Einkaufstour wird zum Horrortrip: Hauswirtschafterin wird beschimpft

Annette Schäper muss in großen Mengen einkaufen, das bringt ihr Beruf mit sich. Was ihr aber in Zeiten von Hamsterkäufen und Klopapierkriegen zwischen Supermarktregalen widerfährt, lässt sie ratlos zurück

Anke Schneider

Annette Schäper arbeitet in einer Behinderteneinrichtung und muss daher oft in großen Mengen einkaufen. Damit kommen Toilettenpapierfanatiker, Mehlhamster und H-Milch-Junkies nicht klar. - © Privat
Annette Schäper arbeitet in einer Behinderteneinrichtung und muss daher oft in großen Mengen einkaufen. Damit kommen Toilettenpapierfanatiker, Mehlhamster und H-Milch-Junkies nicht klar. (© Privat)

Halle. Seit Tagen gibt es in vielen Märkten kein Toilettenpapier und auch das Nudelregal oder das Fach mit dem Mehl ist zwischenzeitlich leer. Oliver Speicher hat seit vergangenen Donnerstag eine Mengenbegrenzung in seinem Markt eingeführt – um Hamsterkäufer auszubremsen und jedem Kunden die Möglichkeit zu bieten, einzukaufen, was er wirklich braucht.

Und doch gibt es Menschen, die zwangsweise mehr einkaufen müssen. Dazu gehört auch Annette Schäper, Hauswirtschafterin in einer Behinderteneinrichtung in Halle. Gemeinsam mit ihrer Kollegin versorgt und bekocht sie 34 Menschen mit Behinderung. Sie darf größere Mengen einkaufen – das hat ihr in der vergangenen Woche jedoch eine Menge Ärger eingebracht.

Notwendiger Großeinkauf führt zu vielen Anfeindungen

„Wir hatten einen Einkaufswagen voll mit Obst und Gemüse und einen zweiten mit haltbaren Lebensmitteln, darunter auch einige Tüten Mehl“, erzählt die 65-Jährige. „Ich wollte mit unseren Bewohnern, die ja nun nicht mehr zur Arbeit können, gemeinsam backen.“

In der vergangenen Woche wurde die Einkaufstour jedoch zum Spießrutenlauf. Mehrfach wurde die Hauswirtschafterin im Laden angefeindet. „Die Menschen nannten mich „Raffer“, der den anderen alles wegnimmt“, berichtet die Frau. Ein anderer sagte, er wolle sie anzeigen und ein weiterer Kunde habe das Kehle-durchschneiden-Zeichen gemacht. Als Annette Schäper dann auch noch von einer Frau an der Kasse angepöbelt wurde, reichte es ihr. „Mir kamen die Tränen, ich konnte nicht mehr.“

Annette Schäper appelliert daher an die Menschen, doch bitte auch darüber nachzudenken, dass es tatsächlich Leute gibt, die berufsbedingt in größeren Mengen einkaufen müssen. Dazu gehören betreute Wohngruppen, Behinderteneinrichtungen und Altenheime. „Der Alltag ist jetzt eh schon schwer genug“, berichtet die Hauswirtschafterin, da einige Bewohner natürlich nicht verstehen würden, warum sie nicht mehr raus dürfen, und deswegen manchmal auch aggressiv werden.

Großhandel statt Unterstützung der heimischen Betriebe

In ihrer Not, so Annette Schäper weiter, habe sie nun für die kommende Woche Lebensmittel beim Großhandel bestellt. „Ich wollte das gar nicht, denn wir wollen natürlich die heimische Wirtschaft unterstützen“, sagt sie. So eine Einkaufstour wie in der vergangenen Woche wolle sie jedoch nicht noch einmal erleben.

Oliver Speicher bestätigt, dass es derzeit den einen oder anderen Kunden mit dünnem Nervensystem gebe. „Das sind aber vielleicht drei von 1.000“, sagt er. Die allermeisten würden sich zu seiner Freude höchst vorbildlich verhalten. „Die Abstände werden akkurat eingehalten und die Menschen sind ruhig und geduldig“, sagt er. Mit der Mengenbeschränkung kämen die Kunden offenbar gut klar, seien verständnisvoll und bisweilen auch erleichtert. „Ich wünsche mir sehr, dass das so bleibt“, sagt er. Dann könne die schwierige Zeit auch gut gemeistert werden.

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