Schluss mit lustig: Bekannter Haller Kabarettist bangt um Existenz

Der Haller Kabarettist Lutz von Rosenberg Lipinsky hatte gerade sein neues Programm gestartet. Dann kam Corona. Die Folgen davon gehen ans Geld. Und noch mehr ans Herz.

Nicole Donath

Harte Zeiten für Künstler und Comedians wie Lutz von Rosenberg Lipinsky. - © Nicole Donath
Harte Zeiten für Künstler und Comedians wie Lutz von Rosenberg Lipinsky. (© Nicole Donath)

Halle/Hamburg.Wellingsbüttel, so scheint es, ist gerade eine große Baustelle und ihr prominentester Einwohner mittendrin: Lutz von Rosenberg Lipinsky. Vor seiner Haustür wird eine neue Stromleitung verlegt. Der Nachbar nebenan bekommt ein neues Dach. In der Siedlung hinterm Haus werden die Laternen ausgetauscht und auf dem Sportplatz gegenüber dröhnen und rattern die Baumaschinen. Die wahre Baustelle des Künstlers indes ist eine ganz andere: Ihr Name ist Corona. Corona beschert ihm finanzielle Sorgen. Doch mehr noch bereitet sie seiner Seele Kummer.

„Schlagartig war das alles vorbei"

Bis zum Frühjahr schien das Leben des 54-Jährigen, der in den 1980er Jahren am Kreisgymnasium Halle sein Abitur gemacht hat, der in Marburg und Hamburg Theologie studierte und dem breiten Publikum vor allem von Auftritten im NDR oder Pro7 bekannt ist, so weit in Ordnung. Seine Comedy-Programme wie „Wir werden alle sterben – Panik für Anfänger" liefen erfolgreich. Dazu Regiearbeiten und Textaufträge anderer Künstler.

„Ich hatte etwa eineinhalb Jahre Planungssicherheit – welcher Künstler hat das schon?" Lutz von Rosenberg Lipinsky guckt auf die Alster. Dann erzählt er: „Normalerweise war ich drei bis vier Tage die Woche unterwegs, meistens donnerstags bis sonntags. Montags bis mittwochs war ich dann zu Hause und habe mich um Kinder und Küche gekümmert und Bücher geschrieben." Er trinkt einen Schluck Kaffee. Dann sagt er: „Schlagartig war das alles vorbei."

Ganz vereinzelt, fährt der Comedian fort, sei im April oder Mai noch hier und da etwas ermöglicht worden. Mal ein Job im Autokino, mal ein interner Firmenstream, mal ein Auftritt mit extremer Begrenzung von Kapazitäten. „Aber das war’s. Und der Hoffnung, dass sich die Lage bis zum Herbst normalisieren würde, habe ich mich gar nicht erst hingegeben."

Das Leben des Künstlers ist längst ein anderes

Im Gegenteil. „Ein Zuschnitt der sogenannten Soforthilfen nur auf die Monate März bis Mai wirkte auf mich von vorne herein zynisch", fährt Lutz von Rosenberg Lipinsky fort. Er schüttelt den Kopf. „Parallel wurden ja bereits im Frühjahr Theater, Museen und Clubs mit Unsummen für Hygienemaßnahmen ausgestattet. Klimaanlagen, Plexiglas, digitales Ticketing – das ganze Programm. Daran wurde doch schon ganz früh deutlich, dass wir ein nachhaltiges Problem haben werden." Was die Politik aber nicht davon abgehalten habe, die meiste Arbeit im Mai als erledigt zu betrachten.

Das Leben des Künstlers ist längst ein anderes. Als wäre die Pandemie nicht schon Herausforderung genau, ist die familiäre Situation eine andere und stellt ihn vor neue Herausforderungen. Ohne berufliche Beschäftigung zu sein, macht es alles nicht leichter. „Klar tauschen sich die Kollegen untereinander aus. Es wird viel und intensiv telefoniert. Mit Ingo Börchers habe ich gesprochen. Zudem engagiere ich mich bei #kulturerhalten und Ver.di auch politisch, so gut es halt eben geht. Ich habe unter anderem mitgeholfen, einen Notfonds aufzusetzen. Überhaupt versuchen wir uns alle, gegenseitig zu unterstützen, wo es geht." Meistens sei das Seelsorge. Oder es habe jemand Tipps für Fördermittel.

