Kickdown im Fahrschulwagen – am Steuer: Jonas. 17 Jahre. Blind!

Während sich die meisten Jugendlichen mit 17 auf ihre Führerscheinprüfung vorbereiten, bleibt Jonas Schlingmann dieser Traum verwehrt: Er kann nicht sehen. Trotzdem durfte er in dieser Woche einmal Gas geben.

Nicole Donath

Jonas Schlingmann - © Nicole Donath
Jonas Schlingmann (© Nicole Donath)

Halle/Bielefeld. „Jetzt bin ich doch langsam etwas aufgeregt." Jonas Schlingmann lacht und streicht sich mit den Händen über den Kopf, als Hendrik Peters um Viertel nach acht am Morgen vor der Tür steht. Der Fahrlehrer ist zwar nicht aufgeregt, hat heute aber durchaus Respekt vor seinem Job, das gibt der 35-Jährige ganz offen zu. Jonas ertastet den VW, ein Automatikwagen, und kann sein Glück kaum fassen. „Ich bin total gespannt", sagt er und strahlt. „Das ist ein unfassbarer schöner Moment." Auf dem Beifahrersitz geht es zum Verkehrssicherheitszentrum Bielefeld-Sennestadt.

Die Anlage ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich geschlossen, sie wird heute nur für den Abiturienten geöffnet. Eine Fläche von etwa 400 Metern Länge und mehr als 100 Metern in der Breite mit verschiedenen Pylonen und Grüninseln, die ihnen ganz allein zur Verfügung steht. Und dann kommt der große Augenblick: Fahrerwechsel. Jonas darf ans Steuer, eineinhalb Stunden lang. Das Abenteuer beginnt.

Links zum Thema
Mutiger 15-Jähriger aus Halle: „Ich muss nicht sehen können, um glücklich zu sein"

Die Idee für dieses außergewöhnliche Geschenk hatte Jonas’ Mutter Kathrin Schlingmann. „Jonas hatte sich so sehr gewünscht, einmal in seinem Leben selber Auto fahren zu dürfen", erzählt sie. „Also haben wir überlegt, wie man das anstellen können." Sie nahm Kontakt zu dem befreundeten Fahrlehrer Hendrik Peters auf. Und der erklärte sich direkt bereit, dem 17-Jährigen diesen Wunsch zu erfüllen.

Fahrlehrer Hendrik Peters stellt Jonas das Lenkrad ein. - © Nicole Donath
Fahrlehrer Hendrik Peters stellt Jonas das Lenkrad ein. (© Nicole Donath)

„Spiegel müssen wir ja nicht einstellen"

„Darf ich mitfahren, oder soll ich lieber nur zugucken?", fragt Kathrin Schlingmann ihren Sohn. Jonas überlegt. „Aber keinen Stress schieben", sagt er dann. „Also lieber nicht?", fragt seine Mutter. „Doch. Doch, fahr mal mit." Schnell noch ein Gruppenfoto – dann geht’s aber wirklich los. „Spiegel müssen wir ja nicht einstellen", scherzt Jonas Schlingmann. „Aber den Sitz", erwidert Hendrik Peters und zwinkert. „Und das Lenkrad." Jonas möchte es gerne etwas tiefer und etwas näher am Körper. Es folgen Erklärungen zu Bremse, Gaspedal und Gurt. „Wenn du das erste Mal bremst, wird es dir vorkommen, als ob du eine Vollbremsung machst", warnt Hendrik Peters noch. „Also nicht wundern." Doch Jonas hat eher Bedenken, was das Lenken betrifft. „Ich weiß nicht, wie ich einschätzen kann, wenn ich beispielsweise leicht links fahren soll." Doch das wird der Fahrlehrer schon regeln. Deshalb Türen schließen. Und nach einem kurzen Augenblick rollt der VW langsam los – am Steuer: Jonas. 17 Jahre. Blind.

Eineinhalb Stunden fahren sie übers Gelände. Erst ganz vorsichtig und langsam, dann etwas schneller. „Dieses Gefühl, selbst für die Beschleunigung verantwortlich zu sein, war total super und hat so viel Spaß gemacht", berichtet Jonas später und strahlt. Unterwegs kann er einschätzen, wie viel Tempo sie drauf haben. „Und er hat sich auch über so vermeintlich banale Dinge gefreut, wie den Blinker betätigen zu dürfen", erzählt Hendrik Peters. „Das stimmt", bestätigt Jonas, „das war total cool." Zum Ende sind die beiden so eingespielt, dass Hendrik Peters seinem Schützling auf der langen Gerade einen Kickdown erlaubt. Wham.

Erinnerungsfoto: Jonas Schlingmann am Steuer des Wagens. - © Nicole Donath
Erinnerungsfoto: Jonas Schlingmann am Steuer des Wagens. (© Nicole Donath)

"Irgendwann mache ich halt noch mal so eine Aktion"

Die Zeit am Steuer geht schnell vorbei, viel zu schnell. Und Jonas Schlingmann, der nie mit seinem Schicksal gehadert hat, sagt später: „Ja, klar, nach diesem Erlebnis wäre es natürlich schon ganz cool, wenn ich den Führerschein machen könnte." Doch dann fügt er gelassen hinzu und lacht: „Geht halt nicht. Aber dann mache ich irgendwann halt noch mal so eine Aktion." Hendrik Peters wäre jedenfalls dabei: „Die Zeit war super! Diese Freude zu erleben das war einfach klasse."

Copyright © Haller Kreisblatt 2020
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.