Feuergefahr: Wie sicher sind die Kirchen im Kreis Gütersloh?

Weil die Gotteshäuser nicht der Versammlungsstättenverordnung unterliegen, kann es bei Bränden schnell brenzlig werden. Laut Brandschutzingenieur Sylwester Kabat brennt es in Gotteshäusern häufiger, als man denkt.

Oliver Herold

Am 22. August 2019 verschaffte sich die Gütersloher Feuerwehr einen Überblick über die Gegebenheiten vor und in der Martin-Luther-Kirche. - © Andreas Frücht
Am 22. August 2019 verschaffte sich die Gütersloher Feuerwehr einen Überblick über die Gegebenheiten vor und in der Martin-Luther-Kirche. (© Andreas Frücht)

Kreis Gütersloh. Die vielen Tausend Besucher, die zur Weihnachtszeit in die Kirchen strömen, um dort Christi Geburt zu feiern, denken wohl nur in den seltensten Fällen an Themen wie Brandschutz und Feuergefahr. Zwar sind die Kirchen für die Gottesdienste sichere Orte, für den Schutz vor Feuer und Brandrauch sind sie jedoch nicht immer gerüstet, sagt Brandschutzingenieur Syl-wester Kabat.

Viel Holz, dafür aber kaum oder nicht sichtbare Feuerlöscher oder Löschdecken, keine Brandschutztüren, Rauchmelder oder Löschanlagen, dazu wenige, zuweilen versperrte oder gar verschlossene und zudem schlecht ausgeschilderte Fluchtwege, die eine Evakuierung bei einem Brand schwierig gestalten: „Im Falle eines Feuers in einer voll besetzten Kirche kann es schnell sehr gefährlich werden, vor allem, wenn das Gotteshaus Emporen oder mehrere Ebenen hat", sagt Kabat, der bis zu seiner Pensionierung im April 2018 in Gütersloh als Kreisbrandamtsrat tätig war.

Kerzen als Brandursache sind nicht das Problem

Sein Spezialgebiet ist noch immer der Brandschutz in historischen Gebäuden, insbesondere in Kirchen und Klöstern. Seit 40 Jahren trägt er Informationen zu Bränden und ihren Ursachen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen, und das, was er berichtet, klingt ernüchternd. „Brennt es erst einmal, ist so ein Feuer für die Einsatzkräfte nur schwer zu löschen", sagt er und verweist auf die Brände in der Pariser Kirche Notre-Dame im April, der St.-Peter-Kirche in Düsseldorf im Juni 2007 oder der Bar-tholomäuskirche in Bielefeld-Brackwede im Februar 1990.

Das Problem für die anrückenden Wehren sei nämlich, dass besonders bei Bränden im Dach oder im Turm ab einem gewissen Punkt ein Domino-Effekt einsetze, in dessen Folge in kürzester Zeit der gesamte hölzerne Dachstuhl in Flammen stehen könne. „Eine Bekämpfung ist dann schwierig, weil die Feuerwehrleute wegen der Einsturzgefahr nicht mit Atemschutz ins Gebäude können, um den Brand von innen zu bekämpfen", sagt Kabat. Und auch von außen könne sich der Löschvorgang schwierig gestalten, die meisten Drehleitern reichten nur bis in 30 Meter Höhe, ein Kirchturm sei oft 60 Meter und mehr hoch. Zudem müsse auch davon ausgegangen werden, dass dieser einstürze – entweder nach innen oder auf den Vorplatz.

Der Brand der Bartholomäuskirche in Brackwede am 21. Februar 1990 ist dem ein oder anderen sicher noch in Erinnerung. - © Detlef Kropp
Der Brand der Bartholomäuskirche in Brackwede am 21. Februar 1990 ist dem ein oder anderen sicher noch in Erinnerung. (© Detlef Kropp)

Als mögliche Brandursache hat Kabat drei Hauptpunkte ausgemacht. Zum einen könne ein Feuer, wie wahrscheinlich im Fall von Notre-Dame, durch Reparatur- und Dacharbeiten ausgelöst werden. Vor allem aber kämen defekte oder falsch genutzte elektrische Anlagen und Geräte wie beispielsweise Orgelmotoren sowie wenig gewartete Kabel oder Anschlüsse, die nicht selten in den zumeist hölzernen Dachböden oder in der Sakristei verlegt seien, als Zündquelle in Frage. Ferner müsse man auch mit Brandstiftung rechnen, beispielsweise durch einen Molotow-Cocktail, der gezielt in eine Kirche oder über ein Baugerüst aufs Dach geworfen werden könnte.

„Die letzten beiden Punkte sind meiner Meinung nach die Hauptursachen für Kirchenbrände", sagt Kabat, der aktuell an seinem neuen Fachbuch über die Thematik schreibt. Kerzen hingegen seien eher nicht als Problem zu sehen, „es sei denn, sie stehen zu nahe an Bildern oder hölzernen Skulpturen oder werden für eine Brandlegung in offenstehenden Kirchen missbraucht".

