Harte Kritik an Kita-Öffnung: Erzieherinnen baden Entlastung der Eltern aus

In NRW wechseln die Kindertagesstätten schon am 8. Juni wieder in einen kaum noch eingeschränkten Normalbetrieb. Eine Entscheidung, die auch bei vielen Erzieherinnen für Rätsel sorgt und Angst unter die Vorfreude mischt.

Uwe Pollmeier

Schon bald sind im Kindergarten wieder alle willkommen. Doch wie soll Abstandhalten gehen mit wuseligen Kleinkindern? - © CC0 Pixabay
Schon bald sind im Kindergarten wieder alle willkommen. Doch wie soll Abstandhalten gehen mit wuseligen Kleinkindern? (© CC0 Pixabay)

Halle. „Wir Erzieherinnen sind doch das letzte Glied in der Kette und gar nicht geschützt", sagt Elke Günner. Die Leiterin der städtischen Kita Beckmanns Hof, die sich auch um die Tagesmütter in Halle kümmert, zeigt wenig Verständnis für die vom Land beschlossene Rückkehr aller Kindergartenkinder zum 8. Juni. Während woanders nur ganz langsam gelockert wird, geht es in den Kitas plötzlich von null auf hundert. Zwar sollen die einzelnen Gruppen voneinander getrennt bleiben und die gebuchte Betreuungszeit wird jeweils um zehn Stunden verringert, aber unterm Strich werden sich in zwei Wochen in vielen Einrichtungen rund 20 Kinder und drei Erzieherinnen einen Raum von rund 50 Quadratmetern teilen.

„Die Entlastung der Eltern wird auf unserem Rücken ausgetragen"

„Abstand halten ist doch gar nicht möglich", sagt Günner. Als Erzieherin sei man nun einmal ganz nah dran am Kind und gerade bei den U 3-Kindern könne man nicht auf die von Land und Bund gewünschte Distanz gehen. „Wie soll man denn ein Spiel spielen, wenn man sich zwei Meter auseinandersetzt?", fragt Günner rhetorisch. Sie sehe daher die Öffnung der Betreuung mit nur noch minimalen Einschränkungen sehr negativ. Sie hätte sich einen Fortbestand der derzeitigen Notbetreuung bis zu den Sommerferien gewünscht.

Kommentar

Pädagogen erhalten ungefragt den Thüringen-Bonus 


Wer in seinen Döner beißen wollte, muss bis vor kurzem erst 51 Meter weit vom Spieß weglaufen, im Freibad gibt es Einbahnstraßenschwimmen und sechsjährige Grundschüler dürfen ihr Klebebandquadrat nicht verlassen – es gibt derzeit Regeln, bei deren Vorstellung wohl jeder noch vor vier Monaten den Kopf geschüttelt hätte. Aber nun sind sie da und vermutlich muss es auch mitunter fragwürdige Einzelvorschriften geben, um das sinnvolle Gesamtkonzept in den Köpfen der meisten Bürger verankern zu können. Wem das alles zu weit geht, der muss halt nach Thüringen auswandern oder ganz schnell eine Erzieherausbildung anstreben. Denn sowohl in dem links neben Sachsen liegenden Freistaat als auch in den Kitas gibt es noch Narrenfreiheit. Vor einer Woche hat NRW-Familienminister Joachim Stamp das Flehen vieler Eltern erhört. Die Betreuung zu Hause kostet oftmals Nerven und Urlaubstage. Bisher half vielen die Notbetreuung dabei, wieder arbeiten gehen zu können. Zukünftig muss aber niemand mehr nachweisen, dass der Chef ihn dringend braucht. Jeder Erziehungsberechtigte kann sein Kind in der Kita abgeben, unabhängig von einer dringenden Notwendigkeit. Den Preis für die vielen glücklichen Eltern zahlen einige Erzieherinnen, die nun bessere Chancen haben, die Zahlen der Coronastatistik aufzupeppen.Ohne frühkindliche Bildung werde, so Stamp, den Kindern Chancen genommen. Wer also weiterhin schon jetzt dem Sprössling das „Abi-2033-Shirt" kaufen möchte, dürfte das gesundheitliche Risiko der bei vielen eh nur als Kindergartentanten bekannten Pädagoginnen ohne zu Zögern in Kauf nehmen. Wer will schon ein verblödetes Kind, nur weil dieses nur zwei Jahre und acht Monate in der Kita war. Ich selbst war nur zwei Jahre in der Kita. Was hätte also aus mir noch werden können ...?!Es ist schon kurios, dass derzeit gerade die seit Jahren unterbezahlten Jobs so bedeutungsvoll sind. Der Wahlkampf hat halt seine eigenen Gesetze. Also Augen zu und durch. Wird schon schiefgehen. Kinder sollen ja eh nicht so ansteckend sein. Karneval in Heinsberg und Apres-Ski-Partys in Ischgl – das sind doch die wahren Gefahren. Vielleicht auch werdende Väter im Kreißsaal, Geschwister am Urnengrab oder Singen in der Kirche. Aber 50 herumwuselnde Zwerge in Kindergärten? Ne, Quatsch. Die doch nicht!

