Chef fällt depressivem Mitarbeiter in den Rücken - drei Arbeitslose berichten

Drei Betroffene berichten von ihrem Schicksal als Langzeitarbeitslose und Hartz-IV-Bezieher. Berufscoach Matthias Kretschmer muss in vielen Fällen das Selbstbewusstsein der Menschen wieder aufbauen.

Detlef Hans Serowy

Matthias Kretschmer ist Diplom-Pädagoge und arbeitet als Berufscoach beim freien Bildungsträger Intal in Halle. Er kennt die negativen Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit und Hartz-IV-Bezug und arbeitet mit Betroffenen dagegen an. Foto: Detlef Hans Serowy - © Detlef Hans Serowy
Matthias Kretschmer ist Diplom-Pädagoge und arbeitet als Berufscoach beim freien Bildungsträger Intal in Halle. Er kennt die negativen Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit und Hartz-IV-Bezug und arbeitet mit Betroffenen dagegen an. Foto: Detlef Hans Serowy (© Detlef Hans Serowy)

Halle. Was die Langzeitarbeitslosigkeit aus und mit den Menschen macht, Matthias Kretschmer weiß es ganz genau. Der 55-jährige Diplom-Pädagoge arbeitet beim freien Bildungsträger Intal in Halle und versucht, Betroffenen wieder ein Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu geben.

„Wir bauen eine Leiter aus dem beruflichen Loch“, sagt der Bielefelder und blickt aufmunternd in die Runde. Drei seiner Klienten sind bereit, von ihren Erfahrungen zu berichten. Ihre Namen möchten sie nicht in der Zeitung lesen, eine Geschichte haben aber alle zu erzählen.

„Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn jemand viele Bewerbungen schreibt und immer nur Absagen erhält“, erklärt Kretschmer. „Wenn ein Erwachsener nach einem Jahr Arbeitslosigkeit Hartz IV erhält und von 432 Euro im Monat leben soll, wirkt sich das auch auf die Psyche aus.“

Das Geld ist knapp, kann aber reichen

Renate (alle Namen geändert) klagt nicht. „Ich komme mit dem Geld gut klar“, sagt die 52-Jährige aus Steinhagen. Man könne natürlich nicht mehr alles machen und müsse die Aktivitäten einschränken, räumt sie ein. Sie belastet besonders stark, „nichts zu tun zu haben“.

Das war nicht immer so. Als Leiharbeiterin ist die gelernte Friseurin gern bei einem metallverarbeitenden Betrieb in der Produktion tätig. „Ich wurde gemobbt“, klagt die Mutter zweier erwachsener Kinder. Nach einer Halswirbel-Operation eskaliert die Situation.

„Die Vorarbeiterin hat mir gesagt, ich hätte keinen Bock auf die Arbeit.“ Auch für angeblich schlechte Stimmung im Betrieb soll sie verantwortlich sein. Sie hält den Druck nicht aus und bittet die Leiharbeitsfirma um einen anderen Arbeitsplatz. Dann bekommt sie 2017 die Kündigung.

„Ich möchte in einem Familienbetrieb mit der Hand arbeiten und nicht in Schicht tätig sein“, lauten die bescheidenen Wünsche der 52-Jährigen. Auf ihre Bewerbungen bekommt sie häufig keine Antwort. Eine Umschulung traut sie sich nicht zu. „Ich habe mich durch die Schule gequält.“

Die Scheidung zog die Arbeitslosigkeit nach sich

Bei Sabine aus Werther liegt der Fall anders. Sie stammt aus Polen, ist 36 Jahre alt und hat keinen Beruf gelernt. „Nach acht Jahren Schule habe ich mit 17 meinen Mann getroffen und wir sind nach Deutschland gegangen.“ Sabine bekommt eine Tochter und arbeitet in der Firma des Ehemannes. Nach der Trennung fällt sie in ein berufliches Loch. Sie betreut ihre heute 18-jährige Tochter und macht Ein-Euro-Jobs. Eine Ausbildung traut sie sich nicht zu, Perspektiven kann sie nicht erkennen und muss weinen, wenn sie darüber nachdenkt. „Mir fehlen zu Hause soziale Kontakte.“

Während einer Depression fiel sein Chef ihm in den Rücken

Klaus aus Halle hat gegenüber den beiden Frauen einen fast unschätzbaren Vorteil. Er ist gelernter Tischler und Holzmechaniker. Der 32-Jährige wird durch eine schwere Depression aus der beruflichen Bahn geworfen. „Ich habe für meine Arbeit gelebt“, bekennt er.

