Digital: Der Corona-Virus revolutioniert den Musikunterricht

Wegen der Coronakrise unterrichten die Musikschule Halle und die Kreismusikschule Gütersloh quasi aus dem Stand heraus nur noch digital. Die ersten Erfahrungen sind positiv. Doch für die Schulen steht auch viel auf dem Spiel.

Matthias Gans,Uwe Pollmeier

Dorothee Heimann, Lehrerin der Musikschule Halle, unterrichtet digital Querflöte – heute per Skype mit Juliana Schröter. Foto: Musikschule Halle - © Musikschule Halle
Dorothee Heimann, Lehrerin der Musikschule Halle, unterrichtet digital Querflöte – heute per Skype mit Juliana Schröter. Foto: Musikschule Halle (© Musikschule Halle)

Altkreis Halle. In Zeiten der Coronakrise muss auch die Musikschule Halle ganz neue Wege gehen. Da der gewohnte Unterricht derzeit nicht mehr möglich ist, wird der Einzelunterricht für einige Instrumente auf digitale Medien umgestellt. „Bis jetzt haben wir sehr viele positive Rückmeldungen bekommen", sagt die stellvertretende Schulleiterin Birgit Schröter. Ein gutes Beispiel dafür ist Dorothee Heimann, die derzeit per Skype Querflötenunterricht gibt. Leider klappt das gemeinsame Musizieren nicht, aber neue Passagen können geübt werden. Alexander Schumacher unterrichtet Schülerin Neele Boll ebenfalls über das Handy. Er sieht so genau die Griffweise seiner Schülerin und kann korrigierend eingreifen.

„Wir versuchen über dieses Unterrichtsformat den Musikschulbetrieb aufrechtzuerhalten. Die Kontaktaufnahme erfolgt nach Absprache, üblicherweise zu den normalen Unterrichtszeiten", sagt Schröter. Die Eltern und Schüler seien sehr dankbar dafür, dass der Unterricht so fortgeführt werden könne. „Dieses Modell ersetzt natürlich nicht den persönlichen Kontakt, aber es bringt etwas Normalität in diese Zeit."

Klavierton kommt aus dem Laptop

Leider müssen jedoch die Kunstkurse und Sing- und Spielkreisgruppen ausfallen. Hierfür wird zunächst im April keine Unterrichtsgebühr eingezogen. Für Rückfragen ist die Musikschule per Mail unter musikschulehalle@web.de erreichbar.

Miriam Köpke, Leiterin der Kreismusikschule Gütersloh, unterrichtet via App ihre Gesangsschülerin Carina Schmikale. Foto: Matthias Gans - © Matthias Gans
Miriam Köpke, Leiterin der Kreismusikschule Gütersloh, unterrichtet via App ihre Gesangsschülerin Carina Schmikale. Foto: Matthias Gans (© Matthias Gans)

Und auch bei der Kreismusikschule in Gütersloh ist es eigentlich wie immer: die Noten, diesmal von Beethoven, stehen aufgeschlagen auf dem Pult des Klaviers. Ausdrucksvoll spielt Greta Schlautmann aus der „Pathétique"-Sonate. Ihr Lehrer Peter Kreutz beugt sich weit vor, um seiner Schülerin genau auf die Finger zu schauen. „Sehr gut", lobt er, dass Greta den korrekten Fingersatz genommen hat. Dass das Klavier etwas blechern klingt, dafür kann die 18-Jährige nichts.

Denn der Ton dringt aus den Lautsprechern eines Laptops. Schülerin und Lehrer sitzen weit voneinander entfernt. Sie daheim, irgendwo in der Gütersloher Innenstadt. Er in seinem Unterrichtszimmer im Alten Amtsgericht in der Königstraße. Beide sind per Skype miteinander verbunden. Musikunterricht 2.0. Allerdings nicht ganz freiwillig.

"Ich habe mich am Anfang gesträubt"

Seit Anfang der Woche wird an der Kreismusikschule wegen der Coronavirus-Pandemie nur noch online unterrichtet, der reguläre Betrieb fällt aus. Peter Kreutz ist der einzige Lehrer, der sich im alten Gebäude aufhält. Und er gibt ehrlich zu: „Ich habe mich, wie immer bei etwas Neuem in der Klassik, dagegen zunächst gesträubt. Jetzt bin ich glücklich, dass wir unseren Schülern diese Alternative bieten können."

