Haller Chefarzt: „Wir sind alle auf Prognosen gepolt“

Dr. Michael Feltkamp berichtet im HK täglich aus dem Haller Klinikum.

Johnny Dähne

Dr. Feltkamp - © Privat
Dr. Feltkamp (© Privat)

Halle. Dr. Michael Feltkamp berichtet im HK täglich aus dem Haller Klinikum:

Jeden Tag passiert etwas Neues im Klinikum – was auf eine Art faszinierend ist, allerdings auch sehr anstrengend. In meinen 35 Jahren Dienstjahren als Chirurg habe ich viel gesehen und mir Routinen angeeignet, die mir die Arbeit erleichtern. Egal um was es geht – man hat einen Plan. Das ist in diesen Corona-Zeiten anders.

Ein Beispiel: Die Dialysepraxis auf dem Klinikgelände wird von einigen Menschen aufgesucht, die Covid-19 haben. Auch die Fahrer dieser Patienten sind mit Schutzkleidung ausgestattet. So weit, so gut. Uns ist jetzt aber aufgefallen, dass der Container für die getragene Schutzkleidung der Rettungsdienstfahrer, der bei einer Dialyse anfällt und draußen landet, keinen Deckel hatte. Da muss natürlich einer drauf! Das sind die täglichen Unwägbarkeiten. Sachen, die wir morgens bei der Besprechung geklärt zu haben glaubten, sind nachmittags manchmal schon wieder Makulatur, weil die Praxis nach einer anderen Lösung verlangt.

Die Zahlen im Krankenhaus – aktuell haben wir zwei Corona-Patienten und vier weitere Verdachtsfälle – sind zuletzt relativ beständig. Es scheint so, als ob das exponentielle Wachstum nicht in dieser Heftigkeit zuschlägt, wie wir es befürchten müssen. Aber: Wir sind alle so auf Prognosen gepolt, dass wir immer wissen wollen, wie die Zukunft aussieht. Nehmen Sie die nächste Bundestagswahl: Da gibt es ständig Prognosen – und am Ende kommt doch gerne auch anders. Das ist hier ähnlich, weil keiner exakt vorhersagen kann, wie es weitergeht. Das Coronavirus ist so neu, dass jede seriöse Vorhersage – zumindest mittel- bis langfristig – auch wegen der Inkubationszeit sehr, sehr schwierig ist.

Mit Blick auf die Zahlen scheinen die Maßnahmen aber zu wirken – auch wenn sie uns stark einschränken. Denken Sie an die Menschen im Altenheim, die keinen Besuch empfangen dürfen. Für viele Demenzkranke ist das nicht zu begreifen, warum die Familie im Moment nicht kommt. Die psychosozialen Folgen sind zu spüren, doch am Ende bleibt dieser Einschnitt zum Wohle aller richtig und wichtig.

Dr. Michael Feltkamp (62) ist Chefarzt für Allgemeinchirurgie am Haller Klinikum und berichtet exklusiv für das Haller Kreisblatt über seinen Dienst im heimischen Krankenhaus.

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