Kitz-Retterin: Diese Frau bereitet drei junge Rehe auf ihre Auswilderung vor

Renate Jürgensmann-Bülter kümmert sich seit vielen Jahren um verwaiste Tiere. Aktuell päppelt die Hörsterin drei Rehkitze auf und wird sie später wieder auswildern.

Carolin Hlawatsch

Mit hochwertiger, nur beim Tierarzt erhältlicher Katzenmilch, werden die Jungtiere aufgepäppelt. Generell wichtig bei der Fütterung von Rehen sei, das das Futter kein Kupfer enthält. Daran können Rehe sterben. - © Carolin Hlawatsch
Mit hochwertiger, nur beim Tierarzt erhältlicher Katzenmilch, werden die Jungtiere aufgepäppelt. Generell wichtig bei der Fütterung von Rehen sei, das das Futter kein Kupfer enthält. Daran können Rehe sterben. (© Carolin Hlawatsch)

Halle. „Anna, Bonnie, Lilli, wo seid ihr denn? Na, kommt doch mal her", ruft Renate Jürgensmann-Bülter mit Nuckelflasche in der Hand. Sie sucht nicht etwa drei kleine Kinder, sondern Rehkitze, die auf ihre Aufzucht-Hilfe angewiesen sind. Auf ihrem Hof bei Hörste hat die Jägerin und Inhaberin des Gasthofes Tatenhausen in den vergangenen 40 Jahren 150 Kitze aufgepäppelt und viele erfolgreich wieder ausgewildert.

Wild und ein bisschen verwunschen wirkt das zwei Hektar große Gehege hinter dem Bauernhof, in dem Renate Jürgensmann-Bülter ihre Rehe auf die Freiheit vorbereitet. Es gibt auch einen Teich, den die Tiere zum Trinken, Abkühlen, ja sogar zum Schwimmen nutzen: „Unsere Ricke Susie liebte es, im Sommer jeden Tag mit mir zusammen im Teich ein paar Bahnen zu ziehen." Und dann kommt Anna aus dem kniehohen Gras herbeigehüpft. „Na, hast du also doch Hunger?" Jürgensmann-Bülter reicht dem Kitz die Flasche. Viel gieriger und ruckartiger als man es ihm zutrauen würde, saugt das zarte Rehkitz die Katzenmilch auf.

„Tag und Nacht – das ist schon anstrengend"

Die Familie verbindet nicht nur die Liebe zur Natur und zur Jagd, sondern auch die Arbeit im Gasthof Tatenhausen: Karl Bülter (von links), Andre Bülter und Renate Jürgensmann-Bülter mit Labrador Lotta. - © x
Die Familie verbindet nicht nur die Liebe zur Natur und zur Jagd, sondern auch die Arbeit im Gasthof Tatenhausen: Karl Bülter (von links), Andre Bülter und Renate Jürgensmann-Bülter mit Labrador Lotta. (© x)

Noch vor ein paar Wochen musste die Ziehmama alle zwei Stunden mit der Flasche füttern. „Tag und Nacht – das ist schon anstrengend", sagt sie. Inzwischen bekommt das tierische Trio nur noch alle vier bis fünf Stunden Milch, und das stets unter Einhaltung strenger Hygienevorkehrungen. Eine langsame Entwöhnung sowie die Umstellung auf Grünfutter solle nun stattfinden.

Auch an das ständige draußen sein müssen sich die jungen Kitze nun gewöhnen: Die vergangenen Wochen verbrachten sie im Wohnzimmer oder eingekuschelt im Bett von Renate Jürgensmann-Bülter. „Da war richtig was los bei uns im Haus. Mal sprang ein Kitz auf das Sofa, mal zog das nächste an der Tischdecke und in ruhigen Minuten gab es Schmuse-Szenen mit unserer Labradorhündin Lotta", berichtet Klaus Bülter. Selbst ebenfalls Jäger und Naturfreund, steht er voll und ganz hinter dem Engagement seiner tierlieben Frau.

