Trotz künstlicher Hüftgelenke: Tennis-Senior besiegt deutlich jüngere Gegner

Günther Dransfeld, geboren 1944, hat die Senior Open der TG BW Quelle gewonnen. Dass er sich dabei gegen bis zu 16 Jahre jüngere Gegner durchsetzt, überrascht den Haller selbst nicht. Andere sicher schon.

Christian Helmig

Günther Dransfeld hadert. Im ersten Satz des Finales war der Haller mit seinem Spiel gar nicht zufrieden. - © Christian Helmig
Günther Dransfeld hadert. Im ersten Satz des Finales war der Haller mit seinem Spiel gar nicht zufrieden. (© Christian Helmig)

Halle/Quelle. „Bis auf einen wusste ich bei allen Gegnern, dass ich sie im Griff habe", berichtet Günther Dransfeld nach dem Turnier von seinem ersten Blick auf das 32er-Feld. Der Unbekannte ist Gerd Hagemeyer, Jahrgang 1956, vom TP Versmold. Als sich die Nummer eins der Setzliste überraschend im Achtelfinale verabschiedet, ist der Weg für den an zwei notierten Dransfeld frei. Mit einem 4:6, 6:3, 10:3 im Endspiel über Helmut Remane (1954) von der TG Bockhorst sichert er sich den Siegerpokal.

Dass sich am frühen Sonntagmorgen ein gutes Dutzend Zuschauer auf den Weg nach Quelle gemacht hat, um das Match zu verfolgen, verwundert nicht. Wenn Günther Dransfeld einen Tennisplatz betritt, ist beste Unterhaltung garantiert. Dass liegt an der attraktiven Spielweise des Oldies, der seine Punkte vorzugsweise mit tödlichen Stopps oder präzisen Volleys erzielt, aber auch an seinen verbalen Einwürfen. Kaum einen Ballwechsel lässt Günther Dransfeld unkommentiert, oft unterstreicht er seine Worte mit großen Gesten.

Seinen Gegner wiegt der – mit sechs Jahren Abstand – älteste Spieler im Feld schon bei der Seitenwahl in vermeintlicher Sicherheit. „Ich nehme Rückschlag, dann hast du alle Vorteile auf deiner Seite", gibt er Helmut Remane mit auf den Weg. Als diesem im zweiten Spiel tatsächlich gleich ein Break gelingt, hadert Dransfeld. Er sei „um diese Uhrzeit immer noch etwas wackelig auf den Beinen". Verschlagenen Bällen blickt der Haller ungläubig hinterher, manchmal lässt er den Schläger fallen und schlägt die Hände vors Gesicht. Die Ansprüche an sein eigenes Spiel sind hoch: Als Günther Dransfeld für einen schulmäßigen Überkopfball Applaus von der Tribüne erntet, winkt er nur ab und konstatiert: „Endlich spiele ich mein normales Tennis."

In den 60er-Jahren gegen Stars wie Smith, Nastase und Tiriac

Helmut Remane lässt sich zunächst nicht aus der Ruhe bringen. Mit 6:4 fährt er den ersten Satz ein. Günther Dransfeld, der die Pausen zwischen den Ballwechseln zuvor schon voll ausgereizt hat, verschwindet daraufhin für knapp zehn Minuten in der Kabine. Nachdem er das weiße Shirt mit dem verblassten Schriftzug des TC Blau-Weiß Halle gegen ein angriffslustiges Rot getauscht hat, erwischt er im zweiten Durchgang den besseren Start. „Jetzt scheine ich wach zu sein", verkündet Dransfeld – und man weiß nicht, ob er er in diesem Moment wirklich nur zu sich selbst spricht. „Viele unterstellen mir, ich wolle meine Gegner aus dem Konzept bringen. Aber das ist auf keinen Fall meine Absicht", beteuert Günther Dransfeld nach der Partie. Für Helmut Remane hat er denn auch ein dickes Lob parat. „Was der gelaufen ist, war sensationell."

Der bessere Tennisspieler heißt am Ende des Tages aber Günther Dransfeld. Wie so oft in seiner Karriere: Mit 14 nimmt er beim Bielefelder TTC zum ersten Mal den Schläger in die Hand. „Aus Protest", wie er sagt. Weil ihm sein Vater, ein begeisterter Fechter, den „Proletensport" Fußball verboten hat, „habe ich mir den teuersten Verein ausgesucht". Sein erstes Geld verdient er sich als Balljunge für die Erwachsenen, die er aber schon bald auf dem Platz besiegt. Dransfeld wird zu einem der stärksten Spieler der Gegend. Mitte der 60er-Jahre reist er zu Turnieren bis an die Cote d’Azur. „Dort habe ich gegen Stars wie Stan Smith, Ilie Nastase oder Ion Tiriac gespielt. Aber leider nie einen Satz gewonnen", erzählt er schmunzelnd.

Doch sein Können reicht allemal, um das Hobby zum Beruf zu machen. Mit 31 Jahren hängt der studierte Betriebswirtschaftler seinen Bürojob an den Nagel und macht sich als Trainer und Betreiber einer Tennishalle in Quelle selbstständig.

Günther Dransfeld schließt seine Ballwechsel gerne mit schulmäßigen Volleys ab. - © Christian Helmig
Günther Dransfeld schließt seine Ballwechsel gerne mit schulmäßigen Volleys ab. (© Christian Helmig)

Heute hat Günther Dransfeld zwei künstliche Hüftgelenke. Dass er trotzdem noch mit vielen jüngeren Cracks mithalten kann, erklärt er so: „Ich bewege mich jeden Tag. Entweder schlage ich ein paar Bälle oder fahre mit dem Rad."

Nur einem Gegner hätte er sich in Quelle fast ergeben müssen: der brutalen Hitze. „Dass ich das überlebt habe, war viel wichtiger als der Sieg", sagt er. Seiner Frau Heike habe er direkt nach dem Finale am Telefon versprochen, „dass das mein letztes Turnier bei Temperaturen über 30 Grad war". Die Zuschauer in Quelle müssen also hoffen, dass es im nächsten Jahr kühler wird. Die Senior Open wären sonst um eine Attraktion ärmer.

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