Dass die Kirchen überhaupt solchen Gefahren ausgesetzt sind – in Gütersloh nennt der 67-Jährige namentlich die Martin-Luther- und die St.-Pankratius-Kirche – ergibt sich aus ihrer Nutzungsart als Versammlungsräume, aus ihrer liturgischen und kunstvollen Ausstattung sowie aus ihrer Bauart.

Anders als beispielsweise Konzerthallen unterliegen die Kirchen in Deutschland nicht der Versammlungsstättenverordnung beziehungsweise, wie es in Nordrhein-Westfalen heißt, der Sonderbauverordnung. „Diese gilt nämlich nicht, wenn in den Kirchen liturgische Veranstaltungen wie Gottesdienste stattfinden. Werden sie zu anderen Veranstaltungen genutzt, zum Beispiel für Konzerte, bei denen Eintritt erhoben wird, sind auch die Vorschriften der Sonderbauverordnung zu beachten", erläutert Kabat.

Zu deutsch: Es gibt keine gesetzlichen Verpflichtungen seitens der Kirchen, das Kirchengebäude den Vorschriften für Versammlungsstätten anzupassen. Allerdings gelten für Kirchengebäude sonst die für „alle geltenden Gesetze", wie etwa die Landesbauordnung, die Unfallverhütungsvorschriften, die Arbeitsstättenverordnung oder das Landesgesetz über den Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz.

Es gibt in Deutschland keine Statistiken über Brandursachen

Somit müssten auch in Kirchen einige betriebliche Brandschutzmaßnahmen umgesetzt werden. Andere, vor allem die baulichen und technischen, seien nicht vorgeschrieben. Der Gütersloher Feuerwehr sind diese Fakten natürlich bekannt. Erst im Sommer dieses Jahres gab es drei Ortsbegehungen, eine an der Martin-Luther- und zwei an der Pankratius-Kirche, „damit wir im Ernstfall wissen, was uns erwartet", erläutert der Gütersloher Brandamtsrat Wolfgang Pollmeier.

Denn neben der Rettung von Menschenleben und den Löscharbeiten im Allgemeinen stelle ein Kirchenbrand die Feuerwehr vor zusätzliche Herausforderungen. Ein wichtiger Punkt sei beispielsweise die Bergung oder Bewahrung von Kunstschätzen oder sakralen Gegenständen.

Wiebke Heine, Pfarrerin in der Martin-Luther-Kirche, weiß natürlich um den Sonderstatus der Kirchen, sieht aber ihr Gotteshaus gegen einen möglichen Brand gut gerüstet: „Wir haben Feuerlöscher an allen Ausgängen, die natürlich regelmäßig gewartet werden", sagt sie. Außerdem gebe es Rauchmelder in den Toiletten und insgesamt fünf Fluchtwege, bei denen sich die Türen von innen ohne Schlüssel öffnen ließen. „Selbst wenn es Heiligabend brennen würde, haben wir kein Problem, die 1.200 Besucher locker nach draußen zu bekommen."

Möglichkeiten für effektiven Brandschutz gebe es indes einige, berichtet Sylwester Kabat. Zwar seien die für Wohnungen vorgeschriebenen Rauchmelder in Kirchen wegen des dort verwendeten Weihrauchs ungeeignet, doch gebe es mittlerweile infrarot gesteuerte Modelle, wie sie beispielsweise im Dom in Münster verwendet würden. „Allerdings sind maximal 10 bis 15 Prozent aller Kirchen damit ausgestattet, weil es keine Verpflichtung gibt", so der Experte. Auch Löschanlagen fänden sich außer im Aachener Dom seines Wissens nach nur noch in der Wieskirche in Steingaden. Kabat empfiehlt als erste Maßnahme zumindest Feuerschutztüren zu installieren und auf Feuerlöscher, Löschdecken und Fluchtwege hinzuweisen. „Da gibt es heutzutage dezente Möglichkeiten", sagt er. Denn selbst wenn es nur leicht brennt, könne der Schaden „durch die Rußablagerungen enorm" sein.

Kabat schätzt, dass einmal pro Woche eine Kirche brennt

Kabat geht es übrigens nicht darum, Panik zu verbreiten, sondern das Bewusstsein für die Gefahren zu schärfen. „Da in Deutschland keine Statistiken über Brandursachen geführt werden, gibt es auch keine über die Anzahl von Kirchenbränden", sagt er. Nach seinen Recherchen, und das klingt ziemlich erschreckend, gebe es pro Jahr durchschnittlich jede Woche einen. Allerdings, und das ist die gute Nachricht, seien bisher keine Toten zu beklagen.

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