Detektivischer Spürsinn gehört für diese Rentenberaterin zum Alltag

Anja Liermann ist bei der Stadt Halle verantwortlich für die Rentenberatung. Sie hilft dabei, Anspruchszeiten nachzuweisen. Manchmal auch durch eidesstattliche Erklärungen.

Heiko Kaiser

Immer mehr Menschen brauchen Hilfe bei der Beantragung der Rente. Rentenberaterin Anja Liermann hilft.  - © Alexander Jenniches
Immer mehr Menschen brauchen Hilfe bei der Beantragung der Rente. Rentenberaterin Anja Liermann hilft.  (© Alexander Jenniches)

Halle. Anja Liermann mag keine Lücken im Lebenslauf. Vor allem nicht bei anderen Menschen. Tag für Tag ist sie deshalb auf der Suche nach schriftlichen Beweisen, die Zeitabläufe und Haltepunkte des Lebens dokumentieren. Und manchmal befragt und vereidigt sie sogar Zeugen.

Klingt spannend. Viel spannender als ihre offizielle Tätigkeitsbeschreibung: Rentenberaterin. „Meine Aufgabe ist die Berechnung und Klärung von Rentenansprüchen, die Ermittlung von Wartezeiten und alles was mit der Rentenversicherung zu tun hat, wie Versicherung, Reha-Angelegenheiten oder Prävention", sagt Anja Liermann und ergänzt: „Wir helfen Menschen auch bei Anträgen oder schreiben ihre Widersprüche gegen Bescheide auf."

Kommentar

Dreister Betrug

Die Rente ist sicher. Für diesen Satz wurde Norbert Blüm jahrelang kritisiert. Der frühere Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung hatte Recht. Die Rente war sicher. Sicher, bis sie in einer konzertierten Aktion von Politik, Versicherungswirtschaft und gekauften Studien von gut bezahlten Rentenexperten zunächst schlecht geredet und dann Zug um Zug demontiert wurde. Milliarden flossen dabei in die private Versicherungswirtschaft. Mit der Begründung, sie könne höhere Renditen erzielen als die gesetzliche Rente. Kann sie nicht. Im Gegenteil. Am Ende des Lebens bekommen die Sparer in der Regel deutlich weniger heraus, als sie eingezahlt haben. Prämien verschwinden unter anderem in einem Verwaltungsaufwand, der mehr als zehnmal so hoch ist wie in der Rentenversicherung. Auszahlungen schrumpfen, weil die Versicherer mit utopischen Lebenserwartungen von 100 Jahren und mehr rechnen. Und angekündigte Renditen lösen sich auf in einem unsicheren Kapitalmarkt. Altersvorsorge wird zum Spekulationsgeschäft. Die Folgen müssen vor allem künftige Generationen von Rentnern tragen. Ein immer größerer Prozentsatz wird daher Altersgelder beziehen, die nur unwesentlich vom Hartz–IV-Niveau abweichen. Und das nach 35 Beitragsjahren und mehr. Das ist ein Skandal. Es ist verwunderlich, dass nicht schon heute Tag für Tag Menschen dafür auf die Straße gehen. Womöglich haben noch nicht alle registriert, welch dreister Betrug hier an einer ganzen Generation verübt worden ist. Denn wenn etwas sicher ist, dann dieser Betrug.

Von Heiko Kaiser

Der Schock kommt beim Blick auf die Rentenhöhe

Diese, so die 54-Jährige, scheitern oft an Formfehlern. Weil der Widerspruch beispielsweise nicht begründet wird. „Ein Briefkopf der Stadt macht immer einen besseren Eindruck. Außerdem ist es unser Job, die geforderte Form einzuhalten", sagt sie achselzuckend. Dann nimmt sie einen großen Schluck aus der Wasserflasche. Rente ist offensichtlich eine recht trockene Angelegenheit.

„Eine spannende", findet hingegen Anja Liermann. Denn im Raum 001 im Rathaus 1 geht es oft um lebenswichtige Dinge. Und in den vergangenen Jahren zunehmend um schlechte Nachrichten. „Für viele Menschen, die ein Leben lang Beiträge gezahlt haben, ist es ein Schock, wenn sie erfahren, wie viel Rente sie letztlich bekommen", sagt Anja Liermann. Und eigentlich müsste es heißen, wie wenig Rente. „Wie soll ich mein Haus halten, wie die Kredite weiter abzahlen?" Fragen, die sich stellen, wenn plötzlich nur noch 47 Prozent des letzten Nettogehalts zur Verfügung stehen.

