Sensationelle Erfindung: Hallerin schenkt Amputations-Patienten neue Hoffnung

2016 wird in Wien das Unternehmen Saphenus gegründet. Hier wird die erste fühlende Beinprothese entwickelt. Zur Geschäftsführung gehört die Haller Diplom-Pianistin Sylvia Brayley-Schultheis.

Nicole Donath

Halle/Wien. Es sind schlimme Schicksalsschläge und ebenso traumatische Erlebnisse, die hinter den Menschen liegen. Manchmal durch eine Krankheit, meistens bedingt durch einen Unfall haben sie Gliedmaßen verloren und müssen ohne Hände, ohne Arme, ohne Füße, ohne Beine leben. Hinzu kommen die Schmerzen: lokale Wundschmerzen, Phantomschmerzen oder neuropathische Schmerzen. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, diesen Menschen zu helfen", sagt Sylvia Brayley-Schultheis.

„Es ist einfach unglaublich schön, etwas zutiefst Sinnvolles zu tun. Menschen wieder schmerzfrei zu sehen, Menschen zu helfen, dass sie sogar wieder arbeiten können – das ist einfach nur großartig", fährt sie fort. Die 50-Jährige gehört zur Geschäftsführung von Saphenus. Ein österreichisches Startup, dessen Forscherteam zuletzt eine Sensation gelungen ist: die Entwicklung der fühlenden Beinprothese.

Prothesenträger kann verlorenen Fuß wieder fühlen

Die Saphenus Medical Technology GmbH wurde 2016 gegründet. Es ist weltweit das erste Unternehmen, das es Betroffenen ermöglicht, wieder Untergrund zu spüren. Die bionische Prothese versorgt das Gehirn dabei mit sensorischen Informationen, die Phantomschmerzen verhindern sollen. „Radfahren ist da wieder leicht möglich. Oder Klettern. Oder einfach das Erkennen einer Gehsteigkante", erklärt Geschäftsführer Rainer Schultheis. Die Prothese stimuliere die Nerven am Stumpf und ermögliche so einem Prothesenträger, seinen verlorenen Fuß wieder zu fühlen.

Die Beinprothese soll das Fühlen ermöglichen. - © Sapheneus
Die Beinprothese soll das Fühlen ermöglichen. (© Sapheneus)

Erfunden wurde die Technologie von Hubert Egger, Medizintechniker und Professor an der FH Oberösterreich. Er hat schon vor etwa zehn Jahren die erste gedankengesteuerte Prothese entwickelt und sich im Anschluss daran zum Ziel gesetzt, Betroffenen auch das Gefühl in den verlorenen Gliedmaßen zurückzugeben.

Über den Südtiroler Forscher und Erfinder kamen auch der berufliche Zusammenschluss mit dem Ehepaar Schultheis und schließlich die gemeinsame Firmengründung zustande: „Hubert Egger ist ein Freund von uns", erzählt Sylvia Brayley-Schultheis dann. „Er ist von Beruf Nachrichtentechniker und hat später noch Medizin studiert, ein richtiger Daniel Düsentrieb also! Als er 2015 die erste fühlende Beinprothese vorstellte, halfen mein Mann und ich bei der Konzeptionierung der Pressekonferenz; ich habe den Probanden dann während des gesamten Prozesses der Öffentlichkeitsarbeit betreut."

Das Ehepaar Schultheis kommt eigentlich nicht aus der Medizin

Als nach der Pressekonferenz Unternehmer gefragt waren, die diese Idee in die Tat und in den Markt umsetzen sollten, fiel für Rainer und Sylvia Schultheis die Entscheidung: „Wir wollten Saphenus Medical Technology gründen, unbedingt." Ein Schritt, der umso bemerkenswerter ist, wenn man weiß, dass Rainer Schultheis ausgebildeter Meteorologe ist und seit über 20 Jahren als Wissenschaftsjournalist beim ORF arbeitet – und Sylvia Brayley-Schultheis, die am Kreisgymnasium Halle ihr Abitur gemacht hat, an der Musikhochschule Detmold zur Diplom-Pianistin ausgebildet wurde.

Die Mutter eines Sohnes lächelt. Und erklärt das so: „Mein Mann hat immer schon im Spannungsfeld zwischen verschiedenen Disziplinen wissenschaftlich publiziert." So ist Rainer Schultheis Träger des österreichischen Klimapreises und erfolgreicher Buchautor. „Für ihn war klar, dass sich die Arbeit als Unternehmer und Führungskraft in einem Start-up einerseits und die Arbeit als Forecaster in seinem Ursprungsberuf der Meteorologie ähneln." Innerhalb kurzer Zeit viele Parameter verstehen lernen, um daraus unmittelbar Entscheidungen für die Zukunft zu treffen – genau diese Entscheidungsfreudigkeit mit Bauchgefühl mache er sich heute als Unternehmer zu Nutze. Dabei ist er nach wir vor für den ORF tätig.

