Künsebecks beste Botschafterin und ihre Liebe zum hässlichen Entlein

Friederike Hegemann ist die neue Vorsitzende der IGKB. Und kämpft für einen Ort, den sie liebt. Gerade weil er nicht der schönste ist.

Marc Uthmann

Gefragt nach ihrem Künsebecker Lieblingsort antwortete Friederike Hegemann sofort mit dem Kalkwerk. Weil sie den Blick vom »silbernen Ludwig« genannten Turm auf ihr Heimatdorf so sehr liebt. Und man sieht: Die Höhe macht fröhlich.  - © Marc Uthmann
Gefragt nach ihrem Künsebecker Lieblingsort antwortete Friederike Hegemann sofort mit dem Kalkwerk. Weil sie den Blick vom »silbernen Ludwig« genannten Turm auf ihr Heimatdorf so sehr liebt. Und man sieht: Die Höhe macht fröhlich.  (© Marc Uthmann)

Halle-Künsebeck. Ein Foto an ihrem Lieblingsplatz – da musste Friederike Hegemann nicht lange überlegen. „Kalkwerk“ hat sie spontan zurückgeschrieben, als es darum ging einen Termin zu vereinbaren. Nun stapft sie mit dessen Geschäftsführer Henrik Müller durch den Schlamm zu einer Treppe, die hoch hinaus führt. Nicht ohne unterwegs mit ihm noch das neueste Projekt für Künsebeck zu besprechen: Eine Natursteinmauer soll unter der Regie der Kirchengemeinde am Kindergarten entstehen, gesponsert und unterstützt vom Kalkwerk. „Ich habe da schon die richtigen Leute gefunden“, sagt die 37-Jährige, die von vielen nur „Freddy“ genannt wird.

Mit dem Rad durchs Dorf

Wenn es um Künsebeck geht, fragt man eben Freddy. Weil sie im Dorf geboren ist. Weil sie es nie verlassen hat – und das auch nie tun möchte. Aber es ist nicht die Angst vor Neuem, die sie in Künsebeck hält. Es ist die Liebe zu ihrer Heimat, die sie nicht missen möchte. Friederike Hegemann selbst drückt es weniger hochtrabend aus: „Meine Omma hätte gesagt: Es sitzt da so inne.“ Die Hegemanns leben „seit ewig“ im Haller Ortsteil, Friederike machte als Kind mit dem Fahrrad das Dorf unsicher, spielte in den Abrisshäusern, erkundete jeden Schleichweg. „Künsebeck ist nicht schön. Aber ich habe schöne Dinge hier erlebt, meine Freunde leben hier – niemand von ihnen ist weggegangen.“

Künsebecker Gestalterin

Bis hierher ist es eine Geschichte über das Mädchen vom Land, die sich vielerorts so abgespielt haben könnte. Doch Friederike Hegemann ist anders. Weil sie sich nicht damit begnügt, ihr Dorf zu lieben. Sondern weil sie sich in den Kopf gesetzt hat, seine Zukunft mitzugestalten. Und zwar in einer vielfältigen Art und Weise, die erstaunlich ist. Die 37-Jährige engagiert sich im Vorstand und als Trainerin beim TV Künsebeck, sie mischt im Vorstand der Tennisabteilung mit, ist Mitglied im AWO-Ortsverein, vielfältig engagiert in der Kirchengemeinde und nun auch noch Vorsitzende der 125 Mitglieder starken Interessengemeinschaft Künsebecker Bürger (IGKB).

Bloggerin auf kuenske.de

All diese Facetten bündelt sie als Dorfbloggerin auf der Website „kuenske.de“ – seit nunmehr 15 Jahren gibt es dieses Portal mit Neuigkeiten und Veranstaltungen, mittlerweile unter Regie der IGKB. Alles, was Künsebeck betrifft – vom Kinderpunsch beim Weihnachtsmarkt bis zur politischen Beratung über die Zukunft der einstigen Mülldeponie – versucht Friederike Hegemann hier abzubilden. Keine Frage, dass sie auch in den sozialen Netzwerken fleißig unterwegs ist, um ihr „Dorf hinterm Deich“ bekannt zu machen. „Der Slogan bezieht sich auf den Lärmschutzwall am Ravenna-Park. Er wurde durchaus kontrovers diskutiert – kommt bei den Leuten aber mittlerweile an“, sagt die Künsebeckerin und grinst ein wenig schelmisch.

