Nüchterne Begräbniskultur: Genealoge forscht zu Halles historischen Gräbern

Ahnenforscher Thomas Kriete hat alle Grabsteine auf dem Alten Friedhof dokumentiert. Das Ergebnis seiner Arbeit ist jetzt online abrufbar.

Ekkehard Hufendiek

Ahnenforscher Thomas Kriete und die Historikerin Katja Kosubek hocken neben einem der 364 gut dokumentierten Garbsteine auf dem Alten Friedhof. Dahinter stehen Martin Wiegand und Wolfgang Kosubek, ehrenamtliche Mitarbeiter des Museums Haller Zeiträume. - © Ekkehard Hufendiek
Ahnenforscher Thomas Kriete und die Historikerin Katja Kosubek hocken neben einem der 364 gut dokumentierten Garbsteine auf dem Alten Friedhof. Dahinter stehen Martin Wiegand und Wolfgang Kosubek, ehrenamtliche Mitarbeiter des Museums Haller Zeiträume. (© Ekkehard Hufendiek)

Halle. Thomas Kriete hat gestöbert – und gestaunt. 364 Grabsteine hat er auf dem Alten Friedhof entdeckt. Mehrere Arbeitstage hat er sich mit den Vorfahren der Haller beschäftigt. Die Genealogie, also die Ahnenforschung, ist sein Hobby. Hauptberuflich denkt er voraus und arbeitet als Programmierer. Seine Leidenschaft jedoch ist rückwärtsgewandt. „Ich liebe diese alten Grabsteine", sagt er beim Pressetermin, bei dem er seine Forschungsergebnisse vorstellt.

In seiner Geburtsstadt Herford habe er mittlerweile alle Friedhöfe erforscht, jetzt seien die anderen in der Region dran. Der Alte Friedhof in Halle ist mittlerweile sein 34. „Der ist bisher der schönste", hat Thomas Kriete festgestellt.

Auf seinem favorisierten Friedhof hat Thomas Kriete in den vergangenen zwei Monaten 3.000 Fotos geschossen und mehrere hundert Inschriften entziffert. Seine Dokumentation über die Begräbnisstätte in der Lindenstadt hat er online verfügbar gemacht.

Ungewöhnlich: Jeder Grabstein besitzt eine Nummer

Der älteste Grabstein auf dem Alten Friedhof in Halle ist auf das Jahr 1828 datiert. Die Inschrift ist schwierig zu entziffern. - © Ekkehard Hufendiek
Der älteste Grabstein auf dem Alten Friedhof in Halle ist auf das Jahr 1828 datiert. Die Inschrift ist schwierig zu entziffern. (© Ekkehard Hufendiek)

Die Vorleistung aus dem Museum Haller Zeiträume, besonders von Katja Kosubek, Wolfgang Kosubek und Martin Wiegand, sei riesig gewesen, räumt er ein. Die Forschung erleichtert habe ihm außerdem eine Besonderheit des Alten Friedhofes: Jeder Grabstein besitzt eine Nummer. „Das habe ich bisher auf keinem anderen Friedhof so gesehen", erzählt Thomas Kriete.

Laut seiner Aussage bieten besonders die alten Grabsteine eine Fülle von Daten aus dem Leben der Vorfahren: etwa Namen, vergessene Schicksale, Hinweise auf Stilepochen oder das handwerkliche Geschick des Steinmetzes. Größtenteils scheinen die Haller eine recht nüchterne Begräbniskultur gepflegt zu haben: „Hier sind die Grabsteine sehr sachlich gehalten", konstatiert der Ahnenforscher. Es fehlen Schnörkel oder Ausschmückungen.

Die Inschriften verraten in wenigen Worten viel Tragik

Der älteste Grabstein ist von 1828, der jüngste von 1994. Der Alte Friedhof an der Bahnhofstraße diente folglich über fast zwei Jahrhunderte als wichtigste Begräbnisstätte der Stadt Halle. Zuvor hatten die Bürger ihre Verstorbenen stapelweise auf dem alten Kirchplatz beerdigt – mehrere Jahre länger als ihnen Napoleon per Dekret erlaubt hatte.

Nur in wenigen Inschriften der Grabsteine ist etwas Ermutigendes oder Emotionales zu lesen. Manchmal klingt dennoch in wenigen Worten viel Tragik mit. Etwa bei der Inschrift der Auguste Weißbender, die am 7. Juli 1905 mit nur 28 Jahren verstarb und auf deren Grabstein es heißt: „Ihre Lebenskraft dem Dienst der leidenden Menschheit gewidmet ruht hier Auguste Weißbender".

An den tragischen Tod eines anderen Hallers erinnert der Familiengrabstein der Poggenwischs. Der zum damaligen Zeitpunkt erst siebenjährige Fritz fand 1949 in einer Scheune eine nach dem 2. Weltkrieg von Soldaten zurückgelassene Panzerfaust. Die Treibladung zündete und zerriss den Jungen. Laut dem Museum Haller Zeiträume beerdigte die Familie „Fritzchen" auf dem Alten Friedhof in Halle. Der Name Poggenwisch ging mit dem kleinen Hoferben verloren. Mit ihm starb wenige Jahre später auch der Name Poggenwisch in Halle aus.

Interessenten können sich Thomas Krietes Forschungsarbeit über den Haller Friedhof im Internet ansehen. Am einfachsten zu erreichen sind seine Bilder über einen Link des virtuellen Museums Haller Zeiträume (www.haller-zeitraeume.de).

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