„Wir zahlen den Preis, dass unser kaputtgespartes Gesundheitssystem nicht kollabiert"

Lutz von Rosenberg Lipinsky hat sowohl Soforthilfe erhalten als auch Überbrückungsgelder. Hört sich erst mal gut an. „Aber die sollen ja nur für Betriebskosten verwendet werden", erklärt er. „Und welche davon anerkannt werden, wird noch spannend. Da kommt vielleicht noch eine stramme Rückforderungswelle auf uns zu; die Bedingungen haben sich ja mehrfach geändert und sind auch noch von Bundesland zu Bundesland verschieden."

Er lehnt sich zurück und verschränkt die Hände hinterm Kopf. „Das ist schon eine Farce, wenn man bedenkt, dass für das Gemeinwohl unsere Tätigkeit eingeschränkt oder untersagt wurde. Viele haben bisher einen Jahresgewinn verloren, ich auch. Fünfstellige Summen, die nicht mal ansatzweise ersetzt werden. Wir zahlen den Preis dafür, dass unser kaputt gespartes Gesundheitssystem nicht kollabiert."

Die Folge der Gesamtsituation sind extreme Stimmungsschwankungen, auch. „Das spüre ich in der gesamten Branche", wie Lutz von Rosenberg Lipinsky sagt. „Am Anfang waren viele noch sehr aktiv und hofften, nur die Zeit bis Herbst überbrücken zu müssen. Jetzt ist die Stimmung in Wut umgeschlagen. Und auch Resignation." Ausgerechnet die Theater würden sanktioniert, obwohl sie sich beflissen an die Hygiene-Konzepte gehalten hätten. „Mittlerweile geben die ersten auf", berichtet er. „Ich selber halte mich erstaunlich senkrecht, versuche, für die Kids da zu sein, die ja auch sehr unter der Situation leiden. Putzen und kochen sind meine neuen Leidenschaften."

"Wir sind nicht nur Freizeit oder Vergnügen"

Das Gespräch schweift ein wenig ab. Zurück in die Vergangenheit und in die unbeschwerten Tage, als die Kinder vom Haller Samlandweg, zu denen auch Lutz von Rosenberg Lipinsky gehörte, an den Nachmittagen zusammen spielten. Erinnerungen an komische Mode mit braunen Sandalen, kurzen Jeans und Kniestrümpfen. Und daran, was aus den anderen aus der Siedlung so  geworden ist. Lutz von Rosenberg Lipinsky lächelt. Dann ist wieder Gegenwart.

„Ich erhoffe mir, dass endlich erkannt wird, welcher Schaden unserer Branche entsteht", erklärt er mit fester Stimme. „Und dass wenigstens Umsätze erstattet werden. Dass die Theater und Clubs zum Herbst 2021 noch da sind und dann wieder normal gespielt werden kann." Er hoffe, dass aus den vielen Initiativen dieser Monate ein Berufsverband hervorgehe, der die Branche zukünftig stärker im politischen Fokus halten könne. Und für sich persönlich, dass sich der materielle Schaden mittelfristig in Grenzen halten möge: „Damit ich die nächsten zehn Jahre noch meine Kinder finanziell unterstützen kann."

Bis auf Weiteres ist noch Schluss mit lustig, ab dem 2. November schließen auch Kinos und Theater wieder. Bevor es hier wieder losgeht, werden erst mal die anderen Baustellen in Wellingsbüttel fertig. Stromleitung und Sportplatz, das Dach von nebenan und die Laternen. Und dann, irgendwann, herrscht auch auf der Bühne wieder Panik – für Anfänger und Fortgeschrittene. „Ich hoffe, dass die Kultur nicht nur materiell, sondern auch ideell endlich geschätzt wird", sagt Lutz von Rosenberg Lipinsky. „Wir sind eben nicht nur „Freizeit" oder „Vergnügen", wie die Worte unserer Kanzlerin nahelegen, sondern stellen die Basis der Demokratie. Werte vertreten, Haltung verkörpern, hinterfragen, den Diskurs befeuern – das braucht es mehr denn je."

Copyright © Haller Kreisblatt 2020
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.