Corona hebelt in der Wohngruppe für Behinderte viele Routinen aus

Dass Corona auch Menschen mit psychischer Erkrankung sehr zu schaffen macht, hat der Großeinsatz an der Hagedornstraße gezeigt. Nun blickt man hier nach vorn.

Alexander Heim

Oliver Horst (von links), Christel Friedrichs und Inna Lusgina von der FLEX Eingliederungshilfe gGmbH der Diakonischen Stiftung Ummeln haben mit der Außenwohngruppe in der Hagedornstraße noch einiges vor. - © Alexander Heim
Oliver Horst (von links), Christel Friedrichs und Inna Lusgina von der FLEX Eingliederungshilfe gGmbH der Diakonischen Stiftung Ummeln haben mit der Außenwohngruppe in der Hagedornstraße noch einiges vor. (© Alexander Heim)

Halle. Seit mehr als 15 Jahren fungiert die Diakonische Stiftung Ummeln als Träger der Außenwohngruppe an der Hagedornstraße, die im Juli Ausgangspunkt eines polizeilichen Großeinsatzes geworden ist (das Haller Kreisblatt berichtete). Mitten in der Corona-Krise, in der viele Routinen und Tagesstrukturen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen weggefallen waren, hatte es wohl einer der zehn Bewohner mit seiner Medikation nicht mehr so genau genommen. Die Folge: ein Psychose-Schub.

„Das ist ganz klar eine Ausnahme-Situation gewesen", betont Oliver Horst, Diplom-Sozialpädagoge und Teamleiter der Außenwohngruppe, deshalb auch noch einmal. Das Aufgebot an Einsatzkräften sei, so der 48-Jährige im Rückblick, „deutlich zu viel gewesen". Dass sich die Krise bei dem Bewohner, der inzwischen nach Werther gezogen ist, angebahnt hatte, war den Mitarbeitern aufgefallen.

Ziel ist die Selbstständigkeit

Zehn Haller im Alter zwischen 40 und 60 Jahren, alle mit psychischer Beeinträchtigung, leben seit Jahren in der Außenwohngruppe. Verselbstständigung ist hier das große Stichwort. „Die meisten bereiten sich auf einen Umzug in eine eigene Wohnung vor", erläutert Christel Friedrichs, Geschäftsführerin der FLEX Eingliederungshilfen gGmbH.

Hebelt Corona nicht alle Routinen aus, beginnt der Tag frühmorgens. Es gilt, den eigenen Wecker zu stellen und zu hören, aufzustehen, zu frühstücken und sich um 7.15 Uhr vom Fahrdienst zur Arbeit in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung fahren zu lassen. Nachmittags gegen 16 Uhr geht es zurück nach Hause.

Einkaufen steht dann an, Sport oder Freizeittermine, vielleicht auch Arztbesuche. Jeder Bewohner hat zudem einen festen Tag in der Woche, um seine Wäsche zu waschen. Die Mitarbeiter, die von 12 bis 20 Uhr im Hause sind, begleiten den Alltag, sind Ansprechpartner, erinnern an terminliche Verpflichtungen und an die richtigen Zeiten für etwaige Medikamente. Sie haben im Blick, ob es Sorgen und Nöte gibt. Und Sorgen machen sich auch die Bewohner der Apartments in der Hagedornstraße, wenn es um die Corona-Pandemie geht. Dabei hat sich von ihnen bisher niemand infiziert. Doch als der Lockdown im Kreis Gütersloh verhängt wurde, wurden alle Bewohner und Mitarbeiter getestet.

Zigaretten werden schnell zum Luxus

„Menschen mit Behinderung wollen nicht so weit ab wohnen", macht Christel Friedrichs deutlich. Mitten in einem Viertel zu leben, nahe dem Stadtkern, ist daher ideal. Auch, weil das monatliche Budget der Klienten qua Gesetz eher eng geschnürt ist. Schon Zigaretten werden da schnell Luxus.

„Wir wollen gerne weiter in Halle arbeiten", so Christel Friedrichs weiter. Und spricht das Bauvorhaben an, das die Diakonische Stiftung Ummeln gerne an der Hagedornstraße realisieren würde.

„Das Haus ist aus den 1970er Jahren und in die Jahre gekommen", erläutert sie. Der Hauptgrund, warum die Diakonische Stiftung Ummeln eher über einen Neubau als eine Sanierung auf dem 1.400 Quadratmeter großen Areal nachdenkt. Ähnlich wie jüngst in Borgholzhausen könnte hier eine Einheit mit 24 Plätzen entstehen. Die dann, analog zum jüngsten Projekt in der Lebkuchenstadt, mit einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung versorgt würde. „Wir bräuchten allerdings ein Stück Grund von der Stadt", räumt Christel Friedrichs ein. Ein Wunsch, der zuletzt in der Nachbarschaft hohe Wellen schlug.

Auch in Versmold soll gebaut werden

„Das liegt jetzt bei der Stadt Halle zur Entscheidung", führt die Geschäftsführerin aus. „Wir sind natürlich darauf angewiesen, dass man es wohlwollend beurteilt." Auf die Nachbarn möchte man gerne zugehen. So soll es in rund 14 Tagen eine Einladung zum Besuch der Wohngruppe geben.

Jüngst hat die Stiftung Ummeln übrigens auch ein Grundstück am Westheider Weg in Versmold erworben, um dort zu bauen. Und auch der Aufbau eines ambulanten Pflegedienstes für Menschen mit Behinderung ist in Planung und soll ab Januar 2021 starten.

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