Haller sind erschrocken, wie laut die A33 ist

Marc Uthmann

Die Hesselner können künftig über den roten Zaun hinweg die Lkw auf der A 33 zählen. - © Marc Uthmann
Die Hesselner können künftig über den roten Zaun hinweg die Lkw auf der A 33 zählen. (© Marc Uthmann)

Halle-Hesseln. Diese Ruhe überrascht. Die Rolandstraße in Hesseln liegt mittags im dichten Nebel, der über der Siedlung eine Glocke der Stille ausgebreitet hat. Typisch für einen Novembertag im ländlichen Raum. Kann doch gar nicht sein – dieser Gedanke schießt fast reflexartig durch den Kopf. Seit Montag donnern nicht weit entfernt ohne Unterlass Autos über die frisch freigegebene A 33. Und deren Lärm hat gerade die Hesselner gehörig erschreckt.

„Warte mal ab, hat mein Mann damals gesagt"

Heike Kobusch hat dem Haller Kreisblatt einen Leserbrief geschrieben, jetzt bittet sie zum Gespräch an ihren Küchentisch. „Wenn ich früher zu meinem Mann gesagt habe, wie laut die B 68 wieder ist, dann hat er geantwortet: Warte mal ab, bis der Autobahnlückenschluss kommt, dann gibt es Lärmschutz und wir hören nichts mehr."

Hesseln hat in der Autobahn 33 nun einen Nachbarn, an den sich das Dorf erstmal gewöhnen muss. - © Marc Uthmann
Hesseln hat in der Autobahn 33 nun einen Nachbarn, an den sich das Dorf erstmal gewöhnen muss. (© Marc Uthmann)

Entsprechend zuversichtlich hatte die 56-Jährige Mutter zweier Söhne der Freigabe entgegengeblickt – und war auf ihrer Terrasse dann mächtig erschrocken: „Der Lärm war so heftig, dass man meinen könnte, man wohnt direkt auf einer Autobahnraststätte", berichtet sie. Und wir wohnen in der Siedlung noch näher zur Bundesstraße 68. Die Menschen, die an Straßen näher zur Autobahn leben, trifft es noch schlimmer."

„Für die Menschen an der B 68 war der Lückenschluss wichtig"

Aber wie nur passt das zur herbstlichen Ruhe im Haller Ortsteil? „Heute ist es tatsächlich ruhiger", bestätigt Heike Kobusch. „Das liegt aus meiner Sicht zum einen am Nebel, der Schall schluckt. Und es ist auch immer eine Frage des Windes, wie viel Lärm ankommt." An diesem Mittwoch gibt es kaum ein Lüftchen. Bläst es hingegen wie zumeist von Westen, werden die Geräusche der Autobahn in die Hesselner Siedlung geweht.

Heike Kobusch ist häufig mit ihrem Hund unterwegs und hat sich vor kurzem beim Spaziergang entlang des Umspannwerks der Trasse genähert: „Die vermeintlichen Lärmschutzwände sind so niedrig, dass man die Lkw zählen kann, ohne auf der Brücke zu stehen. Die Auflieger sind höher als die Wände", klagt sie – und fügt an: „Für die Menschen an der B 68 war der Lückenschluss wichtig und davon, dass die Straße frei ist, profitieren wir ja auch. Aber warum wurden die Lärmschutzwände für die Menschen hier nicht höher gebaut?" In erster Reihe zur Autobahn wohnt Familie Jasper in der Hesselner Siedlung. „Auf unserer Terrasse und im Garten werden wir ab sofort nicht mehr in Ruhe sitzen können", sagt Jürgen Jasper.

„Bei offenem Fenster können wir nicht mehr schlafen"

„Auch im Haus nehmen wir das Rauschen der Autos deutlich wahr. Bei offenen Fenstern können wir seit Montag nicht mehr schlafen." Das Gebäude der Jaspers befindet sich rund 700 Meter Luftlinie von der Trasse entfernt. Am Montag und Dienstag, als der Wind aus Richtung Autobahn kam, sei die Belastung besonders hoch gewesen. „Und er kommt so gut wie immer aus dieser Richtung."