Bei heranziehender Gewitterfront und Starkregen wird Renate Jürgensmann-Bülter noch hin und wieder schwach und holt die Kitze zurück ins Haus. „Ich kann mir das einfach nicht mit ansehen, wenn die Tierchen, die ja noch so dünnes Haar und keine Fettschicht haben, klitschnass werden", sagt sie. Inzwischen aber sind die sechs bis acht Wochen alten Kitze im Grunde genommen stark genug und haben zudem einen Unterschlupf im Gehege. „Ich weiß, auch das viele Streicheln muss ich langsam lassen, obwohl es mir schwerfällt. Schließlich sollen die Tiere bald ein Leben in freier Natur führen. Dafür dürfen sie nicht zu zutraulich werden, besser ist eine natürliche Scheu vor dem Menschen."

Perfekter Zeitpunkt für Auswilderung ist im Februar und März

In nächster Zeit wird Familie Bülter die Pforte des „Baby-Bereichs" öffnen, so dass die Kitze ihr Revier auf ein größeres Gehege ausweiten können und lernen, sich zu verstecken. Vielleicht, hofft Jürgensmann-Bülter, gucken sie auch das ein oder andere erwachsene Reh-Verhalten von Maja (5) und Lilli Senior (19) ab. Bei diesen zwei Rehen war eine Auswilderung nicht möglich, da sie krank waren. Mit ihren 19 Jahren ist Oma Lilli inzwischen ein echter Methusalem. „Sie hat keine Zähne mehr im Maul und bekommt nur Kleingemahlenes. In freier Wildbahn werden Rehe höchsten elf bis zwölf Jahre alt", sagt Klaus Bülter.

Apropos freie Wildbahn: Geeigneter Zeitpunkt für die Auswilderung der drei Kitze sei Februar oder März im nächsten Jahr. Dann seien die Jungtiere stark genug und zudem entwöhnt. Der nasskalte Winter sei dann weitestgehend vorüber und die Natur biete den Neulingen frische Pflanzen als gesicherte Nahrungsgrundlage. „Es ist immer wieder ein komisches Gefühl, das Tor zu öffnen und meine Zöglinge davon huschen zu sehen", gibt Renate Jürgensmann-Bülter zu.

Oft kämen die Handaufzuchten auch noch mehrere Male zurück zu ihrem früheren Zuhause, bevor sie sich endgültig einem Sprung wilder Rehe anschließen. Ganz von der Bildfläche verschwinden die gepäppelten Rehe aber nicht: „Wir versehen sie mit Ohrmarken und informieren alle Jäger der angrenzenden Reviere. Alle nehmen Rücksicht und schießen die Zöglinge nicht, denn wir möchten gerne ihre Entwicklung mitverfolgen. Das ist unheimlich spannend und aufschlussreich, auch für den zukünftigen Umgang mit weiteren Kitzen", sagt Klaus Bülter.

„Wir nehmen uns den Schützlingen gerne an"

Der ehrenamtliche Naturschutz-Einsatz der Familie Bülter ist vielen Leuten, darunter vor allem Jägern und Tierärzten im Altkreis, bekannt. So werden ihnen jedes Jahr im Frühling Kitze, manchmal auch andere Tiere, gebracht. Böckchen Bonnie lief fiepend einer Reiterin aus Borgholzhausen hinterher, Lilli wurde allein auf einer Wiesen gefunden und Anna konnte nach einen Verkehrsunfall von Tierarzt Dr. Rantze aus dem Bauch der leider schon toten Ricke gerettet werden.

„Natürlich nehmen wir uns den Schützlingen gerne an", sagt Renate Jürgensmann-Bülter, betont aber, dass viele Leute unwissend vorschnell seien. „Liegt ein Jungtier allein im Gras oder Unterholz, ist es nicht zwangsläufig von der Mutter verlassen. Ricken oder auch Häsinnen verstecken ihren Nachwuchs und suchen ihn nur zum Füttern auf. So verhindern sie, dass Fressfeinde wie der Fuchs auf ihre Babys aufmerksam werden".

Deswegen solle man einen Tierfund zunächst keinesfalls berühren oder forttragen, sondern immer besser erst den örtlichen Jagdpächter oder Landwirt, der die Situation beobachten und einschätzen kann, oder eine Wildtierstation informieren. Ein Kitz bis zur Auswilderung im nächsten Frühjahr „durchzubringen" gelinge übrigens nicht immer, sei sehr viel Arbeit und koste zirka 700 bis 800 Euro an Spezialfutter, Vitaminen und Medikamenten.

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