EU-Fördergelder fließen in nachhaltige Entwicklung des Konzerns

Sylvia Brayley-Schultheis kam indes über einen Studienaufenthalt in Paris nach Wien, wo sie Lehraufträge am Schubert-Konservatorium und anderen Instituten hatte. Durch ihren Ehemann bekam sie nach und nach Möglichkeiten, sich auch journalistisch zu betätigen – um schließlich bei der Recherche, Planung und Organisation der Pressekonferenz zur ersten fühlenden Beinprothese mitzuwirken. „In den Folgejahren war ich am Unternehmensaufbau der Saphenus Medical Technology als einzelbefugte Geschäftsführerin beteiligt", berichtet sie weiter. „Außerdem folgten Begleitungen an klinischen Studien in Oberösterreich."

Ein Foto, das vor den Corona-Beschränkungen entstand: Das Team des österreichischen Startups Saphenus mit Sylvia Brayley-Schultheis und ihrem Ehemann Rainer Schultheis (Dritter von rechts) in der Geschäftsführung sowie Professor Hubert Egger oder der Skisprunglegende Toni Innauer helfen Menschen nach der Amputation. - © Privat
Ein Foto, das vor den Corona-Beschränkungen entstand: Das Team des österreichischen Startups Saphenus mit Sylvia Brayley-Schultheis und ihrem Ehemann Rainer Schultheis (Dritter von rechts) in der Geschäftsführung sowie Professor Hubert Egger oder der Skisprunglegende Toni Innauer helfen Menschen nach der Amputation. (© Privat)

Im Februar 2020 hat Saphenus als eines von 44 Unternehmen in Europa eine weitere Auszeichnung bekommen: den EIC Accelerator. Dabei handelt es sich um ein Instrument der Europäischen Kommission, das bedeutenden Technologien zu einer schnellen Internationalisierung verhilft. „Ein Teil dieses EU-Fördergeldes wird bei Saphenus auch in eine nachhaltige Entwicklung des Unternehmens gesteckt", erklärt Sylvia Brayley-Schultheis dann.

„Wir stellen gebrauchte Hightech-Prothesen samt der notwendigen Operationen betroffenen Menschen in Entwicklungsländern zur Verfügung. Hier arbeiten wir mit dem Projekt ’Südtiroler Ärzte für die Welt’ zusammen und haben bereits 2019 erstmalig Hilfe in Äthiopien geleistet." Dann fügt sie an: „Allein dieses Hilfsprojekt hat uns alle einfach nur demütig gemacht ..."

Auch künstlerisch ist Sylvia Brayley-Schultheis noch aktiv

Bei all diesen Herausforderungen kann die 50-Jährige bei Saphenus sogar ihrer Liebe zur Kunst, ihrem Drang nach Kreativität nachkommen. „Zum Klavierspielen komme ich immer noch, da ja unser Sohn Paul auch Klavier und Cello spielt. Da musizieren wir oft gemeinsam. Das eigene künstlerische Tun und Denken verliert man auch sowieso nie und somit vermisse ich es auch nicht", erklärt Sylvia Brayley-Schultheis.

„Aber selbst unser Unternehmen fordert mich auch insofern künstlerisch, weil allein die Entstehung des Designs von Suralis ein großes künstlerisches Feingefühl benötigte." Man habe da mit dem „großartigen Designer" Professor Andreas Mühlenbehrend von der Bauhaus- Uni Weimar zusammengearbeitet. Und Ende vergangenen Jahres für das Design den „Good Design Award" aus den USA/Chicago gewonnen – der Oscar unter den Designwettbewerben. „Und all das, was ich in dem Unternehmen jetzt leiste, hätte ich nicht ohne das gekonnt, was ich vorher gemacht habe", erklärt sie.

Weitere Projekte sind schon in Planung

Und so liegt es auch auf der Hand, dass weitere, neue Projekte in Planung sind. „Die Errichtung von weiteren Kompetenzzentren ist uns ein großes Anliegen", fährt der Kreativkopf fort. Es gebe ja bereits welche in Süddeutschland, Italien/Südtirol, Tirol/Innsbruck, Graz und Wien – aber es solle noch weitergehen.

„So etwas kann man nicht suchen – so etwas findet man", fasst Sylvia Brayley-Schultheis zusammen. „Und dabei haben wir immer dieses eine große Ziel: Wir möchten für unsere Patienten erreichen, dass nach der Amputation etwas Neues anfängt – und nicht, dass etwas zu Ende geht."

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