„Wir haben die primitivste Lösung bekommen"

Die Stadt Halle habe den Lärmschutz im Bereich Hesseln vernachlässigt, kritisiert Jürgen Jasper. Ein Blick nach Steinhagen zeige, dass es auch anders gehe: Dort habe die Gemeinde den Lärmschutz freiwillig und auf eigene Kosten optimiert.

„Warum hat die Stadt Halle nicht genauso im Interesse ihrer Bürger gehandelt? Wir haben in Hesseln die primitivste Lösung bekommen. Das ist lächerlich", ärgert sich Jasper. Künftig werde der Ortsteil durch die geplante Stromtrasse der Firma Amprion noch einmal zusätzlich belastet. Die Freileitung mit bis zu 80 Meter hohen Masten ist aufgrund der elektromagnetischen Strahlung hoch umstritten. Nicht wenige Hesselner fühlen sich allein gelassen.

Auch Ursula Stange geht am Mittwoch mit ihrem Hund in der Nähe der Trasse spazieren. „Hier im Bereich der Alten Holtfelder Straße ist es schon laut", sagt die Hesselnerin, die selbst im Bereich des Kindergartens wohnt. „Was den Lärm dämpft, ist der Wald", schildert sie ihre Eindrücke. „Aber für die Menschen an der B 68 ist der Lückenschluss toll. Einer muss eben immer leiden", sagt Ursula Stange und blickt zum Anwesen des Hesselner Landwirtes Jürgen von Morsey-Picard, der neben dem Umspannwerk mit Blick auf die Trasse wohnt.

„Wir werden uns dran gewöhnen"

Der gibt sich im Gespräch mit dem HK allerdings aufgeräumt: „Es ist etwas lauter, klar. Montag habe ich mich fürchterlich erschrocken. Aber da waren die Bedingungen auch besonders laut." Doch schließlich wollten ja auch alle fahren, betont der Landwirt – und fügt an: „Wir werden uns dran gewöhnen. Aber der Schall steigt ja auch auf – womöglich kommt er erst in der Siedlung richtig runter."

„Wenn es so bleibt, dann ist es in Ordnung"

Also noch mal auf in die Hesselner Randbereiche, wo es mit der Idylle der Menschen doch nun vorbei sein müsste. Nein, sagt Regina Koch. Sie wohnt an der Straße »An der Hessel« und sagt: „Montag war es schon sehr laut, aber mit diesem Rauschen kann ich leben. Wenn es so bleibt, dann ist es in Ordnung. Es hängt eben immer vom Wind ab." So klingt Gelassenheit – und die demonstriert auch Tommaso Galesi, als er am Stockkämper Weg bei der Gartenarbeit gestört wird: „Ich merke hier gar nichts", sagt der 79-Jährige, der seit gut einem Jahr in Hesseln wohnt. Den Grund liefert er gleich nach: „Ich habe 57 Jahre in Leverkusen nahe einer Bahnlinie und einer Autobahn gewohnt." Diesen Mann kann die A 33 nicht schrecken.

Die Autobahn verändert das Leben der Menschen in Hesseln. Wie sie begrüßt wird, hängt von der persönlichen Lebenslage ebenso ab wie von Erwartungen – und eindeutig vom Wind.

Info

Gar nicht als Lärmschutz gedacht

• Der Sprecher von Straßen.NRW hat jahrelange Erfahrung mit der Kritik von Bürgern am Autobahnbau. Und so ist Sven Johanning keinesfalls überrascht über die Rückmeldungen aus Hesseln. Und er stellt eines zu den Wällen und vermeintlich zu niedrigen Wänden im Bereich Hesseln gleich klar: „Hier handelt es sich weniger um Lärmschutz als um Überflughilfen für verschiedene Tiere." Im Klartext: „Ohne Bechsteinfledermaus und Steinkauz wäre es für die Hesselner noch lauter."
• Denn die Autobahn 33 erfülle in diesem Bereich die gesetzlichen Lärmstandards auch ohne zusätzliche Maßnahmen. „Und das ist alles geprüft und im Planfeststellungsverfahren geregelt worden. Die zugrunde liegenden Belastungen wurden dabei unter den ungünstigsten Bedingungen berechnet." Also im Interesse der Bürger.

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