Abiturstress ohne Ende: Was sagen Lehrer, Eltern und Schüler dazu?

In gut drei Wochen sollen die Abi-Prüfungen starten. Parallel wird über alternative Wege für den Schulabschluss in Coronazeiten nachgedacht. Eine Option fällt durch.

Uwe Pollmeier

Im Kreisgymnasium Halle sollen die Abiturklausuren wie vorgesehen nach den Osterferien starten. - © Uwe Pollmeier
Im Kreisgymnasium Halle sollen die Abiturklausuren wie vorgesehen nach den Osterferien starten. (© Uwe Pollmeier)

Halle. Der Osterurlaub an der Nordsee ist gestrichen, in den Restaurants bleibt bis Ende April die Küche kalt, und Olympia gibt es erst 2021. In Zeiten von Corona steht das Leben still und Planungen für die Zukunft verpuffen oftmals schon, kurz nachdem sie getroffen wurden. Dennoch hat das NRW-Schulministerium am Mittwoch entschieden, dass die Abiturprüfungen wie geplant nach den Osterferien starten sollen.

Ziel sei es, so erklärte Bildungsministerin Yvonne Gebauer, auf der Grundlage von Prüfungen zu einem Abitur zu kommen. Den genauen zeitlichen Ablauf will das Ministerium heute vorstellen. Der aktuelle Jahrgang könne sich darauf verlassen, dass ihm keine Nachteile entstünden. Ein Plan, der bei Schulleitern, Eltern und Schülern in Halle Anklang findet, aber auch Zweifel hervorruft.

Schulleiter Berufskolleg

„Bisher wissen wir noch nicht, ob die Schule wirklich wieder am 20. April starten kann“, sagt Dietmar Hampel, Leiter des Berufskollegs. Er selbst schätze die Wahrscheinlichkeit, dass in gut drei Wochen wieder der Schulalltag beginnt, jedoch nicht so hoch ein.

„Sollte es am 20. April wirklich weitergehen, könnten alle Prüfungen stattfinden. Das wäre die einfachste Lösung und es gebe keine Probleme“, sagt Hampel. Nach jetzigem Stand steht direkt für den Montag die Klausur im ersten Leistungskurs auf dem Stundenplan.

Gleichwohl fügt Hampel an, dass keinen Schulbetrieb befürworte, wenn die Infektionsgefahr durch das Coronavirus noch zu hoch sei. Man hätte jedoch noch ein wenig Luft im Kalender, wenn man die Nachschreibetermine Mitte Mai als reguläre Klausurtermine nutze. „In jedem Fall müsste aber der Unterricht wieder zeitnah nach den Osterferien beginnen“, sagt Hampel. Sollte jedoch weiterhin der Präsenzunterricht ausfallen und die Schulen möglicherweise bis zu den zehn Wochen nach den Osterferien beginnenden Sommerferien gar nicht mehr oder nur noch kurzzeitig ihre Klassenräume öffnen, wären Abiturprüfungen wohl kaum umsetzbar.

„Ich bin allerdings klar dagegen, das ganze Schuljahr zu wiederholen“, sagt Hampel. Davon halte er aus mehreren Gründen gar nichts. Schließlich liefe das Schuljahr schon seit dem Sommer und sei zum größten Teil um. Daher sei es unfair, die bisherigen Leistungen zu annullieren. „Zudem hätte das weitreichende Konsequenzen für die anschließenden Berufswege“, sagt Hampel. Ausbildungs- und Studienplätze für den Herbst wären hinfällig, sämtliche Planungen müssten verworfen werden.

„Ich könnte mir daher gut vorstellen, die bisherigen Leistungen zusammenzufassen und daraus eine Abschlussnote zu bilden“, sagt Hampel mit Blick auf die rund 70 Schüler, die in diesem Sommer ihr Abitur am Berufskolleg machen wollen. Schließlich habe man die abiturrelevanten Leistungen aus drei Schulhalbjahren sowie die ersten Klausuren aus dem aktuell in den Pausenmodus versetzten zweiten Halbjahr der Jahrgangsstufe 13.

Schulleiter KGH

Unsere Schülerinnen und Schüler sind gut auf das Abitur vorbereitet. Es macht aus unserer Sicht keinerlei Probleme, mit den Prüfungen wie vorgesehen am 21. April zu beginnen“, sagt Markus Spindler, Direktor des Kreisgymnasiums. Dis sei jedoch nur die schulische Sicht. Inwieweit davon aus Seuchenschutzgründen abzuraten sei, müssten die Experten entscheiden. „Sollten wir dann nicht beginnen können, macht es aus unserer Sicht wenig Sinn, die Prüfungen zu verschieben. Zwei Wochen später wird die Situation keine wesentlich andere sein“, sagt Markus Spindler.