Vor zwei Wochen hätte er sich nicht vorstellen können, Unterricht am Laptop zu geben. Doch das Coronavirus hat an der Kreismusikschule in kürzester Zeit etwas bewirkt, was eigentlich erst nach und nach hätte geschehen sollen: die Digitalisierung des Unterrichts. Den hatte sich Miriam Köpke schon vor einem Jahr auf die Fahnen geschrieben, als sie die Leitung der Kreismusikschule übernahm. Im Januar hatte es einen ersten Workshop gegeben, jetzt könne, so schätzt Köpke, ihre Einrichtung eine der ersten Musikschulen sein, die diesen Weg so konsequent geht.

Auch Skype wird genutzt

„Am Freitag habe ich meine Kolleginnen und Kollegen gefragt, wer am Online-Unterricht Interesse hat, da war die Schließung der Schulen von der Politik noch gar nicht beschlossen", erklärt Köpke. Gleich 20 haben sich spontan gemeldet. „Ein großartiges Ergebnis", lobt sie. Am Sonntag folgte noch ein Motivationsvideo. Am Montag gab es schon den ersten Unterricht. Und am kommenden Montag ist der Online-Unterricht für alle Lehrer verpflichtend. Highspeed-Digitalisierung.

Und die erfolgt auf verschiedenen Wegen. Genutzt wird, was an Geräten privat vorhanden ist: Laptop, PC, Smartphone. Letzteres wird vor allem von den Schülern gern genommen. Auch die verwendeten Programme sind verschieden. Oft wird Skype genutzt, doch auch der Messenger-Dienst Signal, den auch die Polizei verwendet, ist im Einsatz. „Er ist hinsichtlich des Datenschutzes der sicherste", sagt Miriam Köpke. „Was am besten funktioniert, hängt auch von den einzelnen Geräten ab. Und von der Verbindung daheim. Denn von dort unterrichten die Lehrer."

„Ich bin 50 plus, diese Technik ist nicht meine Welt."

Für viele ihrer jüngeren Kollegen ist die digitale Kommunikation eine Selbstverständlichkeit. „Aber wir hatten auch ältere Kollegen, da mussten wir zuhause erstmal das WLAN einrichten." Für diese hatte sie auch Laptops angemietet. Eine Kollegin sitzt in der ansonsten menschenleeren Kreismusikschule mit Miriam Köpke am Tisch, gemeinsam über ein Handy gebeugt, dabei den weitestmöglichen Abstand wahrend, und lässt sich eine bestimmte App erklären. „Ich bin 50 plus, diese Technik ist nicht meine Welt." Aber sie will sich bemühen. „Notfalls hilft meine Tochter", so die Lehrerin.

Zur Einsicht in die digitale Notwendigkeit kommt auch Druck hinzu. „Uns treibt nicht nur die pädagogische Leidenschaft. Es geht für uns auch um die Existenz. Die ersten Mails von Eltern, ob und wann sie das Unterrichtsgeld erstattet bekommen, liegen schon vor." Die Ausgaben bleiben, darunter die Gehälter der festangestellten und tariflich bezahlten Lehrer.

Musikunterricht bringt Normalität in den Alltag

Doch viele reagierten auch begeistert auf das Angebot. „Die Eltern sind dankbar, dass mit dem Musikunterricht auch etwas Normalität im Alltag der Kinder einkehrt", sagt Peter Kreutz. „Und auch für uns ist es wichtig, dass auf diese Weise der Kontakt zu den Schülern nicht abreißt. Sonst bricht alles zusammen." Das gelingt, obwohl die Unterrichtsform sich geändert hat.

„Fast alle meiner Schüler sind dabei, der Unterricht ist sehr fruchtbar. Aber ich muss genauer erklären und den Unterricht penibler vorbereiten", sagt der stellvertretende Schulleiter Eckard Vincke. Zudem räumt er ein, dass nicht alles gleich gut funktioniert. Im Duett spielen gehe nicht, weil zu viel Zeitversatz in der Übertragung sei. Auch am Klang könne man kaum arbeiten. „Aber das holen wir nach der Coronakrise nach", verspricht Vincke.

Ergänzung? Ja! Aber kein langristiger Ersatz für herkömmlichen Unterricht

Fest steht: Digitaler Unterricht kann den herkömmlichen auf jeden Fall ergänzen, aber nicht völlig ersetzen. Schon deshalb, weil Gruppenunterricht kaum möglich ist. Auch die musikalische Früherziehung fällt aus, ebenso der Kunstunterricht. Kunstpädagogin Barbara Körkemeier will diesen in Workshops im Sommer nachholen. Dennoch steht für Miriam Köpke fest: „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und jetzt einen richtigen Schritt in die Zukunft getan." Ein Virus macht’s möglich.

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