Gibt's ein tragfähiges Rettungskonzept? Angespanntes Warten bei Gerry Weber

Betriebsrat und IG Metall haben mit ihrer Aktion zur Rettung von Gerry Weber viel Aufmerksamkeit erzielt – und auch Kritik eingesteckt. Die Ungewissheit bleibt.

Marc Uthmann

Der Haller Modekonzern Gerry Weber steckt wieder einmal in Gesprächen über eine Rettung.  - © Andreas Frücht
Der Haller Modekonzern Gerry Weber steckt wieder einmal in Gesprächen über eine Rettung.  (© Andreas Frücht)

Halle. Das Wochenende hat Lutz Bormann nach eigenem Bekunden genutzt, „um durchzuatmen". Wieder einmal lastet auch auf dem Betriebsratsvorsitzenden von Gerry Weber großer Druck. Nicht nur, dass die Arbeitnehmervertreter angesichts von 200 weiteren geplanten Entlassungen in der Corona-Krise den nächsten Sozialplan verhandeln müssen, jetzt droht kurzfristig die neuerliche Insolvenz. Betriebsrat und Gewerkschaft hatten daraufhin eine Kampagne gegen Gläubigerbanken gestartet, die sich angeblich bei der Stundung von Schulden querstellen.

Knapp 1.000 Bilder wurden über Social Media veröffentlicht, in denen Mitarbeiter die Banken direkt ansprechen und ihnen vorwerfen, mit ihrer Weigerung Arbeitsplätze zu gefährden. Im zweiten Schritt produzierte die Belegschaft ein emotionales Video für Youtube, in dem sie noch einmal an die Gläubiger appelliert und auf die Notsituation des Modekonzerns aufmerksam macht. „Das ging den Menschen unter die Haut, da haben wir viele Rückmeldungen bekommen", berichtet Lutz Bormann – und betont: „Im Video haben wir nicht nur angeprangert."

„Wir wollten gehört werden"

Damit spielt er auf den Umstand an, dass es für die Aktion keinesfalls nur Applaus gab. „Wir haben etliche Rückmeldungen verärgerter Banken bekommen, die sich zu Unrecht attackiert sahen. Wir seien nicht auf dem aktuellen Stand, hieß es", berichtet Lutz Bormann – und interpretiert diese Reaktion für sich ein bisschen anders: „Das zeigt mir, dass unsere Kampagne gewirkt haben muss, offenbar sitzen die Banken am Verhandlungstisch." Kritik, dass die Angriffe gegen die Banken ungerechtfertigt gewesen sein könnten, lässt Lutz Bormann sich gefallen, argumentiert aber: „Wir wollten gehört werden. Und da, wo wir hingestochen haben, hat es richtig wehgetan."

Auch dass kleinere Gläubiger kritisiert hatten, die neuen Besitzer könnten mehr für die Rettung tun, kommentiert Lutz Bormann nach den zuletzt emotionalen Tagen betont sachlich: „Das sind Finanzinvestoren. Die wollen Geld verdienen. Hier entscheidet eben nicht mehr der Herr Weber, ob er womöglich mehr Geld zuschießt."

Im Unternehmen herrsche zum Wochenbeginn eine „angespannte Ruhe", sagt der Betriebsratsvorsitzende. „Es wird normal gearbeitet, aber alle warten natürlich auf Nachrichten über die weiteren Perspektiven."

Es gibt Hoffnung auf ein Rettungskonzept

Auch der Betriebsrat sitze auf heißen Kohlen. Bis Mitte der Woche soll zunächst einmal die ausgefallene Sitzung nachgeholt werden, in der es um den Sozialplan für die weiteren Entlassungen geht. „Da geht es um die Zustimmung des Gremiums. Aber unterschreiben werden wir später nur, wenn es auch eine Perspektive für das Unternehmen ohne eine neuerliche Insolvenz gibt. Andernfalls wäre das doch alles umsonst gewesen." Einen nächsten Termin für den Gläubigerausschuss, in dem Bormann als Arbeitnehmervertreter sitzt, gibt es indes noch nicht.

Doch wie das HK aus dem Unternehmensumfeld erfuhr, gibt es erste ermutigende Indizien. Noch sei nicht alles ausverhandelt, doch könnte bis zum Ende der Woche ein Rettungskonzept stehen.

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