Die Abiturienten hätten sich gut vorbereitet, jedoch halte solch eine Vorbereitung erfahrungsgemäß auch nicht ewig. „Für eine Wiederholung des Schuljahres gibt es keinen Grund, da der Unterrichtsstoff vollständig behandelt wurde“, ergänzt der KGH-Leiter. Es wäre auch aus Kapazitätsgründen schwer vorstellbar, plötzlich und gänzlich unvorbereitet ab dem Sommer einen zusätzlichen Jahrgang zu beschulen. „Wenn das Abitur nicht zu den vorgesehene Terminen stattfinden kann, plädiere ich für die Vergabe ohne Prüfungen“, sagt Spindler. 67 Prozent der Leistungen seien bereits erbracht. „Es wäre völlig unproblematisch, daraus eine vollständige Abiturnote zu berechnen“, sagt Spindler.

Elternvertreter

„Wir haben eine noch nie da gewesene Situation, die uns alle extrem fordert“, sagt Detlef Voßhans, Vorsitzender der Schulpflegschaft am KGH. Als Elternvertreter hege er die Hoffnung, dass die Politik es schafft, eine gemeinsame Lösung zu finden. „Die Kultusminister müssen einheitliche Standards und Termine setzen, um eine möglichst gerechte Prüfungssituation für alle zu schaffen“, fordert Voßhans. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass dieser Abiturjahrgang ein minderwertiges Abitur erwerbe.

„Niemand von uns kann voraussagen, wie lange wir noch mit dieser Ausnahmesituation umgehen müssen. Ich persönlich finde, dass die Zeit für mutige Entscheidungen gekommen ist“, sagt Voßhans. Diese sollten jedoch stets mit Bedacht, nach bestem Wissen und unter Berücksichtigung der Einschätzungen des jeweiligen Zeitpunktes getroffen werden. „Was auch immer die Politik entscheiden wird, ich wünsche allen Abiturienten viel Erfolg. Ich weiß, sie haben viel dafür getan“, sagt der Schulpflegschaftsvorsitzende des Kreisgymnasiums.

Schüler

Der erste Schock war bereits, dass der letzte Schultag um drei Wochen vorgezogen wurde und wir kaum eine Chance hatten, uns von unseren Lehrern, Schülern und generell von der Schule zu verabschieden“, sagt Juliana Schröter, Schülersprecherin am KGH und angehende Abiturientin. Man sei ins Homeoffice geschickt und dort mit ausreichend Material versorgt worden.

„Zum Glück hatten wir in den meisten Fächern schon den gesamten Stoff für das Zentralabitur fertig, in anderen Fächern müssen wir uns das Fehlende nun selbstständig erarbeiten“, ergänzt Schröter. Da dies gut funktioniere, sehe sie keine Gefahr fürs Abitur. „Wir haben jetzt ja auch mehr Zeit, um uns darauf vorzubereiten, da ja auch fast alle Hobbys wegfallen“, ergänzt sie.

Sollte der Fall eintreten, dass die Schulen nicht nach den Osterferien öffnen, wäre das in gewisser Weise sogar ein Vorteil. „Es gebe dann viele Räume und Lehrer, so dass man die Gruppen einfach auf mehrere Räume aufteilen könnte und zwischen den Prüflingen könnten große Abstände eingehalten werden, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren“, sagt Schröter. Es seien ja nicht immer alle 80 Abiturienten gleichzeitig da. Am Tag der Französisch-Prüfung kämen nur acht Schüler.

„Die Wiederholung des Schuljahres würde keinen Sinn ergeben, da viele ab August eine Ausbildungsstelle haben, ins Ausland gehen wollen oder ein Studium beginnen“, sagt die Schülersprecherin. Auch ein Durchschnittsabitur ohne Prüfungen wäre ihrer Ansicht nach keine gute Alternative. „Ich kann mir vorstellen, dass solch ein Abitur nicht mit den vorherigen gleichgestellt wird, da uns 30 Prozent der eigentlichen Note fehlen“, sagt Schröter. Man bereite sich schon seit zwei Jahren auf den Moment vor. Da wäre es, so Schröter, fast schade und eher ein Nachteil, wenn die Prüfungen wegfallen würden.

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