Dieses Gastronomen-Paar schöpft Mut zum Weitermachen

Vor eineinhalb Jahren haben Nadine und Thorsten Dietz am Lindenplatz ihr eigenes Restaurant eröffnet. Der Start lief gut und auch der prognostizierte Einbruch nach drei Monaten blieb aus. Dann kam Corona.

Nicole Donath

Nadine und Thorsten Dietz in ihrem Restaurant. - © Nicole Donath
Nadine und Thorsten Dietz in ihrem Restaurant. (© Nicole Donath)

Halle. Bis zur Öffnung des »Dietz« sind es noch zwei Stunden und in dem Restaurant an der Bahnhofstraße herrscht geschäftiges Treiben. Die Tür zum Kirchplatz steht weit offen, ein Keil sorgt dafür, dass das so bleibt. Zwei Lieferanten bringen ihre Waren rein; stapelweise Kartons, sie überragen die Schienen der Sackkarre um Längen. Mit Brust und Händen muss der Mann sie stützen, dennoch nimmt er die Kurven souverän. Thorsten Dietz (42) registriert das eher am Rande. Er bereitet weiter die Küche für den Mittagstisch vor, die Leute kennen sich hier aus. Und alle liegen sie gut in der Zeit. So kann sich Geschäftsführerin Nadine Dietz auch setzen und erzählen. Davon, wie es ihnen so ergangen ist seit dem Frühjahr.

„Wir haben gewartet und auch mal geweint"

Die 42-Jährige zieht die Luft tief ein und lächelt. Gedanklich ist sie jetzt zurück im März. „Erst hatten wir ja noch eine Woche geöffnet, zumindest bis zum Nachmittag. Aber da kam schon keiner mehr, alle hatten Angst. Dann haben wir ganz zugemacht." Kein Lieferservice, kein Essen to go, gar nichts. „Stattdessen haben wir zu Hause gesessen und überlegt, was wir tun können. Was überhaupt möglich ist." Nadine Dietz schaut aus dem Fenster. Bekannte gehen vorbei, sie winken und lächeln. Die Geschäftsfrau winkt zurück. Nach einem Schluck Cola erzählt sie weiter.

„Wir hatten schon Existenzängste, manchmal haben wir sie auch noch. Ich noch mehr als mein Mann. Aber wir hatten uns halt gerade unseren Traum erfüllt, den Traum von einem eigenen Restaurant, hatten mit 40 noch mal Kredite aufgenommen ... Das begleitet einen ja sowieso immer." Und dabei müsse man unter normalen Umständen doch schon lernen, nicht gleich nervös zu werden, wenn der Laden zwei, drei Tage mal nur halb voll sei.

Eine Woche und zwei Tage bleibt das „Dietz" geschlossen. Und in der Zeit habe der Kopf gerattert, wie verrückt. „Wir sind viel spazieren gegangen, haben viel geredet, haben überlegt, was wir machen, wenn wir es nicht schaffen." Nadine Dietz zieht die Augenbrauen hoch. „Wenn die Angst nicht gewesen wäre, alles zu verlieren, hätte die Zeit gut getan. Denn natürlich hat das schon auch Entschleunigung gebracht." Die Entscheidung war für beide aber klar: „Wir kämpfen um unser Restaurant."

Und so unternimmt das Ehepaar seine ersten Gehversuche im Lieferservice. „Unsere Gäste konnten bestellen, liefern lassen oder sich das Essen an der Tür abholen", berichtet Nadine Dietz. „Das kostete erst mal noch mehr Geld. Denn es brauchte mehr Verpackungsmaterial, mehr Personal und die Kosten für Pacht und Gewerbestrom liefen ja auch weiter." Die 42-Jährige blickt in die offene Küche rüber zu ihrem Mann. Dann reibt sie mit ihren Finger über die Stirn. „An manchen Abenden haben wir zwei Burger verkauft, eine wirtschaftliche Vollkatastrophe. Und trotzdem eine gute Zeit." Den Gästen habe man gezeigt: Wir sind für euch da!

„Beim ersten Sturm gibt man doch nicht gleich auf"

Das Wohnzimmer der Familie wird für eine lange Zeit ins Restaurant verlegt. „Wir haben hier Karten gespielt und gegessen. Erzählt. Gewartet ..." Nadine Dietz zieht die Schultern hoch. „Wir haben auch mal geweint ..." Das Schöne sei allerdings das Wissen gewesen, dass alle Menschen um einen herum im selben Boot sitzen. „Wir haben im Laufe der Pandemie ein ganz neues Verhältnis zu unseren Gästen bekommen", bekräftigt die Geschäftsfrau. „Sie haben uns Mut gemacht, sind an uns vorbeigelaufen und haben uns zugerufen: Macht weiter!" Halle, sagt sie dann, Halle sei einfach anders. „So viel Respekt, so viel Gemeinschaft – das findet man selten."

Thorsten Dietz macht eine kurze Pause und geht raus auf die andere Straßenseite, um einen kleinen Plausch mit dem Friseur von gegenüber zu halten, auch die Inhaberin der kleinen Modeboutique kommt dazu. Eine kurze Betrachtung der Welt auf eine Zigarettenlänge. Nadine Dietz beobachtet das durch die Scheibe und lächelt wieder. „Auch das ist besonders, so respektvoll, wie sich alle behandeln – das ist schon toll und das bleibt uns auch erhalten, egal, wie es weitergeht und was kommt."

"Solidarität untereinander gibt Kraft"

Einen Moment denkt sie nach, dann fügt sie an: „Diese Solidarität untereinander gibt einem einfach unglaublich viel Kraft." Dann kommt ihr Mann wieder rein, umarmt seine Frau und sagt mit fester Stimme: „Notfalls finanzieren wir eben nach – beim ersten Sturm gibt man doch nicht gleich auf!" Nadine Dietz zwinkert. „Sag ich doch. Mein Mann ist da nicht so ängstlich wie ich."

Vor zwei Wochen sind die beiden mit ihrer gemeinsamen Tochter von Bielefeld nach Halle gezogen. Dadurch haben sie Zeit gewonnen, müssen nicht mehr zweimal am Tag pendeln. Aber sie fühlen sich eben auch wohl in der kleinen Stadt. „Das hier ist eine absolute Herzensgeschichte. Wir machen das alles, weil wir es so wollen", sagt Nadine Dietz.

Die Sackkarre ist nun leer und der Lieferant verabschiedet sich. „Bis die Tage!", ruft er. „Danke, mach’s gut – bis die Tage", grüßt Thorsten Dietz zurück. In der Küche zischt es. Das rhythmische Klackern des Messers, das beim Schneiden von Gemüse und Kräutern wieder und wieder gegen das Brett stößt, gibt den Takt vor. Weitermachen! Auch wenn es ab Montag einen zweiten Lockdown gibt – im „Dietz" ist der Blick nach vorn gerichtet. Hier, wo der Mut größer ist als die Angst.

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