Klimawandel und Seuchen: Warum der Erhalt uralter Tierrassen sinnvoll ist

Landwirte und Züchter im Altkreis Halle engagieren sich für den Erhalt uralter Haus- und Nutztierrassen. Dieses Engagement ist durchaus selten geworden. Dabei könnten wir mit Blick auf den Klimawandel und mögliche Seuchen eines Tages darauf angewiesen sein.

Carolin Hlawatsch

1013: Susanne Schneiker-Bekel und Thomas Bekel haben ihre Schafe – hier die Rauwolligen Pommerschen Landschafe - zum Ablammen in den trockenen Stall gebracht. Die Lämmer werden schwarz geboren und hellen nach einiger Zeit unterschiedlich stark auf. Kopf und Beine bleiben dunkel. - © Carolin Hlawatsch
1013: Susanne Schneiker-Bekel und Thomas Bekel haben ihre Schafe – hier die Rauwolligen Pommerschen Landschafe - zum Ablammen in den trockenen Stall gebracht. Die Lämmer werden schwarz geboren und hellen nach einiger Zeit unterschiedlich stark auf. Kopf und Beine bleiben dunkel. (© Carolin Hlawatsch)

Altkreis Halle.Viele Leute denken bei dem Begriff Nutztier an schwarz-weiße Kühe oder rosa Schweine. Stimmt, so sieht die Mehrheit der Nutztiere heute tatsächlich aus. Was wenige wissen: Es gibt eine große und teils obskur aussehende Vielfalt an Kuh-, Ziegen-, Schweine-, Schaf-, Esel- und Geflügelrassen. Die Frage ist nur, wie lange noch.

Es sind Rassen, die zu früheren Zeiten, vor der Mechanisierung der Landwirtschaft, auf unseren Weiden grasten. Heute sind viele von ihnen vom Aussterben bedroht, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Aufgaben wie das Ziehen eines Pflugs gingen für sie verloren. Bevorzugt werden die Nutztiere, die möglichst schnell, möglichst viel Milch, Fleisch und Eier produzieren – sogenannte Hochleistungs-Rassen. Dabei hat man die Vorteile der urigen Rassen, wie zum Beispiel „Widerstandsfähigkeit gegen Wetter und Krankheit", aus den Augen verloren.

Schnatternde Schar: Die Lippegans ist die früheste, schon 1860 nachgewiesene, Gänserasse Westfalens. Heute gilt ihr Bestand als extrem gefährdet. - © Carolin Hlawatsch
Schnatternde Schar: Die Lippegans ist die früheste, schon 1860 nachgewiesene, Gänserasse Westfalens. Heute gilt ihr Bestand als extrem gefährdet. (© Carolin Hlawatsch)

Weltweit stirbt jeden zweiten Monat eine Nutztierrasse aus

„Gegenwärtig stirbt weltweit jeden zweiten Monat eine Nutztierrasse aus", verkündet der Verein und Tierpark »Arche Warder – Zentrum für alte Haus- und Nutztierrassen e.V.«. Zum Glück gibt es einige Züchter und Landwirte, die versuchen, diese traurige Entwicklung aufzuhalten und den Verlust von wertvollen genetischen Ressourcen und Kulturgut zu verhindern. Zu ihnen gehört Familie Schneiker-Bekel aus Halle. Auf ihrem Biohof Ascheloh und den zugehörigen Weiden laufen alte, bedrohte Landschafrassen wie das Waldschaf, die Skudde, das Rauhwollige Pommernschaf und die Graue Gehörnte Heidschnucke. Mit deren Haltung leisten die Schneiker-Bekels nebenbei auch einen Beitrag zum Naturschutz. Die fast ganzjährig draußen gehaltenen, robusten Schafe betreiben durch Abgrasen Landschaftspflege. Sie halten ursprünglich offene Flächen vor Verbuschung frei und sorgen damit für artenreiches Grünland und einen Lebensraum für Insekten und Kleinstlebewesen.

Andreas, Wiebke und Gerhard Maaß (von links) mit Großspitz Arthos und den 17 Glanrindern im Offenstall. - © Carolin Hlawatsch
Andreas, Wiebke und Gerhard Maaß (von links) mit Großspitz Arthos und den 17 Glanrindern im Offenstall. (© Carolin Hlawatsch)

Angefangen hatte alles 2013 mit einer Anzeige im Wochenblatt. „Wir wollten damals auf unserem Hof etwas ändern, wollten die Flächen nicht mehr verpachten, sondern selbst nutzen, brauchten dafür Tiere und entdeckten im richtigen Moment die Anzeige mit den Waldschafen", blickt Susanne Schneiker-Bekel zurück. So sei die Familie eher zufällig in die Thematik »Alte Haus- und Nutztierrassen« eingetaucht, die heute zu ihrer Passion geworden ist. Über 80 Schafe leben auf dem Biohof Ascheloh. Die meisten von ihnen stehen jetzt in der Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel im Stall, obwohl sie ganzjährig draußen gehalten werden können. „Wir nehmen die Tiere kurz vor der Lämmerzeit herein. Das hat zwei Gründe: Zum einen haben wir im Stall bessere Kontrolle über die frisch geborenen Lämmchen", erklärt Thomas Bekel. „Zum anderen schreibt der Tierschutz, der nicht groß zwischen empfindlichen und robusten Rassen unterscheidet, vor, dass Schafe im Winter nicht draußen auf der Weide lammen sollen."