Von Uwe Pollmeier
Redakteur Uwe Pollmeier kommentiert die Kita-Öffnungen. - © Privat
Redakteur Uwe Pollmeier kommentiert die Kita-Öffnungen. (© Privat)

Eine Meinung, die auch im Kollegenkreis vorherrscht, denn alle seien sich einig, so Günner, dass die Entlastung der Eltern nun auf dem Rücken der Erzieherinnen ausgetragen werde. Hinzu komme noch, dass man personell unterbesetzt sei, da fünf Erzieherinnen im 16-köpfigen Team ein ärztliches Attest haben und somit wohl auch in den kommenden Wochen in der Betreuung nicht einsetzbar sind.

Masken sind das einzige Mittel zur Schadensbegrenzung

Während Mund-Nasen-Masken im Kitabereich anfangs noch abgelehnt wurden, da der Anblick der vermummten Erzieherin bei den Kindern Angst auslösen könnte, sind sie nun das einzige Mittel zur Schadenbegrenzung. Daher werden sie die Erzieherinnen tragen, obwohl es keine vom Land verordnete Pflicht gibt. Aber bei unausweichlichen Kontakt ist es wohl sinnvoll.

Einige Eltern hätten, so Günner, bereits mitgeteilt, dass sie auf den Kitabesuch verzichten und ihr Kind zu dessen eigenem Schutz noch bis zu den Ferien zu Hause betreuen. Andere seien aber auch froh, dass es nun weitergehe.

Schon ab Donnerstag dürfte es in der Kita wieder etwas voller werden, da die Rückkehr des letzten Kindergartenjahrgangs ansteht. „Ich denke, dass wir dann mehr als 40 Kinder haben, die wir auf vier Gruppen verteilen", sagt Günner. Grundsätzlich besuchen 74 Kinder die Einrichtung.

Keine Party zum Schulübergang

Mit Bauschmerzen denkt Günner auch schon an die anstehende Verabschiedung. „Wir werden die zukünftigen Schulkinder vielleicht zu Haus besuchen. Irgendwie werden wir auf jeden Fall Tschüss sagen", verspricht die Kitaleiterin. Große Partys wie in den vergangenen Jahren kann es natürlich nicht geben. „Wir freuen uns sehr, dass es losgeht, und haben alle Vorbereitungen getroffen", sagt Regina Bresser, Fachbereichsleiterin der Stadt Halle. Zwar gebe es keine vom Land verordnete Maskenpflicht, jedoch werden die Erzieherinnen in den drei städtischen Einrichtungen diesen Schutz tragen. „Die Eltern dürfen die Kitas jedoch nicht betreten. Sie müssen ihre Kinder am Eingang an die Erzieherin übergeben, die sie dann in die Gruppe begleiten", erklärt Bresser. Man habe in den vergangenen Wochen stets Kontakt zu den Eltern gehalten und sie nun in einem persönlichen Anschreiben informiert.

Man werde nun schauen, wie das Ganze anläuft, denn auch hier gilt wie in Coronazeiten fast überall üblich, dass man Neuland betritt. „Es ist eine Art Herantasten", sagt Bresser. Zugleich verspricht sie, dass die Sorgen der Eltern auch zukünftig berücksichtigt werden. Wenn in individuellen Einzelfällen das limitierte Stundenkontingent nicht ausreicht, werde man schauen, wie man weiterhelfen könne. Sicher sei aber, dass an der dreiwöchigen Schließung in den Sommerferien festhalten werde.

Copyright © Haller Kreisblatt 2020
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.