Gestandene Männer haben in ihrem Büro schon geweint

„Ich habe hier gestandene Männer weinen sehen", sagt Anja Liermann und berichtet von Arbeitsleben, in denen Schicht- und Schmutzzulagen oder andere nicht rentenwirksame Zahlungen über Jahre einen Teil des Lohns ausgemacht haben. Doch selbst Menschen, die 35 Jahre lang das durchschnittliche Einkommen der deutschen Bevölkerung verdient haben, bekommen im Ruhestand nur eine Rente, die nicht wesentlich höher ist als die Grundversorgung. „Die durchschnittliche Rente in Halle beträgt zwischen 900 und 1.000 Euro", erklärt Anja Liermann. Bedeutet: Immer mehr Menschen, auch in Halle, müssen im Rentenalter dazuverdienen.

Um so wichtiger ist es, alle rentenwirksamen Zeiträume im Lebenslauf lückenlos zu dokumentieren. „Ich versuche die Menschen dazu zu bringen, darüber nachzudenken, was sie in ihrem Leben gemacht haben", sagt die Rentenexpertin im Haller Rathaus. Und das gestaltet sich nicht immer leicht. Vielen Menschen ist oft nicht bewusst, dass beispielsweise Studienzeiten oder Schulzeiten nach dem 17. Lebensjahr in die sogenannte Wartezeit einfließen. Denn um Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung in Anspruch nehmen zu können, müssen Versicherte ihr vorher eine gewisse Zeit angehört haben. Je nach Rentenart gelten Wartezeiten zwischen fünf und 45 Jahren.

Das wühlen in Arbeitsbiografien wird immer aufwendiger

HK-Redakteur Heiko Kaiser kommentiert. - © Nicole Donath
HK-Redakteur Heiko Kaiser kommentiert. (© Nicole Donath)

Auch in der jüngsten Diskussion um die Grundrente spielen entsprechende Wartezeiten eine entscheidende Rolle. Anja Liermann versucht, möglichst alle anrechenbaren Zeiten im Lebenslauf zu entdecken und wühlt deshalb im Leben der Klienten. Zu ihrem Wohl. Das ist deutlich schwieriger geworden. „Arbeitsbiografien, in denen, wie früher oft üblich, nach der Lehre 40 Jahre lang beim gleichen Arbeitgeber gearbeitet wurde, sind heute die große Ausnahme", sagt sie. Lebensläufe mit Zeiten der Arbeitslosigkeit, Krankheit, häufigen Arbeitsplatzwechseln oder verlängerten Ausbildungszeiten stattdessen die Regel. Manchmal liegen Dokumente über Zeiträume, die lange zurückliegen, nicht mehr vor. Wie bei Andreas G., der Mitte der 1980er Jahre zwei Semester Wirtschaftswissenschaften an der Uni Bielefeld studierte, die entsprechenden Belege aber nicht aufbewahrt hatte. Die Universität teilte mit, dass die Unterlagen nach 30 Jahren vernichtet worden seien. Für Anja Liermann dennoch kein Grund aufzugeben. Ein damaliger Studienkollege erklärte bei ihr an Eides statt, mit Herrn G. zusammen studiert zu haben. „So konnten die zwölf Monate in die Wartezeit aufgenommen werden", sagt Anja Liermann und erklärt, dass eidesstattliche Erklärungen immer wieder vorkämen. Vor allem bei einstigen Asylbewerbern, deren Sprachkurse beispielsweise rentenwirksam sind, oft aber nicht mehr nachgewiesen werden können.

Auch bei schlechten Nachrichten lässt Anja Liermann niemandem im Regen stehen

Und so forscht Anja Liermann weiter akribisch in Lebensläufen. Eine Arbeit, die ihr Freude macht. Auch wenn sie manchmal schlechte Nachrichten überbringen muss. Aber auch damit lässt sie die Menschen nicht im Regen stehen. „Ich versuche, sie an die Hand zu nehmen, zu unterstützen und ihnen mit meinen Kollegen aufzuzeigen, wo sie Hilfe bekommen können." Ein Hilfe, die immer häufiger notwendig wird.

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