Ein Mann mit Ecken und Kanten: Halle trauert um ehemaligen Bürgermeister

Er war ein Mann mit Ecken und Kanten. Einer, der sich energisch und engagiert für seine politischen Ideale eingesetzt hat. Ein Schmied, ein Ingenieur und ein Sänger aus Leidenschaft. Vergangenen Mittwoch ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.

Heiko Kaiser

Altbürgermeister Jürgen Wolff, Träger des Bundesverdienstkreuzes, lenkte die Geschicke der Stadt von 1994 bis 2002 als Bürgermeister. Vergangenen Mittwoch erlag er im Alter von 86 Jahren einer schweren Krankheit. - © hego
Altbürgermeister Jürgen Wolff, Träger des Bundesverdienstkreuzes, lenkte die Geschicke der Stadt von 1994 bis 2002 als Bürgermeister. Vergangenen Mittwoch erlag er im Alter von 86 Jahren einer schweren Krankheit. (© hego)

Halle. Halle trauert um Jürgen Wolff. Der Altbürgermeister und Vorgänger von Anne Rodenbrock-Wesselmann saß von November 1994 bis August 2002 auf dem Chefsessel des Rathauses, zunächst ehrenamtlich, ehe er am 6. November 1996 zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt wurde.

Jürgen Wolff führte das Amt auf die für ihn so typische Art und Weise. Anpackend, engagiert und mit Nachdruck seine Auffassungen vertretend. Ein streitbarer Mann, einer mit Ecken und Kanten, der vor keiner sachlichen Auseinandersetzung zurückscheute und standhaft seine politischen Werte vertrat.

Besonnen, energisch, durchsetzungsstark

„Die CDU in Halle verliert in Jürgen Wolff nicht nur ihren Ehrenvorsitzenden, sondern auch eine Maßstäbe setzende Persönlichkeit unserer Stadt. Für sein vielfältiges Engagement in Wirtschaft, Kultur und Politik erhielt er in 2009 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Jürgen Wolff war politisch überaus erfahren und angesehen, im Handeln besonnen und in entscheidenden Momenten energisch und durchsetzungsstark", sagt der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Axel Reimers. Auch in seiner Funktion als Parteivorsitzender habe er sich um die Unterstützung und Förderung der Partei in besonderem Maße verdient gemacht.

Wolff als Ehrenvorsitzender des MGV Ravensberg. - © Birgit Nolte
Wolff als Ehrenvorsitzender des MGV Ravensberg. (© Birgit Nolte)

Jürgen Wolff trat 1969 in die CDU ein und gehörte mit kurzen Unterbrechungen bis 2004 dem Rat der Stadt Halle an. Dieter Baars, der Jürgen Wolff als Parteikollege und auch als Sangesbruder im MGV Ravensberg über Jahrzehnte begleitet hat, sagt: „Er war ein sehr aktiver Mensch. Eine Führungsnatur."

Wolff lernte das Handwerk des Hufschmieds - doch er wollte mehr

Sein Wille, Verantwortung zu übernehmen, ist möglicherweise das Resultat einer Biografie, die genau das sehr früh von ihm verlangte. Aufgewachsen im pommerschen Colberg an der Ostsee musste die Familie am 17. November 1945 die Heimat verlassen. Der Vater befand sich da bereits in Kriegsgefangenschaft, wo er 1948 starb. Weihnachten erreichte Jürgen Wolff zusammen mit seiner Mutter, Bruder Eckhard und Schwester Brigitte das Auffanglager Grünenwalde in Halle. In der Zeit der Wohnungsnot fand die Familie bei Stodiek in Eggeberg ein neues Zuhause, bevor sie 1953 das Haus am Pommernweg bezog.

Der gelernte Schmied Jürgen Wolff kontrolliert hier im August 1995 den Huf eines 800 Kilogramm schweren Oberländer Kaltblutes. - © Anja Hanneforth
Der gelernte Schmied Jürgen Wolff kontrolliert hier im August 1995 den Huf eines 800 Kilogramm schweren Oberländer Kaltblutes. (© Anja Hanneforth)

Jürgen Wolff lernte das Hufschmiedhandwerk, legte 1956 seine Meisterprüfung ab. Doch der damals 22-Jährige wollte mehr. Er machte seinen Techniker, studierte Maschinenbau und fand als Fahrzeugbauingenieur eine Anstellung bei Karmann in Osnabrück. Dort blieb er von 1966 bis 1997, ehe er hauptamtlicher Bürgermeister wurde.

Nur zusehen war nicht seine Art

Als er 68 wurde, musste er das Amt aus Altersgründen ablegen. „Das hat ihn gewurmt. Zumal ein halbes Jahr später das Gesetz geändert wurde", sagt Dieter Baars. Denn nur zuzusehen, war nicht die Sache von Jürgen Wolff. „Er wollte gestalten. Er wollte, dass es so gemacht wird, wie er es will. Wie das bei den Pommern eben so ist", sagt Baars. Eckhard Wolff sieht das ähnlich: „Mein Bruder hatte einen unglaublichen Willen. Wenn es sein musste, ging er mit dem Kopf durch die Wand."

Das ist die Seite, die Jürgen Wolff der Welt präsentierte. „Er war sensibel, hatte ein Herz für Menschen in der Not und hat vielen auch mit privatem Geld geholfen", eröffnet Dieter Baars eine andere Perspektive. Sein Herz erblühte beim Singen. Seit 1954 war Jürgen Wolff Mitglied im MGV Ravensberg, dessen Vorsitzender er auch lange Jahre war. „Jürgen Wolff hat selten einen Probeabend verpasst. Auch als Bürgermeister nicht. Weil er immer dabei sein wollte, wurden keine Ausschusstermine auf Donnerstag gelegt. Das war auch für mich ein Glück", erinnert sich Dieter Baars.

Jürgen Wolff mit dem diamantenen Meisterbrief. - © Heiko Kaiser
Jürgen Wolff mit dem diamantenen Meisterbrief. (© Heiko Kaiser)

Eines der Lieblingslieder „Als Büblein klein an der Mutterbrust" ist Ausdruck der Freude, mit der Jürgen Wolff dem Leben begegnete.

Selbst als eine schwere Krankheit nur wenig Hoffnung auf Heilung verhieß, gab Jürgen Wolff nicht auf. Noch vor einem Jahr unterzog er sich einer schweren Operation und erkämpfte sich damit ein letztes Lebensjahr.

Die Trauerfeier findet im engsten Familienkreis statt.

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