Das ungeliebte Kind

Ihre Bemühungen kreisen darum, dem Ortsteil ein Gesicht zu geben. „Wenn Halle mehrere Kinder hat, sind wir das ungeliebte“, erklärt Friederike Hegemann ihren Antrieb mit einem Klischee. „Das stimmt vielleicht nicht, aber wir wollen trotzdem zeigen, was hier entstehen kann.“ Seine Probleme schleppt Künsebeck seit Jahrzehnten mit sich herum: Flachsröste, Kalkwerk, Bundesstraße und Mülldeponie verpassten dem Dorf einen Stempel als Industrie- und Arbeiterviertel. Dann kamen die Autobahn und das Gewerbegebiet Ravenna-Park, das noch wachsen soll. „Es ging immer so weiter“, sagt Freddy – und verweist auf ein geflügeltes Wort: „Vorne Dreck, hinten Dreck, in der Mitte Künsebeck. Aber ich finde das gar nicht so schlimm, denn das bedeutet: Wir sind mittendrin, eine Perle in Ostwestfalen.“

Das Wir ist wichtig

Das Wir ist Friederike Hegemann wichtig, die Idee eines Porträts von ihr in der Tageszeitung findet sie zunächst fast anstößig. „Es geht doch um Teamarbeit. Nur zusammen können wir hier was erreichen – und wir haben gerade ein tolles Team.“ Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, was die Interessengemeinschaft Künsebecker Bürger bewege. „Wir stellen politische Anträge, kümmern uns um die Verschönerung im Dorf.“ Die Gestaltung des Kreisels bei der Feuerwehr mit Lok und Lore etwa sei das Werk von Jörg-Olaf Knufinke aus der IGKB.

Heimat wird nicht zu eng

Die Vielfältigkeit der Interessen spiegelt sich auch in Friederike Hegemanns beruflichem Lebenslauf wider: Abi, Tischlerlehre, Studium der sozialen Arbeit in Bielefeld, Ausbildung zur Diakonin mit Einsegnung durch die Landeskirche – und nun der Job als Wohnberaterin bei der Arbeiterwohlfahrt. „Ich bin mit alten Menschen und ihren Nöten zusammen – aber ich sehe, dass etwas fertig wird und es ihnen besser geht“, erklärt die passionierte Läuferin ihren Antrieb. Auch dieser Job funktioniert in der Heimat – die ihr dabei nie zu eng wird. „Ich bereise Europa als Sportlerin. Mein Tourismus ist dann der Brüssel-Halbmarathon und meine Trophäe die Medaille für die Teilnahme. Jeder hat doch seinen Spleen.“

IGKB schaut genau hin

Für die IGKB sind Friederike Hegemanns Ziele indes nicht spleenig, sondern glasklar: „Wir wollen die Umgestaltung des Sportplatzes zu einem Gebiet für Naherholung ebenso begleiten wie die Zukunft der ehemaligen Mülldeponie. Und wir schauen auch bei der Erweiterung des Gewerbegebietes genau hin“, sagt die Vorsitzende. „In den 90ern gab es einen Slogan: Künsebeck – Wohnen im Grünen. Das halte ich noch heute für einen Scherz.“ Freddy arbeitet daran, dass es damit ein wenig ernster wird. Dabei wollte sie eigentlich gar nicht in die erste Reihe. „Weil ich keine gute Rednerin bin und viel mit Emotionen mache.“

Furchtloser Aufstieg

Doch es sind ihre Ideen, die Friederike Hegemann zur besten Künsebecker Markenbotschafterin machen – was der abschließende Aufstieg im Kalkwerk beweist. „Das ist der silberne Ludwig – eines unserer Wahrzeichen“, sagt sie und erklimmt unerschrocken die vielen Stufen des Förderturms bis zur Plattform hinauf. Der Lohn ganz oben: ein umwerfender Blick auf das Dorf hinterm Deich. „Ich würde gern mal an einem Sommerabend hier sitzen“, sagt Friederike Hegemann. Gut möglich, dass sie da was mit Henrik Müller ausknobelt.

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