Halles Traditionsgeschäft Bültmann weicht für neuen Wohnraum

Seit 1931 residierte die Baustoffhandlung an der Kaiserstraße. Für Kinder gab es hier gelben Sand zum Spielen, Unternehmer kauften Klinker und Zement. Jetzt beginnt eine neue Ära.

Nicole Donath

Die Baustoffhandlung Bültmann war seit 1931 an der Kaiserstraße angesiedelt und prägte fast 90 Jahre die Stadt Halle mit ihren Angebot. Jetzt ist das Geschäft geschlossen und auf dem Gelände soll Wohnbebauung entstehen. - © Nicole Donath
Die Baustoffhandlung Bültmann war seit 1931 an der Kaiserstraße angesiedelt und prägte fast 90 Jahre die Stadt Halle mit ihren Angebot. Jetzt ist das Geschäft geschlossen und auf dem Gelände soll Wohnbebauung entstehen. (© Nicole Donath)

Halle. Sonst wurde der Platz nur nach Feierabend, mittags zwischen 12.30 und 13.30 Uhr oder an den Wochenenden abgesperrt – jetzt werden die Gitter gar nicht mehr beiseite geräumt. Nach 89 Jahren ist die Baustoffhandlung Bültmann für immer geschlossen und Halle verliert ein besonderes Geschäft. Eines von dieser Sorte, zu der alle Generationen eine Verbindung haben: Die Kinder freuten sich jedes Jahr über ein paar Speisfässer voll mit frischem Sand, mit dem einen Sommer lang Murmelbahnen oder Burgen gebaut werden konnten. Mit dem übrigen Sortiment wurden von den Profis echte Häuser gebaut, Wege gepflastert, Fassaden verklinkert. Und Werkzeug gab es natürlich auch. Ab sofort alles Geschichte.

Kommenden Dienstag, 9. Juni, stellt Dirk Tischmann im Ausschuss für Planung und Stadtentwicklung einen Entwurf für die künftige Nutzung des Areals vor. Beginn der öffentlichen Sitzung ist um 17.15 Uhr in der Mensa des Schulzentrums Masch. „Schon bevor wir Kenntnis davon hatten, dass Bültmann schließen würde, hatten wir den Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan im Bereich zwischen Kaiserstraße, Bismarckstraße, Gartenstraße und Graebestraße beraten“, berichtet Michael Flohr, Abteilungsleiter im Bauamt der Stadt Halle.

In Abstimmung mit der Familie Ideen entwickelt

„Die stadtplanerische Vorstellung sah dabei so aus, dass die Gewerbefläche zu einem Zeitpunkt, da die Baustoffhandlung nicht mehr besteht, für Wohnbebauung genutzt werden soll.“ Dann habe man überraschend schnell die Nachricht erhalten, dass Bültmann die Baustoffhandlung schließen wolle, so Flohr weiter. In Abstimmung mit der Familie habe man nun Ideen entwickelt, welche Art von Wohnbebauung auf der Fläche entstehen könne. Sollte den Entwürfen am Dienstag zugestimmt werden, könnte im nächsten Schritt die Öffentlichkeit beteiligt werden.

Der Urgroßvater von Hajo Bültmann, der die Geschäfte zuletzt in vierter Generation führte, hatte das Unternehmen 1931 für seinen Sohn Waldemar gegründet. Am Anfang stand diesem nur ein Pferdewagen mit Plane zur Verfügung. Erst etwas später gab es dann einen kleinen Lastwagen und eine Büssing-Zugmaschine sowie vier Anhänger und zwei Kipper. Noch später kamen außerdem ein Opel Blitz und ein Büssing-Burglöwe dazu. Vier Fahrer waren Tag und Nacht im Einsatz und der 89-jährige Seniorchef Rudolf Bültmann, Sohn von Waldemar und Vater von Hajo, als kleiner Junge immer mittendrin.

Selbstverständlich war es nicht, dass Rudolf Bültmann eines Tages das Geschäft auch übernehmen würde. Denn wenn er freie Wahl gehabt hätte, ja, dann wäre er wohl Schiffsbau-Ingenieur geworden, berichtete er einst. Die Zeiten jedoch und der Krieg lenkten seinen Weg anders. Und so machte Rudolf Bültmann nach abgeschlossener Realschule eine Lehre im väterlichen Betrieb.

Der alte Schreibtisch, hinter dem schon Waldemar Bültmann gesessen hat, stand bis zuletzt im Büro. Dieser Schreibtisch gehörte zu dem Laden und zur Familie wie die alte Rechenmaschine oder die Schwarz-Weiß-Aufnahme des Firmengründers an der Wand. Und natürlich die unvergessenen Unterhaltungen. Diese Beschränkungen auf ein Minimum an Konversation – und doch wussten immer alle, was gemeint war. „Einen halben Kubik Kies 0,16 und sechs Sack Zement“, lautete vielleicht eine Order. „Bar oder auf Rechnung?“, kam die Gegenfrage. „Bar.“ Und dann wurde der Preis eingetippt, der Kunde zückte die Brieftasche aus der Arbeitsjacke und legte das Geld auf den Tresen. „Bedankt“, sagte der eine, „da nicht für“ der andere. Aufgeladen wurde draußen auf dem Platz.

Und nun wird bald bei Bültmann gebaut: Ein attraktives Wohngebiet mitten in Halle. Das Traditionsgeschäft indes wird fehlen.

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