Schlimme Angstzustände quälen ihn sehr, er vertraut sich seinem Chef an und wird bitter enttäuscht. „Einen Tag später bekam ich die Kündigung.“ Den folgenden Rechtsstreit gewinnt der 32-Jährige zwar, aber die Stelle ist weg. Eine Therapie bringt ihn wieder auf die Beine.

Klaus ist auch ein Beispiel dafür, wie Menschen von der Not anderer profitieren wollen. „Er hatte erfolgreich ein Praktikum als Hausmeister gemacht“, berichtet Matthias Kretschmer. Die Firma will ihn anstellen und 2,50 Euro pro Stunde zahlen. „Einfach unglaublich“ findet das der Pädagoge.

Der Berufscoach motiviert, zeigt Wege und Chancen auf

Um Klaus macht er sich keine Sorgen. „Für ihn werden wir schon etwas finden“, sagt Kretschmer optimistisch. Auch Klaus vertraut auf die Zukunft und wünscht sich Arbeit in einer kleinen Tischlerei. „Diese Geschichte hat einen selbstbestimmten Ausgang“, glaubt Matthias Kretschmer.

Bei Renate und Sabine sieht das anders aus. Der Berufscoach motiviert, zeigt Wege und Chancen auf und macht den Frauen immer wieder Mut, sich etwas zuzutrauen. Renate zeigt nach einer Weile Interesse an einer Weiterbildung. „Den Weg müssen wir weitergehen“, so der Coach.

Sabine ist mutlos und quält sich mit der Frage, was sie eigentlich tun will und kann. „Sie hat ein unglaubliches künstlerisches Talent“, weiß Matthias Kretschmer. Ein Praktikum habe gezeigt, dass die 36-Jährige in der Gestaltung tolle Anlage besitze. Sie selbst kann das kaum glauben.

Orientierung, Struktur und soziale Interaktion

Voll des Lobes sind alle Betroffenen über die Maßnahme, an der sie teilnehmen. Die „Berufskompetenzwerkstatt“ bei Intal wird für sechs Monate von der Agentur für Arbeit finanziert. „Hier geht es um Orientierung, Struktur, Kümmerung und soziale Interaktion in der Gruppe.“

Die Werkstätten von Intal stehen zur Verfügung, wenn Teilnehmende einen Beruf ausprobieren wollen. Matthias Kretschmer nutzt sein Netzwerk, um Praktikumsstellen zu vermitteln, und hilft bei Formalitäten. „Es ist Erwachsenenbildung, am Ende muss jeder seinen eigenen Weg finden.“

Ein tägliches Ziel hilft den Betroffenen

„Wir sind eine Megagruppe“, sagt Klaus. Er freut sich darüber, dass er in den Praktika andere Tätigkeiten ausprobieren kann. Sabine freut sich über die sozialen Kontakte und denkt am Ende sogar darüber nach, eine Ausbildung zur Mediengestalterin zu machen.

„Du musst noch so lange arbeiten, da lohnt sich das auf jeden Fall“, betont Matthias Kretschmer. Es sei bei Sabine aber noch ein langer Weg, räumt er ein. Renate freut sich darüber, dass sie „zu Hause nicht mehr die Wände ansehen muss“. Es tue ihr gut, täglich ein Ziel und etwas zu tun zu haben.

Matthias Kretschmer ist in seinem Element, aber die Mittagspause rückt näher und deshalb endet das Gespräch. „Das war richtig gut“, sagt der dagoge zufrieden und hat wieder einige Stufen an der Leiter heraus aus dem beruflichen Loch mit und für Renate, Sabine und Klaus gebaut.

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