Corona-Krise: Physiotherapeuten fühlen sich im Stich gelassen

Fitnessstudios und Massagepraxen haben geschlossen. Physiotherapie gibt es weiterhin, aber Patienten kommen kaum noch. Ohne staatliche Hilfe wird die Finanzlage kritisch.

Uwe Pollmeier,Alexander Heim

Physiowelt am Hamlingdorfer Weg - © Alexander Heim
Physiowelt am Hamlingdorfer Weg (© Alexander Heim)

Altkreis Halle. Als Stefan Wöstmann am vergangenen Sonntag die Worte von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hörte, war er sich zunächst nicht sicher, ob er am nächsten Tag noch seine Physiotherapiepraxis in Halle öffnen darf. „Ich war verunsichert, weil Armin Laschet verkündete, dass Massagepraxen nicht mehr öffnen dürfen", sagt Wöstmann. Kurz habe er gestutzt, dann sei ihm aber klar gewesen, dass er zur Gruppe der medizinischen Grundversorger gehört, und er somit weiterhin seinen Patienten ganz nah sein wird.

Abstandsregeln sind oft nicht einzuhalten

Die Verunsicherung habe er aber vor allem bei seinen Patienten gespürt. „Viele riefen in den vergangenen Tagen an und fragten, ob sie überhaupt noch kommen dürfen", sagt Wöstmann. Sofern eine ärztliche Verordnung vorliegt, darf er mit seinem Team tätig werden; natürlich mit einem Höchstmaß an Hygiene und Vorsicht. „Den vorgeschriebenen Abstand können wir aber nicht immer gewährleisten", sagt Wöstmann. Daher verzichteten viele Patienten derzeit auf einen Besuch in seiner Praxis, so dass die Zahl der Behandelten aktuell wohl etwa nur halb so hoch ist wie in den Zeiten ohne Corona.

Physiotherapeut Stefan Wöstmann aus Halle.  - © Physiotherapiepraxis Wöstmann
Physiotherapeut Stefan Wöstmann aus Halle.  (© Physiotherapiepraxis Wöstmann)

Die Praxis einfach schließen ist aber nicht möglich, es sei denn, ein Patient mit einer Coronainfektion stünde im Zimmer. Dann müsste man den Betrieb vorerst einstellen und erhielte staatliche Hilfe. So aber gibt es nur Geld für jede Behandlung und deren Anzahl wird halt immer kleiner. Den Ernst der Lage hat auch der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) erkannt, der von der Politik einen Schutzschirm für seine Mitglieder fordert. „Unter den Heilmittelerbringern wächst in diesen Tagen allerorts die Verzweiflung. Grund ist, dass wegen der Corona-Krise immer mehr Patienten ihre Behandlungstermine absagen. Die selbstständigen Praxisinhaber bringt das immer näher an den Rand des wirtschaftlichen Ruins", heißt es in dem Schreiben des ZVK.

„Am Freitag verabschiedet der Bundestag voraussichtlich ein erstes Gesetz für einen Rettungsschirm, bei dem wir Heilmittelerbringer noch nicht berücksichtigt werden sollen. Deshalb drängt die Zeit", sagt Birgit Walkenhorst-Koslik aus Werther, Miteigentümerin einer Praxis für Physiotherapie in Dornberg. Wenig optimistisch blickt auch das Team der Steinhagener Physiotherapiepraxis Neumann in die Zukunft. Man habe sich erst kürzlich vergrößert und darauf gesetzt, in diesem Jahr richtig durchstarten zu können. Nun müsse man befürchten, dass dieses Vorhaben scheitert.

„Wir waren alle nicht Skifahren und sind alle gesund", erzählt Leonie Schildmann augenzwinkernd. „Die Ärzte stellen weiterhin Rezepte aus", erläutert die 27-Jährige vom Team der Physiowelt am Hamlingdorfer Weg in Borgholzhausen zudem. Folglich läuft der Betrieb auch hier weiter. Bei einer ärztlichen Verordnung oder im medizinischen Notfall darf behandelt werden. Dabei stellt sich natürlich die Frage, was als medizinischer Notfall gilt.

Altenheime lassen die Türen zu

„Natürlich stirbt keiner, wenn er nicht von uns behandelt wird", ist Leonie Schildmann bewusst. Doch mittelfristig hat eine Unterbrechung der Behandlung natürlich negative Effekte. „Vier Monate ohne Behandlung bei Rückenschmerzen – das hat Auswirkungen."

„Die Altenheime lassen keine Physiotherapeuten mehr rein", beleuchtet Schildmann ein weiteres Problemfeld. „Wir sind aber verpflichtet, unserePatienten zu behandeln." Ein Dilemma, in dem die Physiotherapeuten sich derzeitbefinden. Natürlich reagiert man in den Praxen auf die besondere Situation. In derPhysiowelt hat man den Wartebereich entzerrt, um die Vorgaben einzuhalten. „Wir schicken die Patienten möglichst umgehend in die Behandlungsräume", sagt Schildmann. Hände waschen und desinfizieren gelte für die Therapeuten ebenso wie für die Patienten. Und Schutzmasken? „Da kommen wir aktuell nicht dran", räumt Leonie Schildmann ein. „Wir werden durch den Staat nicht beliefert." Mundschutz muss selbst vonden Praxen besorgt werden.

„Was wir an Schutzmaßnahmen ergreifen können, das machen wir", erklärt Lena Koch-Hartke von Pium Sports. „Wir haben ein Schild vor der Tür, dass wir die Patienten einzeln abholen", berichtet die gelernte Arzthelferin. Mundschutz undHandschuhe sind Alltag. „Die Patienten sollen sich vor und nach der Behandlung die Hände desinfizieren. Zudem bitten wir sie, möglichst nicht bei uns zur Toilette zu gehen."

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