCK-WESSELMANN: Ich gehe mit einem Gefühl der großen Dankbarkeit. Ich bin dankbar für eine lebendige und erfolgreiche Zeit.

Was war so erfolgreich?

RODENBROCK-WESSELMANN: Unabhängig von meiner Person hat die Stadt Halle in diesen 18 Jahren eine unfassbar erfolgreiche Zeit erlebt. Auch die Politik. Wir haben bis auf ein kleines Tal 2004 finanziell gut dagestanden. Auch die Wirtschaftskrise hat uns nicht tangiert. Wie hatten Glück. Denn Mode und Süßwaren brauchen die Menschen immer. So hatten wir stets die finanziellen Möglichkeiten, um gestalten zu können.

Was waren die Highlights dieser Gestaltungsperiode?

RODENBROCK-WESSELMANN: Die Stadt hat insgesamt eine gute infrastrukturelle Entwicklung genommen. Kitas, Schulen, Straßen sind in einem Top-Zustand. Die Errichtung der Gesamtschule war eines der Projekte, für das ich mich leidenschaftlich eingesetzt habe. Da bin ich mit geradem Rücken durchgegangen. Und ich finde die Errichtung nach wie vor absolut richtig. Man muss auch deutlich sagen, dass das Imperium Gerry Weber uns als Stadt nach vorne gebracht gebracht hat. Durch die Firma. Aber auch durch die Veranstaltungen. Was haben wir hier Fantastisches erleben dürfen. Die Handball-Weltmeisterschaft, großartige Konzerte. Diese kleine Stadt hat Unfassbares erlebt. Und ich bete darum, dass es nach der Corona Zeit wieder so werden wird.

"Ich war damals eine typische Quotenfrau"

Erinnern Sie sich noch, wie Sie einst zur Lokalpolitik gekommen sind?

RODENBROCK-WESSELMANN: „Ja, natürlich. Das war 1994. Ich war damals eine typische Quotenfrau. Als Mutter hatte ich mich ehrenamtlich als Schulausschussvorsitzende für die OGS der Grundschule Gartnisch stark gemacht. SPD-Leute haben mich daraufhin angesprochen. Nach einer Woche Überlegung habe ich zugesagt. Ich habe es nie bereut und die SPD ist und bleibt für mich meine politische Heimat. Ich bin der Meinung, wenn man mitwirken und Hintergründe erfahren will, muss man den Mut haben, sich einer Partei anzuschließen. Der, die einem am nächsten steht."

Heute engagieren sich viele Menschen in Bürgerinitiativen. Sie haben einmal gesagt, dass sei nicht ihre Welt.

RODENBROCK-WESSELMANN: Ich habe ein bisschen damit gehadert, dass zuletzt so wenig direkt hier im Rathaus erfragt wurde, bevor man ein Thema sehr öffentlichkeitswirksam dramatisiert hat. Ich finde, Protest ist immer dann richtig, wenn man sich vorher erkundigt hat. Wenn man sich fachlich und sachlich informiert hat. Und zwar bei den richtigen Stellen. Das gilt übrigens auch für die gewählten politischen Vertreter.

Sie empfinden, dass das zurzeit oft nicht so ist?

RODENBROCK-WESSELMANN: Einige politische Vertreter habe ich zuletzt wahlbedingt getrieben von den Einzelinteressen bestimmter Gruppierungen erlebt. Man hat den Eindruck, dass hierbei Sachverhalte nicht interessieren. Je weniger ich von etwas weiß, umso mehr kann ich Stimmung machen und anprangern.

Zum Beispiel?

RODENBROCK-WESSELMANN: Eine Sache, die nicht gut gelaufen ist, ist die Alleestraßen-Geschichte. Es war gut gemeint, im Vorfeld einen Arbeitskreis zu bilden. Da waren alle Parteien dabei. Der Planer gab dann ein Beispiel, wie man es machen könnte. Ich habe es die XXL-Version genannt. Das aber war überhaupt nicht das, was wir wollten. Sofort hieß es aber. So wird’s gemacht und wir sollen es zahlen. Ab da war kein Halten mehr.

Was hat dazu beigetragen?

RODENBROCK-WESSELMANN: Man konnte den Eindruck gewinnen, dass einige Parteien sich nicht mehr getraut haben, Position zu beziehen. Das fand ich schade. Die Beeinflussung ging sehr in eine Richtung. Ich bin gespannt, wie Herr Tappe, dessen Partei sich ja hinter diese Proteste gestellt hat, die entstandenen Erwartungshaltungen befriedigen will.

"Wer führen will, muss Brücke sein"

Oft wurde ihnen vorgeworfen, zu abwartend, zu zögerlich zu sein. Sie hätten mehr durchgreifen sollen, heißt es.

RODENBROCK-WESSELMANN: Mein Credo lautet: Wer führen will, muss Brücke sein. Dazu stehe ich. Ich wollte mich nie verbiegen und habe es nie getan. Ich will Menschen offen begegnen, ihnen zuhören. Gerade dann, wenn es schwierige Sachverhalte gibt, muss ich sie mir erst anhören. Ich habe einen weiteren Spruch in meinem Büro stehen: „Mein Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann."

Und wo bleibt da der eigene Wille?

