Haller muss für Corona-Test kämpfen - bestätigte Fälle im Altkreis

Ein 32-Jähriger aus Halle kehrt krank aus dem Skiurlaub in Ischgl zurück. Am Telefon werden seine Beschwerden als Erkältung abgetan. Nur, weil die Familie hartnäckig bleibt, wird der Mann schließlich doch getestet.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Halle. Im Kreis Gütersloh sind mindestens zwei weitere Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Die beiden Männer waren mit fünf Freunden, alle aus dem Altkreis Halle kommen, bis Montag im österreichischen Ischgl im Skiurlaub. Bislang gilt Tirol in Österreich nicht als Corona-Risikogebiet, doch nach Angaben der Tiroler Landesregierung haben sich in den vergangenen Tagen mehr als 15 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Die Folge: Die Aprés-Ski-Bars wurden bereits geschlossen und am Samstag wird Ischgl als erstes Skigebiet in Österreich komplett gesperrt. Trotzdem werden die Männer mit ihren Beschwerden bei den Behörden nicht ernst genommen. Eine der betroffenen Familien berichtet von den schwierigen vergangenen Tagen.

„Wenn wir nicht hartnäckig darum gekämpft hätten, dass mein Mann auf das Coronavirus getestet wird, wäre er heute zur Arbeit gegangen und hätte damit unwissentlich seine Kollegen und viele weitere Kontakte gefährdet", erklärt die Frau des infizierten 32-Jährigen Hallers. „Wir verstehen, dass nicht alle Menschen mit Erkältungssymptomen getestet werden können und müssen, aber wenn jemand deutliche Symptome zeigt und zuvor in einem Gebiet unterwegs war, in dem sich schon mehrere Menschen infiziert haben, dann sollten die Sorgen der Betroffenen nicht einfach abgetan werden."

Am Telefon heißt es: "Sie sind nicht am Coronavirus erkrankt."

Doch genau das passiert dem 32-Jährigen und seiner Familie. „Wir hatten ein ungutes Gefühl, weil mein Mann am Montag mit Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Husten und Durchfall zurück aus Ischgl kam. Wir wollten die Beschwerden abklären lassen und haben uns wie vorgeschrieben bei der Telefonnummer 116117 gemeldet", erklärt die 31-Jährige. Doch da heißt es nach langer Wartezeit lediglich: „Sie sind nicht am Coronavirus erkrankt, sondern haben eine Erkältung."

Die Familie wendet sich an das zuständige Gesundheitsamt des Kreises Gütersloh und wird an den Hausarzt verwiesen. Da der 32-Jährige jedoch keinen Hausarzt hat, weil sein Arzt Ende 2019 die Praxis aus Altersgründen geschlossen hat, versucht er es bei mehreren Allgemeinmedizinern. „Doch die haben uns alle abgewiesen", sagt die Hallerin.

Für den Corona-Test fährt der Betroffene beim Arzt mit dem Auto vor

Am Mittwoch, zwei Tage nach seiner Rückkehr aus Ischgl, erreicht der 32-Jährige zum ersten Mal einen Mediziner, der seine Beschwerden ernst nimmt. „Bei der Hausärztin seiner Mutter durfte mein Mann am Mittwoch mit dem Auto vorfahren, damit eine Angestellte einen Abstrich aus dem Rachen nehmen konnte." 24 Stunden später das Ergebnis: Der Test ist positiv. Mindestens ein weiterer Mitreisender ist ebenfalls infiziert. „Die Ergebnisse der anderen Tests stehen noch aus. Auch die Freunde meines Mannes wurden von den Behörden ständig weiter verwiesen und nicht ernst genommen. Zudem haben sich aus der Reisegruppe noch nicht alle testen lassen, obwohl alle Symptome zeigen."

Der 32-Jährige und seine Frau verhalten sich nach der Rückkehr aus Ischgl trotzdem richtig. „Wir haben meinen Mann von anderen Menschen abgeschirmt. Zum Glück auch von meinen Eltern, die bereits 80 Jahre alt sind und mit uns im Haus leben", erklärt die 31-Jährige. „Doch Kontakt zu mir und unserer fünf Monate alten Tochter hatte mein Mann natürlich." Die Familie wartet nun auf Anweisungen vom Gesundheitsamt. „Doch auch jetzt geht der Irrsinn weiter, denn wir werden von einer Stelle zur nächsten verwiesen, weil offenbar überall Personal und Informationen fehlen. Überall herrscht Chaos."

Die betroffene Familie wünscht sich eine zentrale Anlaufstelle

Die Familie wünscht sich wie viele andere Betroffene auch eine zentrale Anlaufstelle für jeden Kreis. „So gut wie alles wird auf die Hausärzte abgeladen, die doch eh schon täglich mit sehr vielen Patienten in ihren überfüllten Praxen zu kämpfen haben und auch nicht entsprechend ausgerüstet sind", moniert die 31-Jährige. „Unser Fall zeigt, dass das System in Deutschland auf die Ausbreitung des Coronavirus nicht vorbereitet ist, weil berechtigte Sorgen von Betroffenen abgetan werden. Hätten wir auf die Einschätzung der Experten vertraut, die man über die 116117 erreicht, hätte mein Mann sehr viele Menschen anstecken können." Die 31-Jährige kritisiert, dass so die Panik in der Bevölkerung verstärkt wird. „Dabei sollte das System doch alles dafür tun, dass keine Panik ausbricht."

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