Überwältigende Hilfsbereitschaft rettet den Mittagstisch

Der Mittagstisch der evangelischen Kirchengemeinde hat zu Spenden aufgerufen. Die Verantwortlichen erleben eine riesige Solidarität.

Heiko Kaiser

Annette Seidensticker hatte die Idee und holte den Gastronomen Denis Mann ins Boot. Hier präsentiert sie die beiden Eimer Suppe, die anschließend natürlich in die Kühlung gewandert sind. - © Heiko Kaiser
Annette Seidensticker hatte die Idee und holte den Gastronomen Denis Mann ins Boot. Hier präsentiert sie die beiden Eimer Suppe, die anschließend natürlich in die Kühlung gewandert sind. (© Heiko Kaiser)

Halle/Steinhagen. Es sind Geschichten wie diese, welche die Tage erträglicher machen. Weil sie Hoffnung stiften. Und Zuversicht. Zuversicht, dass mit Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn diese schwierigen Zeiten gemeistert werden. Geschichten, getragen von Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe.

In der vergangenen Woche hatte sich der Gemeindereferent der evangelischen Kirchengemeinde, Sebastian Plath, in einem eindringlichen Aufruf an die Mitarbeiter und Förderer des Mittagstisches gewandt. Zuvor musste die Kirchengemeinde aufgrund der Auflagen die wöchentliche Abgabe von Lebensmitteln an Bedürftige und das Mittagessen im Gemeindehaus absagen. Stattdessen wurde das Projekt „Mittagstisch unterwegs" ins Lebengerufen. „Wenn sie nicht kommen dürfen, kommen wir zu ihnen." Unter diesem Motto packen die Mitarbeiter des Mittagstisches Tüten mit Lebensmitteln und stellen sie bedürftigen Menschen vor die Tür.

Große Mengen an Lebensmitteln sind nicht erhältlich

Doch auch dieses Vorhaben wird durch die aktuelle Situation gefährdet. „Die Tafelausgaben sind geschlossen, günstige Produkte fast überall ausverkauft. Ich habe verschiedene Lebensmittelmärkte angeschrieben. Ich war sogar bereit, den normalen Einkaufspreis zuzahlen. Doch die Mengen, die ich brauche, sind nicht zu bekommen.Weder im Einzelhandel, noch in den Großmärkten." So beschreibt Sebastian Plath das Problem und rief deshalb dazu auf, bei persönlichen Einkäufen einige Teile mehr zu erwerben und sie dann in bereitgestellte Boxen vor dem Martin-Luther-Haus zu legen. Mit überwältigendem Erfolg: Bereits einen Tag nach dem Aufrufstapeln sich Dosen, Kaffeepäckchen, Kartoffelnetze, Nudeln, Kinderspiele und Hygieneartikel auf sieben Tischen im Eingangsbereich.

Den Aufruf zur Spende hatte auch Annette Seidensticker bekommen und sich an ein Gespräch mit dem Steinhagener Koch Denis Mannerinnert. Der Inhaber des Restaurants Mann & Metzger am Kirchplatz hatte in der vergangenen Woche beklagt, dass er im Falle einer Schließung viele Lebensmittel entsorgen müsse. „Sonntagabend kam mir die Idee, ob er die stattdessen nicht für den Mittagstisch verkochen könnte", sagt die 49-Jährige. Er konnte. Am Montag bereitete Denis Mann eine Kartoffelsuppe für etwa 50 Personen zu, die Annette Seidensticker im Martin-Luther-Haus ablieferte. Für den Koch aus Steinhagen eine Frage der Solidarität. „Auch wir haben durch die Schließung große Probleme. Doch für Menschen, denen es sowieso schon schlecht geht, für die ist es womöglich noch viel schwieriger. Nur wenn wir alle zusammenhalten, können wir es schaffen", sagt er und bietet seine Unterstützung und sein Fachwissen auch für künftige Aktionen an. „Bevor mir hier die Decke auf den Kopf fällt", sagt er und lacht.

Für einige ist es die einzige warme Mahlzeit in der Woche

Sebastian Plath, den alle nur „Sepp" nennen, kann damit zumindest an diesem Mittwoch viele Menschen nicht nur Lebensmittel, sondern auch eine warme Mahlzeit bieten. „Es ist Ende des Monats, und nicht wenige der Mittagstischgäste haben kein Geld mehr, um Nahrungsmittel zu kaufen. Für einige ist es die einzige warme Mahlzeit in der Woche", sagt er. Beeindruckt hat ihn die Solidarität der Bedürftigen untereinander. „Wir haben mit vielen telefonisch Kontakt aufgenommen. Und tatsächlich haben einige von ihnen erklärt, man müsse sie nicht berücksichtigen. Mit der Begründung, es gebe doch andere, denen es noch schlechter gehe.

Dennis Mann - © Heiko Kaiser
Dennis Mann (© Heiko Kaiser)

Annette Seidensticker, Denis Mann, Sebastian Plath, viele Spender aus Halle, die Mitarbeiter des Mittagstisches und sogar deren Gäste – sie alle schreiben in diesen Tagen an Geschichten. Geschichten von Solidarität, von Mitgefühl und Zusammenhalt. Geschichten von Nächstenliebe, die hoffnungsstiftend sind. Geschichten, an die man sich erinnern wird, wenn die Tage wieder bessere sind.

Der Mittagstisch ist weiter auf Spenden von Lebensmitteln sowie Dingen des täglichen Bedarfs angewiesen. Dazu stehen vor dem Martin-Luther-Haus Boxen bereit. Auch Geldspenden sind möglich.

Abstand, um Nähe zu zeigen

Auch die Mitarbeiter des Mittagstisches sind in diesen Tagen vor besondere Herausforderungen gestellt. Natürlich gelten auch für sie die Auflagen der Kontaktbeschränkung. So müssen sie sowohl beim Packen der Tüten als auch bei der Auslieferung den gebotenen Abstand einhalten. Deshalb wird im Martin-Luther-Haus unter anderem in verschiedenen Räumen gearbeitet. Mit Handschuhen und auf Distanz. Auch bei der Lieferung gilt es, den Kontakt zu minimieren. „Wir klingeln, stellen die Tüte vor die Tür und werden aus der Distanz winken", sagt Sebastian Plath. Sowohl für die Belieferten als auch für die Mitarbeiter ist das eine ungewöhnliche Situation, da das soziale Miteinander und der Austausch zentrale Anliegen des Projektes sind.

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