Erste Testfahrt auf der A33: So fährt es sich auf dem letzten Teilstück

Leser aus Halle sind die ersten, die mit ihrem Auto über die neue Trasse fahren dürfen. Ihre Testfahrt gerät zu einem Erlebnis, das sie nicht erwartet hätten.

Matthias Bungeroth

Ein ganz besonderes Autobahn-Feeling: Renate und Wilhelm Pade aus Halle stehen mit ihrem Privatwagen auf der leeren Trasse der A 33 zwischen Borgholzhausen und Halle. Gleich geht es auf die Testfahrt. Am kommenden Montag wird das letzte Teilstück der Autobahn freigegeben. - © jonek-fotografie.de
Ein ganz besonderes Autobahn-Feeling: Renate und Wilhelm Pade aus Halle stehen mit ihrem Privatwagen auf der leeren Trasse der A 33 zwischen Borgholzhausen und Halle. Gleich geht es auf die Testfahrt. Am kommenden Montag wird das letzte Teilstück der Autobahn freigegeben. (© jonek-fotografie.de)

Halle/Bielefeld. Es ist ein ungemütlicher Tag in Ostwestfalen-Lippe. Einstellige Temperaturen, Regen und Wind machen eigentlich mehr Lust auf einen heißen Tee, schöne Musik und einen entspannten Nachmittag im Ohrensessel. Doch vier Leser dieser Zeitung haben sich etwas vorgenommen, das dem einen oder anderen Beobachter durchaus nachdenkliche Falten auf die Stirn zaubern dürfte: Sie testen eine Autobahntrasse.

Als glückliche Gewinner einer HK-Leseraktion wollen sie nun doch wissen, was es mit der viel zitierten letzten Trasse der A 33 auf sich hat, die für so viel Debatten in der Region gesorgt hat, dass ihr Bau mehr als 50 Jahre dauert. „Wir stehen hier an einem spannenden Punkt", begrüßt Andreas Meyer, Leiter der OWL-Niederlassung des Landesbetriebs Straßen.NRW, die wetterfesten Besucher auf der Fahrbahn unterhalb einer Brücke bei Borgholzhausen.

Die Trasse ist in die Landschaft eingegraben

Der „spannende Punkt" ist die tief in die umliegende Landschaft eingegrabene Trasse der A 33 zwischen Halle und Borgholzhausen. Die Fahrbahn liegt hier mehrere Meter unterhalb des sonstigen Landschaftsniveaus. Die Hänge hinauf zu einem kleinen Wäldchen sind mit Schotter abgedichtet. Drainagerohre leiten das Regenwasser nach unten ab. Wildschutzzäune am oberen Ende der Erdwälle sollen verhindern, dass Wild auf die Fahrbahn laufen kann.

Noch leer: Die neue A 33-Trasse mit Grünbrücken. - © Sarah Jonek
Noch leer: Die neue A 33-Trasse mit Grünbrücken. (© Sarah Jonek)

„In diesem Wald sind ganz viele Bechsteinfledermäuse", erläutert Meyer. Der Erhalt der Siedlungsräume dieser geschützten Tierart war einer der großen Konfliktpunkte bei der Auswahl der endgültigen A 33-Trasse. In dem Wald gibt es Fledermauskästen, einzelne Bäume wurden sogar vom Staat angekauft. „Dort haben sie ihre Wochenstuben", erläutert Meyer. Unter diesem Begriff verstehen Experten die Sommerquartiere der Fledermäuse. Aktuell jedoch seien die Tiere eher in ihren Winterquartieren im Teutoburger Wald zu finden.

Die Brücke ist beweglich

Doch auch die Brücke, die beim Regenwetter willkommenen Schutz bietet, hat Details zu bieten, die man der Betonkonstruktion nicht ansieht, wenn man mit dem Auto unter ihr herbraust. Zu sehen ist dies, wenn man die steilen Stufen die Böschung hinaufsteigt. „Die Brücke bewegt sich", erläutert Meyer. Sogenannte Elastomerlager, auf denen die gesamte Konstruktion ruht, machen dies möglich. In ihr sind Elemente aus einem besonders festen Kautschuk-Material eingearbeitet.