Schwimmschweine: Die kroatischen Turopolje-Schweine Trudi und Ludwig leben in der Arche Warder. Ursprünglich aus Auen-Gebietn stammend, springen sie gerne ins Wasser und können sogar tauchen. - © Carolin Hlawatsch
Schwimmschweine: Die kroatischen Turopolje-Schweine Trudi und Ludwig leben in der Arche Warder. Ursprünglich aus Auen-Gebietn stammend, springen sie gerne ins Wasser und können sogar tauchen. (© Carolin Hlawatsch)

Es gibt nicht sehr viele Züchter dieser selten gewordenen Schafrassen und so zog es bereits interessierte Besucher auf den Hof der Schneiker-Bekels. Unter ihnen Bruder Isidor aus dem Benediktinerkloster Meschede, der in Ascheloh einen Waldschafbock kaufte, diese Rasse nun auch züchtet und deshalb mit im Boot der Arterhaltung sitzt.

Die Schafe in Ascheloh wachsen ganz natürlich auf, dürfen sich Zeit lassen beim Zunehmen. „Deswegen liefern sie ein besonders leckeres und gesundes Fleisch", versprechen die Schneiker-Bekels ihren Kunden, die das Bio-Fleisch nach Absprache erwerben können.

Vom „schmackhaften Fleisch alter Rassen", die nicht zur Befriedigung der Fleisch-Ess-Lust der Massen schnell hochgefüttert werden, schwärmt auch Familie Maaß aus Werther. Seit fast 20 Jahren halten sie vom Aussterben bedrohte Glanrinder, die bei ihnen im Sommer auf der Weide und im Winter im Offenstall leben. 17 Kopf stark ist ihre Herde inzwischen, die mit der vom Niederrhein stammenden Kuh Babsi aufgebaut wurde. „Die Kälbchen werden bei uns im Frühjahr geboren und bleiben bis Ende Herbst bei ihren Müttern im Herdenverband.

Sechs Monate Muttermilch satt und Power für die Aufzucht

Somit bekommen sie mindestens sechs Monate Muttermilch satt und haben viel Power für die weitere Aufzucht", erklärt Gerhard Maaß. Neben ihm neckt Großspitz Arthos eines der gutmütigen Rinder. Der Großspitz gehört übrigens auch zu den bedrohten Haus- und Nutztierrrassen, genau wie die Lippegänse, die schnatternd auf dem Hofweier eine Runde ziehen.

Um Rassen wie das Glanrind erhalten zu können, müsse man sie „nutzen". „Arterhaltung funktioniert hier tatsächlich auch durch Aufessen", betont Bauer Maaß, der das Fleisch der Glanrinder auch im Hofladen anbietet. Damit ist er gleicher Meinung wie der Verein »Slow Food Deutschland e.V.«, der Glanrinder als Passagiere in seine »Arche des Geschmacks« aufgenommen hat. Dieses Projekt schützt regional bedeutsame Lebensmittel, Nutztierarten, Kultur-pflanzen sowie traditionelle Zubereitungsarten vor dem Vergessen und Verschwinden.

Wie selten die urigen Rassen geworden sind, verdeutlicht die »Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V.« (GEH) in ihrer Roten Liste. Es gibt nur noch 1.035 im Zuchtverband erfasste Glandrinder. Der Liste entnimmt man außerdem, dass nur noch 1.268 Waldschafe und 2.639 Skudden in Deutschland existieren (Stand 2017). Zum Vergleich: Von der leistungsstarken Milchviehrasse Holstein-Rind gibt es über 1,7 Millionen registrierte Zuchttiere in Deutschland.

Alle Haus- und Nutztiere wurden von den Menschen aus Wildformen gezüchtet. Aus dem Wolf wurde der Hund, aus dem Wildschwein das Schwein, aus dem Auerochsen das Rind. Je nach Standort wurde die Zucht den Bedürfnissen des Menschen angepasst: trittsichere Rinder im Gebirge, nahrungsmäßig anspruchslose Esel, Schafe und Ziegen in kargen Gegenden. Auch wenn wir heute auf den ersten Blick nicht mehr auf diese Rassen angewiesen sind, könnte ihre genetische Vielfalt zukünftig doch überlebenswichtig für uns werden, denn der Ausbruch einer Seuche oder Umweltveränderungen und Klimawandel könnten einer überzüchteten und empfindlichen Rasse leicht den Garaus machen.

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