RODENBROCK-WESSELMANN: Den habe ich, ohne Frage. Aber ich bin nicht dogmatisch. Mein Anspruch war und ist, mir eine Meinung zu bilden. Und nicht, eine bereits vorhandene durchzusetzen. Es hat einmal jemand zu mir gesagt „Anne, Du weißt, was Du willst. Man läuft da gegen eine Wand. Bei Dir aber ist es eine Gummiwand."

Aber muss man nicht als Bürgermeisterin auch einmal klare Kante zeigen?

RODENBROCK-WESSELMANN: Ich erinnere mich da an eine Ratssitzung gleich zu Beginn meiner Tätigkeit als Haller Verwaltungschefin. Als ein Mitglied eine wirklich grenzwertige Äußerung gemacht hat und ich nicht darauf reagiert habe, hat man mir in der Sitzungsunterbrechung gesagt, Frau Wesselmann, Sie müssen jetzt mal auf den Tisch hauen. Da habe ich geantwortet: Ich bin keine Auf-den-Tisch-hau-Bürgermeisterin. Wenn ich so eine wäre, wäre ich nicht hier."

Was hat sich in den vergangenen 18 Jahren im Haller Rathaus vor allem geändert?

RODENBROCK-WESSELMANN: Ich finde, dass unser Rathaus dienstleistungsorientierter geworden ist. So viel geöffnet wie heute war das Rathaus noch nie. Das hat übrigens bei den Mitarbeitern nicht immer für Beifall gesorgt.

Ihre Mitarbeiter ernten trotzdem immer wieder Kritik.

RODENBROCK-WESSELMANN: Gerade der Fachbereich Bauen und Planen ist davon betroffen. Verständlich. Denn das sind alles keine Spaßveranstaltungen, die dort abgewickelt werden müssen. Oft geht es darum, dass die Menschen etwas bezahlen sollen, oder um Widrigkeiten, die durch Bautätigkeit entstehen. Natürlich wird da protestiert. Ich kann nur sagen, dass ich mich immer auf meine Rathausmannschaft verlassen konnte. Sie hat stets mit viel Fachkompetenz loyal und fleißig gearbeitet.

Was war die glücklichste Stunde Ihrer Amtszeit?

RODENBROCK-WESSELMANN: Manch einer würde sagen, der Lückenschluss der A 33. Nein, das war kein Glück. Das war ein Erfordernis. Das sein musste. Ich erinnere mich noch, wie der Verkehrsminister Horstmann an einem Freitagnachmittag hier in diesem Büro saß. Er sagte, die bisherige Planung sei nicht durchsetzbar. Dann holte er einen Stadtplan von Halle heraus, auf dem mit schwarzem Filzstift die heutige Trasse eingezeichnet war. „Bist Du des Wahnsinns?" habe ich gesagt. Ich werde die anschließende Ratssitzung nie vergessen, wo diese Trasse vorgestellt wurde. 500 Menschen im pädagogischen Zentrum. Ich habe mich inhaltlich und mental auf diese Sitzung vorbereitet, weil ich wusste, da sitzt jetzt die geballte Wut.

"Es gab keinen absoluten Glücksmoment, aber viele kleine"

Die A 33 also war kein absoluter Glücksmoment. Was dann?

RODENBROCK-WESSELMANN: Es gab keinen absoluten Glücksmoment, aber viele kleine. Zahlreiche Einweihungen von fertiggestellten Bauten, die Eröffnung des Gewerbegebietes Ravenna-Park, Vereinsveranstaltungen, Stadtfeste und viele Begegnungen und Gespräche mit Menschen in Halle.

Und der traurigste?

RODENBROCK-WESSELMANN: Als man Nelli Graf gefunden hat. Die Beisetzung hat mich so berührt, dass ich kaum sprechen konnte.

Hat es schon eine Übergabe mit dem kommenden Bürgermeister Thomas Tappe gegeben?

RODENBROCK-WESSELMANN: Zwei Mal für jeweils drei Stunden war er hier. Das war sehr angenehm.

Haben Sie ihm etwas mit auf den Weg gegeben?

RODENBROCK-WESSELMANN: Ja, dass dieses Amt erfordert, dass man überparteilich für alle da sein muss. Ich habe ihm wörtlich gesagt: In dem Moment, wo Sie auf diesem Stuhl sitzen, werden Sie sehr schnell anders ticken. In Verbindung mit Ihrer gesamten Mannschaft im Rathaus werden Sie manchmal zu anderen Schlüssen kommen, als es sich Ihre Parteifreunde erhoffen.

Haben Sie diese Erfahrung auch machen müssen?

RODENBROCK-WESSELMANN: Ich habe schnell lernen müssen, wie schwer es ist, wenn man die Wünsche der eigenen Partei nicht erfüllen kann. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit wollte die SPD das Lehrschwimmbecken in Künsebeck erhalten. Wir haben uns dagegen ausgesprochen.

Was werden Sie kommende Woche machen?

RODENBROCK-WESSELMANN: Ehrlich gesagt, weiß ich es gar nicht so genau. Ich lebe ja auf einem Hof. Da gibt es immer viel zu tun. Ich werde mich mich auch für das ein oder andere Projekt engagieren. Ich bin interessiert an Frauenfragen, ein bisschen feministisch angehaucht. Vielleicht werde ich auch Jugendliche und Kinder unterstützen. Das alles aber muss sich entwickeln. Ich bin auf alle Fälle keine Frau, die Langeweile hat."

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