Die Besuchergruppe staunt nicht schlecht. Gleich neben den Elastomerlagern sind noch Betonsockel zu finden. Auf ihnen können Hydraulikpressen platziert werden. Meyer: „Damit kann die ganze Brücke angehoben und ausgetauscht werden." Denn auch diese Brücke hält nicht ewig.

Sechs Brücken sind für Tiere

Meyer lenkt die Aufmerksamkeit der Besucher auf die unauffällige Bepflanzung des in Beton gefassten Mittelstreifens. Diese besteht aus sogenannten Sedummatten. Diese bienenfreundlichen Vegetationsmatten werden auch zur Dachbegrünung verwendet. Hier eingesetzt, haben sie gleich mehrere Vorteile. Meyer: „Sie sehen gut aus, sind fest und müssen selten gepflegt werden." Dieses Problem gibt es bei Sträuchern, die anderenorts auf Mittelstreifen wachsen. „Das finde ich ideal", lobt Renate Pade diese Lösung.

Blick hinter die Kulissen: Sven Johanning öffnet eine Tür der Schallschutzwand zu neu angepflanzten Bäumen. - © Sarah Jonek
Blick hinter die Kulissen: Sven Johanning öffnet eine Tür der Schallschutzwand zu neu angepflanzten Bäumen. (© Sarah Jonek)

Es geht ein Kurzes Stück auf der Trasse weiter Richtung Steinhagen. „Dies ist die Grünbrücke Eschweg", erläutert Sven Johanning, Sprecher von Straßen.NRW. Diese begrünte Brücke dient etlichen Tierarten, um die Autobahntrasse unversehrt überqueren zu können. Sechs Stück dieser Bauwerke gibt es allein auf diesem 12,7 Kilometer langen Abschnitt. Ein Blick durch die Tür einer Schallschutzwand gibt weitere Einblicke. Obstbäume sind hier neu in einer Reihe angepflanzt worden. „Der Steinkauz fliegt von Baum zu Baum und überquert auf der Brücke die Autobahn", erläutert Johanning. Die Funktionstüchtigkeit dieser Lösung müsse durch ein Monitoring nachgewiesen werden, erläutert der Sprecher.
Die Autobahn ist vierspurig

Die Besucher nicken anerkennend. Doch natürlich wollen sie auch etwas über die verkehrstechnische Bedeutung der neuen A 33-Trasse wissen. So fragt Lutz Stübner: „Der Verkehr wird hier ja zunehmen. Warum hat man dann trotzdem nur eine vierspurige Autobahn gebaut", will der Berufskraftfahrer wissen. Andreas Meyer zögert keinen Moment. „Es würde lange dauern, eine Verkehrsdichte zu erreichen, die einen sechsstreifigen Ausbau erforderlich machen würde." Er nennt als Beispiel die sechsspurige A 2, auf der zumeist bis zu 80.000 Fahrzeuge innerhalb von 24 Stunden verkehrten. Die A 33 bringe es nur auf die Hälfte, so der Straßen.NRW-Chef.

Mitarbeiter einer Baufirma fahren mit einem Fahrzeug vorbei. Sie reinigen derzeit bis zu 700 Gullys entlang der Autobahntrasse. Auch das ist nötig, damit die Fahrbahn am kommenden Montag für den Verkehr freigegeben werden kann. Noch ein Blick auf ein Regenrückhaltebecken, das von der Fahrbahn ablaufendes Regenwasser auffängt, damit Öl abgeschieden werden kann und die nahen Bäche nicht überfluten. „Dieser Besuch hat uns die Augen geöffnet", sagt Wilhelm Pade und die anderen Besucher nicken zustimmend. Es sei gut, dass die A 33 komme, wenn auch eindeutig zu spät, finden sie.
Eine Timeline des Baus der A33:

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